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Russland : Sotschi und die „tscherkessische Frage“

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Bild: www.bridgemanart.com

Dort, wo während der Olympischen Spiele die Skiwettbewerbe ausgetragen werden, hat die Armee des Zaren 150 Jahre zuvor die Siegesparade nach einem Krieg gehalten, der mit der Vertreibung der einheimischen Bevölkerung endete. Die Tscherkessen fordern, daran zu erinnern - Moskau will verhindern, dass das geschieht.

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          Vor den Olympischen Winterspielen im kanadischen Vancouver gab es lange, teilweise erbittert geführte Diskussionen darüber, in welcher Form die indianischen Ureinwohner der Region an den Spielen des Jahres 2010 beteiligt werden sollten. Zur Debatte stand freilich nur das Wie, nicht das Ob: Die Einbeziehung der Indianer war schon in der Olympiabewerbung Vancouvers vorgesehen - ein Aspekt, der vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) damals ausdrücklich gelobt wurde.

          In der Region um Sotschi am Schwarzen Meer, wo im Februar Winterspiele ausgetragen werden, gibt es ebenfalls ein Volk, das dort einst die Mehrheit stellte: die Tscherkessen. Dessen Angehörige wurden im 19. Jahrhundert in einem blutigen Eroberungskrieg von der russischen Armee getötet oder vertrieben. Die Weltöffentlichkeit weiß über die Geschichte der Tscherkessen weniger als über die der nordamerikanischen Indianer, und wenn es nach der russischen Führung ginge, sollte das auch so bleiben. Im Programm der Olympischen Spiele in Sotschi fand sich für die Tscherkessen kein Platz. Die in alle Welt zerstreute tscherkessische Diaspora, aber auch Organisationen der kleinen tscherkessischen Bevölkerungsgruppen, die heute noch in Russland leben, wurden durch die Vergabe der Spiele an Sotschi mobilisiert.

          Die Geschichte des Nordkaukasus ist seit der Eroberung durch das zaristische Russland eine Geschichte der Gewalt. Sie hält bis heute an - und betrifft auch die Spiele in Sotschi, für deren Sicherheit die russische Regierung einen gigantischen Aufwand betreibt. In unmittelbarer Nachbarschaft des Austragungsorts liegen im zu Russland gehörenden Nordkaukasus Gebiete, die in russischen und internationalen Sicherheitsanalysen als Brennpunkte der Gewalt beschrieben werden.

          Die Wahrnehmung des Nordkaukasus war lange Zeit auf Tschetschenien beschränkt, wo nach dem Ende der Sowjetunion zwei Kriege mit mehreren zehntausend Toten ausgetragen wurden. Seit dem Ende des zweiten Tschetschenien-Kriegs ist die Region aus dem Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit geraten, doch in diesem Jahr machte sie wieder Schlagzeilen: Dafür sorgte zum einen der Terroranschlag auf den Marathonlauf von Boston am 15. April, weil die Täter tschetschenischer Abstammung waren; zum anderen drohte der Führer des islamistischen Untergrunds im Nordkaukasus, der „Emir“ Doku Umarow, am 3. Juli in einem Video mit Anschlägen auf die Olympischen Spiele in Sotschi.

          Die „tscherkessische Frage“ und die Terrordrohung des „Kaukasischen Emirats“ verweisen auf zwei Entwicklungen in der südlichen Peripherie Russlands im Kaukasus im zurückliegenden Vierteljahrhundert: zum einen eine ethnische, zum anderen eine islamistische Mobilisierung.

          Der Nordkaukasus und die „Explosion des Ethnischen“

          Seit Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren es vor allem Bewegungen von Volksgruppen und territoriale Konflikte, die den Nordkaukasus zu einem besonders komplizierten Gebiet im sowjetischen Vielvölkerreich und in der nachsowjetischen Russischen Föderation machten. Ein führender russischer Ethnologe beschrieb das Geschehen der Wendejahre als „Explosion des Ethnischen“. In das schillernde kaukasische Ethnogramm mit seiner Vielzahl an Volksgruppen und Sprachen kam heftige Bewegung. Eine „Volksfront“ nach der anderen trat mit Forderungen nach mehr Autonomie für die eigene Gruppe in Erscheinung. Auf dem Territorium der Teilrepublik Karatschajewo-Tscherkessien mit ihren damals gerade einmal 431 000 Einwohnern wurden im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion vier kurzlebige Mini-Republiken ausgerufen: eine der turkstämmigen Karatschaier, eine tscherkessische, eine Kosakenrepublik und eine Republik der abasinischen Minderheit.

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