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Russland : Gegen die westliche Gefahr

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Bild: Reuters

In Russland ist derzeit viel von „Eurasien“ die Rede - auch Präsident Putin beruft sich darauf. Woher kommt der Begriff, und welche politischen Vorstellungen sind damit verbunden? Eine ideengeschichtliche Suche, die zu russischen Exilanten Anfang des 20. Jahrhunderts und in das rechtsextreme Milieu der ersten nachsowjetischen Jahre führt.

          Die sogenannte Eurasierbewegung entstand im Jahr 1921 im russischen Exil, Ende der dreißiger Jahre war sie wieder verschwunden. Heute erlebt sie eine unerwartete Renaissance: Zahlreiche politische Gruppierungen und einzelne Politiker im heutigen Russland erheben den Anspruch auf das Vermächtnis der Eurasier - allen voran Staatspräsident Wladimir Putin. Zu Recht?

          Im Gegensatz zur Mehrheit der russischen Emigranten, die der Katastrophe der Jahre 1917 bis 1920 fassungslos gegenüberstanden, sahen die Eurasier in der Tragödie der Revolution und des Bürgerkrieges einen tieferen Sinn: Der Untergang des Zarenreiches habe den Russen eine Sicht der Dinge geöffnet, die den Westeuropäern versperrt geblieben sei. Mit diesem Katastrophenbewusstsein wollten sie den zur Flucht in die Fremde gezwungenen Gegnern der Bolschewiki ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den Gastländern vermitteln. Aber die Eurasier appellierten nicht nur an Gefühle, sondern hielten sich auch konzeptionell für eine Avantgarde. Indem sie der asiatischen Komponente in der russischen Geschichte eine bis dahin unübliche Aufmerksamkeit schenkten, verbanden sie starke Emotionalität mit Wissenschaftlichkeit.

          Die mangelnde Wertschätzung des asiatischen Elements rührte daher, dass Russland seit Zar Peter dem Großen (1672 bis 1725) unentwegt darum kämpfte, als europäische Macht anerkannt zu werden. Der Westen reagierte auf diese Bemühungen in der Regel recht skeptisch und hielt an der Überzeugung fest, Russland sei eine Art Fremdkörper in Europa. Trotz seiner oberflächlichen Europäisierung sei das Land in seinem Wesenskern „asiatisch“ geblieben. Dass „europäisch“ mit „westlich“ gleichgesetzt wurde und dass Europa auch einen Osten hat, ließ man in der Regel außer Acht. Gegen einen derart verkürzten Europa-Begriff regte sich in Russland schon im 19. Jahrhundert Protest, vor allem von Seiten der Schriftsteller. Die russische Revolution lieferte der Diskussion zusätzliches Anschauungsmaterial. Der Kultursoziologe Alfred Weber schrieb 1925, die bolschewistische Herrschaft habe die Reasiatisierung Russlands bewirkt. Russland habe nur zeitweise und versehentlich der europäischen Staatengemeinschaft angehört und mit seiner Abwendung von Europa kehre es zu sich selbst zurück.

          Auf Argumente dieser Art reagierten führende Vertreter der russischen Intelligenzija, indem sie um jeden Preis zu beweisen versuchten, dass Russland ein Teil Europas sei. Ganz anders verhielten sich die Eurasier, unter denen Ethnologen, Sprachwissenschaftler, Historiker, Geographen, Theologen, Philosophen und auch Rechtswissenschaftler den Ton angaben. Auf den westlichen Isolationismus antworteten sie mit einem ebenso starken östlichen Isolationismus. Sie waren gleichfalls der Meinung, dass Russland nur versehentlich der europäischen Staatengemeinschaft angehört habe. In Wirklichkeit habe das Land im Westen nichts verloren, sondern müsse sich dem Osten zuwenden und das Fenster nach Europa schließen, das Peter der Große geöffnet hatte. Der erste Band, in dem 1921 Schriften der Eurasier versammelt wurden, trug den programmatischen Titel „Der Aufbruch nach Osten“.

          Die Hinwendung zum Osten unterlegten die Eurasier mit der Verklärung jener Periode der russischen Geschichte, in der das Land von den Tataren beherrscht worden war: Sie hielten nicht die Kiewer Rus, sondern das Imperium Dschingis Khans für den direkten Vorläufer des Russischen Reiches. Dass sie dadurch gegen traditionelle russische Empfindungen verstießen, war ihnen gleich: Schließlich habe die Kiewer Rus nur ein Zwanzigstel des russischen Territoriums umfasst, schrieb damals einer der Vordenker der Eurasierbewegung, der 1890 geborene Sprachwissenschaftler Nikolaj Trubetzkoj. Das Mongolenreich hingegen habe territorial dem heutigen Russland weitgehend entsprochen, wie auch Dschingis Khan der erste Vertreter jener Idee von der Einheit des Territoriums gewesen sei, das die Eurasier als einen eigenständigen Kontinent „Eurasien“ bezeichneten.

          Obwohl diese Neubewertung der Tatarenherrschaft nicht nur historische, sondern auch aktuelle Implikationen besaß, beschränkte sich die Diskussion über diese Frage in den zwanziger Jahren weitgehend auf die Zunft der Gelehrten. Höhere Wellen schlugen andere Thesen der Eurasier, vor allem ihre Kritik am Westen sowie ihre Charakterisierung von Ursachen und Wesen der Russischen Revolution. Leidenschaftliche Kontroversen, die die Eurasier auf diesen beiden Feldern entfachten, trugen zu ihrem raschen Aufstieg bei.

          Die Eurasier hielten den europäischen Sendungsgedanken, den die Westeuropäer vom alten Rom übernommen hatten, für eine Art Geißel der Menschheit. Er sei in erster Linie an den Krisen des 20. Jahrhunderts schuld. Die Überzeugung der Westeuropäer, nur sie seien im Grunde zivilisierte Menschen, sei so stark, dass sie sich auch auf viele nichteuropäische Völker übertrage, schrieb Trubetzkoj 1920 in seinem vielzitierten Buch „Europa und die Menschheit“. Unter dem Einfluss dieser Überzeugung beginne die Bildungsschicht dieser Völker, ihre eigene Kultur mit europäischen Maßstäben zu bewerten und geringzuschätzen. Das Bewusstsein der eigenen Rückständigkeit zwinge die Nichteuropäer, notwendige Entwicklungsstufen zu überspringen. Das zehre unnötig an ihrer Kraft und entfremde sie noch stärker der eigenen Tradition.

          Im Gegensatz zu Oswald Spengler und anderen westlichen Pessimisten war Trubetzkoj keineswegs der Ansicht, dass Europa seine hegemoniale Stellung bereits weitgehend verloren habe. Trubetzkoj befürchtete vielmehr, der Siegeszug Europas in der Welt werde unaufhaltsam weitergehen, da immer mehr Völker der Faszination der europäischen Kultur erlägen. Die einzige Chance Russlands, sich dieser Abhängigkeit zu entziehen, sah Trubetzkoj in der engen Anlehnung an Befreiungsbewegungen der Kolonialvölker. Die Zukunft Russlands liege nicht in seiner Wiederherstellung als europäische Großmacht, sondern darin, dass es zum Führer der weltweiten Auflehnung gegen Europa werde.

          An dieser Stelle zeigt sich eine verblüffende Parallele zur Argumentation der Bolschewiki. Auch sie wollten Russland zum Zentrum der Auflehnung gegen die europäische Weltherrschaft machen. Beide Gruppen nahmen an, die abhängigen Völker würden Russland als ihresgleichen ansehen, nicht als eine europäische Hegemonialmacht, sondern als eine unterdrückte Nation, die mit Europa nichts gemein habe. Diese Annahme sollte sich als falsch erweisen. Für die Mehrzahl der nichteuropäischen Völker blieb Russland weiter eine europäische Imperialmacht. Der Bruch mit Europa war für Russland nicht so leicht zu vollziehen, wie die Bolschewiki und Nikolaj Trubetzkoj dies hofften.

          Der Kritik am Westen, diesem alten Topos der russischen Geschichtsphilosophie, fügten die Eurasier ein neues Element hinzu, indem sie die Position Russlands als europäische Großmacht in Frage stellten. Dieser Akzent entsprach dem revolutionären Charakter der Epoche, in der die Eurasier agierten. Im vorrevolutionären Russland waren solche Stimmen nur selten zu vernehmen gewesen.

          Der eurasischen Position ähnelte vielleicht am ehesten die des konservativen Schriftstellers und Publizisten Konstantin Leontjew (1831 bis 1891), den die Eurasier selbst als einen ihrer Vorläufer ansahen. Leontjews Einstellung gegenüber dem Slawentum war ebenso skeptisch wie die der Eurasier. Ähnlich wie die Eurasier wollte auch er Russland vom Westen durch eine undurchdringliche Mauer abgrenzen, um die Eigenart der russischen Kultur zu bewahren. Allerdings lehnte Leontjew im Gegensatz zu den Eurasiern nicht die westliche Kultur als solche ab, sondern in erster Linie ihre Verbürgerlichung und Demokratisierung infolge der Französischen Revolution. Das alte, feudal-aristokratische Europa wurde von Leontjew durchaus positiv bewertet. So bleibt die Suche nach den direkten Vorläufern der Eurasier in der russischen Ideengeschichte im Wesentlichen ergebnislos. Ihre Ideen waren untrennbar mit dem revolutionären Charakter der Epoche verbunden, in der sie agierten.

          Große Resonanz rief in der russischen Emigration nicht nur die Kritik der Eurasier am Westen hervor, sondern auch deren Analyse, wie es zu der Russischen Revolution gekommen war: Nach ihrer Ansicht entsprang die Revolution in erster Line einer Auflehnung des Volkes gegen das Werk Peters des Großen. Sie war eine Folge der Spaltung der Nation, die dieser Zar vollzogen hatte. Peter der Große habe das Fundament vernichtet, auf dem die innere Stärke Russlands ruhte.

          Die Kühnheit, mit der die Eurasier viele rechte und linke Denkklischees wie auch manche geheiligten russischen Traditionen kritisierten, erklärt zum großen Teil die anfänglichen Erfolge der Eurasierbewegung. Ihre Kritiker taten sich schwer mit deren Einordnung und suchten unentwegt nach verwandten politischen Phänomenen. So schrieb 1924 der russisch-deutsche Philosoph Fjodor Stepun, die Eurasier sähen viel Positives im Bolschewismus und kritisierten die parlamentarische Demokratie wesentlich schärfer. Diese Verurteilung der Demokratie sei indes eine allgemein europäische Erscheinung. Auch der italienische Faschismus wurde von einigen Autoren als ein Phänomen herangezogen, dem die Eurasier in gewisser Hinsicht ähnelten. Die Eurasier seien ebenso wie die italienischen Faschisten nationalistisch, antidemokratisch und elitär gesinnt, schrieb Stepun.

          Die Eurasier leugneten eine gewisse Verwandtschaft mit den Bolschewiki oder den italienischen Faschisten nicht. So bestätigte Trubetzkoj im Jahr 1925 Ähnlichkeiten der Eurasier mit den Bolschewiki: Beide lehnten das vorrevolutionäre russische und das gegenwärtige westliche System ab; beide riefen die Völker Asiens und Afrikas zum Aufstand gegen die Europäer auf. In der programmatischen Schrift „Ewrasijstwo“ (1926) wird der Faschismus positiv als ein Versuch bewertet, eine Alternative zum parlamentarisch-demokratischen System zu finden. Trubetzkoj beteuerte 1927, der Faschismus habe eine Revolution in die Wege geleitet, die in ihren Auswirkungen nur von der bolschewistischen übertroffen worden sei.

          Die Eurasier nahmen sehr wohl wahr, dass die Ideologie sowohl im Faschismus wie im Bolschewismus einen hohen Stellenwert besaß. Beide Regime befänden sich im Einklang mit dem Zeitgeist, im Gegensatz zu den Demokratien - den Nachzüglern des aus der Sicht der Eurasier bereits überwundenen liberalen Zeitalters. In Europa sei nun ein ideologisches Zeitalter angebrochen. Nur durch große, alle Lebensbereiche durchdringende Ideen lasse sich die Welt aus ihrer gegenwärtigen Krise herausführen, so die Ideologen der Eurasierbewegung. Diese Ideen sollten zur Grundlage neuer Herrschaftsformen werden, die die Eurasier als „Ideokratien“ bezeichneten.

          Ungeachtet ihrer positiven Bewertung des Bolschewismus und des italienischen Faschismus, hielten die Eurasier diese beiden Regime nicht für „echte“ Ideokratien. Am Faschismus kritisierten sie dessen ideologischen Eklektizismus. Die Verherrlichung der eigenen Nation sei der einzige Inhalt der faschistischen Ideologie. Dem Bolschewismus warfen die Eurasier wiederum vor, er habe keine echte Alternative zu den im Westen herrschenden Ideen entwickelt. Seine sogenannte proletarische Kultur sei in Wirklichkeit nur eine primitive Nachahmung der westlichen bürgerlichen Kultur.

          Auf ihre Weise war die Eurasierbewegung eng mit der Übergangsperiode der zwanziger und der beginnenden dreißiger Jahre verbunden. Es wäre aber ungerecht, die Fragen, die von den Eurasiern aufgeworfen wurden, pauschal nur als zeitbedingte Phänomene abzutun. Manche ihrer Urteile waren überzogen und ungerecht, etwa das über das nachpetrinische Russland. Die Petersburger Periode war ohne Zweifel eine der kreativsten Epochen der russischen Geschichte. Die Entwicklung Russlands ist ohne die Kultur des russischen 19. Jahrhunderts nicht vorstellbar. Bedenkt man allerdings, welch tragisches Ende das Petersburger Russland genommen hat, muss man dem Argument der Eurasier vom brüchigen Fundament, auf dem dieser Staat basierte, Aufmerksamkeit schenken.

          Auch die These der Eurasier von der beinahe unwiderstehlichen Anziehungskraft der westlichen Kultur auf die nichteuropäischen Völker hat ihre Aussagekraft bis heute kaum eingebüßt. Der Siegeszug der europäischen Ideen und der Europäisierung ist trotz aller Prophezeiungen über den Untergang des Abendlandes - jedenfalls bis in die allerjüngste Zeit - unaufhaltsam weitergegangen. Trotz der Schrumpfung der politischen Macht des Westens ist die geistige Hegemonie Europas in der Welt weitgehend unangetastet geblieben. Immer mehr Völker sind in den Bannkreis der europäischen Ideen geraten und schwanken zwischen Nachahmung Europas und Auflehnung dagegen. Auch sie erleben nun Identitätskrisen, wie sie in Russland vor mehr als zwei Jahrhunderten aufgetreten sind. Aus diesem Grunde gewinnt die Reaktion der Eurasier auf die Europäisierung besondere Aktualität.

          Die Eurasier träumten davon, die bolschewistische Partei zu beerben. Die Lage in der Sowjetunion sei zwar besorgniserregend, aber nicht aussichtslos, schrieb Nikolaj Trubetzkoj im Jahr 1937: „Den Ausweg stellt die Ablösung des Marxismus durch eine andere herrschende Idee dar.“ Für ihn gab es keinen Zweifel daran, dass diese andere Idee nur die „eurasische“ sein könne. Ein Jahr später starb Trubetzkoj. Sein Tod symbolisierte das Ende des klassischen Eurasiertums. Seit 1922 hatte er an der Universität Wien Sprachwissenschaften und slawische Philologie unterrichtet. Da er die nationalsozialistische Rassenlehre in Frage stellte, wurde er nach dem „Anschluss“ Österreichs von der Gestapo verhört. Nach einem dieser Verhöre starb er im Alter von 48 Jahren.

          Trotz ihres großen Ehrgeizes hatten die Eurasier es nicht vermocht, eine wirksame Alternative zur kommunistischen Ideologie zu entwickeln. Ihre Lehre schien ein skurriles und endgültig abgeschlossenes Kapitel der Ideengeschichte des russischen Exils zu sein.

          Indes sollten die Ende der dreißiger Jahre scheinbar endgültig in der Versenkung verschwundenen eurasischen Ideen fünfzig Jahre später eine Renaissance erleben. Schon in der Endphase der Gorbatschowschen Perestrojka, als die Erosion der kommunistischen Ideologie immer offensichtlicher wurde, machten sich viele Verfechter der imperialen russischen Idee auf die Suche nach einer neuen, einigenden Klammer für alle Völker und Religionsgemeinschaften des Sowjetreiches. Dabei stießen sie auf die Eurasier. Besonders hervor tat sich der 1962 geborene Publizist Alexander Dugin, der seit dem Ende der achtziger Jahre dem radikalen Flügel der sogenannten national-patriotischen Opposition angehört. Damals nahm er auch Kontakte zu Vertretern rechtsradikaler Gruppierungen in Westeuropa auf und versuchte, ihre Ideen, aber auch die Ideen der deutschen „konservativen Revolution“ und der Eurasier in Russland zu popularisieren. Als Plattform zur Verbreitung seiner Ideen diente ihm die Zeitschrift „Elementy“, die er von 1992 bis 1998 als Chefredakteur zusammen mit Gleichgesinnten herausgab.

          Das ideologische Credo der „Elementy“Gruppe wies durchaus Übereinstimmungen mit dem Programm der Eurasier auf. Beide Gruppierungen verfochten leidenschaftlich einen kulturellen Partikularismus, den sie gegen universale Ideen in Stellung brachten. Die Eurasier hatten den Universalismus für eine Erfindung der „romanisch-germanischen“ Völker gehalten, die ihren eigenen Wertvorstellungen und zivilisatorischen Normen einen allgemeingültigen, alle Völker der Welt verpflichtenden Charakter verleihen wollten. Ähnlich bewerteten nun Dugin und andere Herausgeber der „Elementy“ die heutigen Globalisierungstheorien. Wie alle „mondialistischen“ Konzepte würden sie von den regierenden Kreisen des Westens lanciert, vor allem von der amerikanischen Machtelite, um die Weltherrschaft zu erlangen.

          Die Eurasier hatten den Westen insgesamt als Gegner der gesamten nichtabendländischen Menschheit betrachtet. Das Feindbild der „Elementy“, die sich im Untertitel „Eurasische Umschau“ nannte, bestand nur noch aus den angelsächsischen Seemächten, deren Interessen denen der Kontinentalmächte diametral widersprächen. Die „Thalassokratien“ seien für die Abschaffung von Grenzen, für eine Vereinheitlichung von Kulturen, für eine Schmelztiegelgesellschaft. All dies werde von den westlichen beziehungsweise „atlantischen“ Verfechtern des „Mondialismus“ als Fortschritt angepriesen. Die Kontinentalmächte hingegen seien traditionalistisch gesinnt und im Boden verankert. Die kulturelle Eigenart einzelner Völker stelle für sie ein kostbares Gut dar. Diesen Gegensatz hielten Dugin und andere Mitglieder der „Elementy“-Gruppe für unüberbrückbar.

          Neben der Ablehnung des „vom Westen lancierten“ Universalismus verband Dugin und seine „neoeurasischen“ Gesinnungsgenossen mit den „klassischen“ Eurasiern auch eine radikale Gegnerschaft zum liberal-demokratischen System. Die „Elementy“-Gruppe wollte sich nicht mit dem Sieg ihres liberalen Erzfeindes abfinden und rief zu einem Rachefeldzug auf, um die Schmach der Niederlage aller Gegner des Westens ungeschehen zu machen. Eine Versöhnung zwischen den beiden Lagern sei unmöglich, so die Autoren der „Elementy“: „Zwischen ihnen herrscht nur Feindschaft, Hass, brutalster Kampf nach Regeln und ohne Regeln, der Kampf auf Vernichtung, bis zum letzten Tropfen Blut. Zwischen ihnen liegen Berge von Leichen . . . Wer von ihnen wird das letzte Wort haben? . . . Dies wird der Krieg entscheiden, ,der Vater aller Dinge‘.“

          Diese Diktion hat mit dem Vokabular der Eurasier nichts gemein. Deren Ziel war keineswegs die Zerstörung des Westens, sondern die Abschirmung Russlands und des gesamten eurasischen Subkontinents von den kulturellen Einflüssen des Okzidents. Ihr Programm war keineswegs expansionistisch, sondern isolationistisch. Als ihr größtes traumatisches Erlebnis betrachteten sie den Zerfall des Russischen Reiches infolge der Umwälzung von 1917, und sie wollten eine neuerliche Auflösung der russischen Staatlichkeit um jeden Preis verhindern. Nicht die Beherrschung der Erde interessierte sie, sondern die Suche nach einer einigenden Klammer für das russische Vielvölkerreich. Eine derartige Selbstbeschränkung, wie sie für die Eurasier typisch gewesen war, kam für Dugin nicht in Frage. Nicht die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Ost und West, sondern die gänzliche Bezwingung des westlichen Gegners hielt er für das einzig akzeptable Ziel.

          Szenarien wie diese haben mit den Gedankengängen der „klassischen“ Eurasier wenig gemeinsam. Warum bekennt sich Dugin dennoch zum eurasischen Programm? Man hat den Eindruck, dieses Bekenntnis stellt eine Art Tarnmanöver dar, um dem von Dugin propagierten rechtsradikalen Programm einen Anschein von Respektabilität zu verleihen.

          Dugin versucht auf vielfältige Weise, das russische Establishment mit seiner Endkampfideologie zu beeinflussen, wobei er in manchen Fällen auch Erfolge verzeichnen kann. Seit Jahren kann er ungehindert seine Hasstiraden in den staatlich kontrollierten Massenmedien verkünden. Eine Zeitlang fungierte er als Berater des von 1996 bis 2003 amtierenden Vorsitzenden der Staatsduma, Gennadij Selesnjow. Seine 2003 gegründete Internationale Eurasierbewegung wird von einer Reihe prominenter Politiker offiziell unterstützt. Im Jahre 2008 wurde Dugin sogar zum Leiter des neugegründeten Zentrums für die Erforschung des Konservatismus an der Soziologischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität (MGU) ernannt. Damit erhielt er die Möglichkeit, seine Thesen als Professor der bedeutendsten Hochschule Russlands zu verbreiten. Mitte 2014 teilte Dugin allerdings mit, dass sein Vertrag mit der MGU nicht verlängert worden sei.

          Seit Jahren kokettiert auch Wladimir Putin mit dem eurasischen Gedanken und sucht ihn als eine Alternative zur europäischen Idee zu popularisieren. Die „Eurasische Union“, die er gründen möchte, hat er als Gegenmodell zur EU konzipiert. In Wirklichkeit aber unterscheidet sich das Putinsche ideologische Konstrukt grundlegend von den Ideen der „klassischen“ Eurasier. Das von Putin angestrebte imperiale Gebilde soll nicht auf einer multikulturellen Synthese aufbauen, wie sie den Eurasiern vorschwebte, sondern in erster Linie auf dem russischen Nationalismus. Als seine wichtigsten Verbündeten betrachtet der Kremlherrscher denn auch nicht die asiatischen Völker des ehemaligen Sowjetreiches, sondern die russischen Minderheiten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Mit den eurasischen Ideen hat diese russozentrische Sicht nur wenig Ähnlichkeit. Schon 1927 hob Nikolaj Trubetzkoj hervor, die Zeit der Alleinherrschaft der Russen im Russischen Reich sei endgültig vorbei.

          Putins Russozentrismus führt zu einer zunehmenden Entfremdung zwischen Moskau und den islamischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, was keineswegs im Sinne der „klassischen“ Eurasier wäre. Das Ausmaß dieser Entfremdung spiegelte sich während der Abstimmung in den Vereinten Nationen über die Krim-Frage wider. Kein einziger dieser Staaten hat sich mit Moskau solidarisiert. Was Putins politisches Programm zusätzlich von demjenigen der Eurasier unterscheidet, ist der Umstand, dass er die Errichtung einer grenzüberschreitenden Allianz der Gegner der Moderne anstrebt und dabei westliche Rechtspopulisten wie den Front National von Marine Le Pen als wichtige Verbündete betrachtet. Für die Eurasier hingegen kam eine Zusammenarbeit mit den politischen Kräften des Westens gleich welcher Couleur nicht in Frage.

          Es gibt zwar trotz dieser fundamentalen Unterschiede auch einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Putinschen Weltbild und demjenigen der Eurasier. Westliche Werte wie Liberalismus, Pluralismus oder Individualismus haben darin keinen Platz. Stattdessen wird ein starker und autoritärer Staat verklärt. In einem entscheidenden Punkt trennen sich aber ihre Wege wieder: in der Einstellung gegenüber dem Sowjetregime. Seit Jahren wird in Russland die Sowjetnostalgie von oben gefördert, die Sowjetsymbolik ist allgegenwärtig, die sowjetische Hymne, wenn auch mit einem neuen Text, ist seit dem Jahr 2000 die offizielle Hymne Russlands.

          Ganz anders verhielt es sich mit der Einstellung der prägenden Personen des Eurasiertums zum Sowjetsystem. In dieser Bewegung gab es zwar einen prosowjetischen Flügel, dem, wie man inzwischen weiß, auch einige sowjetische Agenten angehörten und der 1929 zur Spaltung der Bewegung führte. Für die führenden Denker des „klassischen“ Eurasiertums kamen jedoch Kompromisse mit der Sowjetdiktatur nicht in Frage. Im Jahre 1937, als der stalinistische Große Terror seinen Höhepunkt erreichte, veröffentlichte Trubetzkoj einen Artikel unter dem Titel „Der Niedergang der Schaffenskraft“. Obwohl der Artikel den Terror nicht beim Namen nennt, ist er eine vernichtende Kritik des Stalinismus. Die repressive Politik des Regimes habe zum Erlahmen der Kreativität im Lande geführt, so Trubetzkoj: „Die zum Schweigen verurteilten Menschen verlernen allmählich auch zu sprechen.“ Auf diese durch die Partei verursachte Sprachlosigkeit führte er die Unfähigkeit des Stalinismus zurück, einen eigenen kulturellen Stil zu entwickeln.

          Trubetzkoj war davon überzeugt, dass der Kommunismus zum Untergang verurteilt sei, weil er sein schöpferisches Potential gänzlich verbraucht habe. Gleichwohl sollte dieses System noch ein halbes Jahrhundert lang das Weltgeschehen entscheidend prägen. Die politische Vitalität des Kommunismus wurde von Trubetzkoj eindeutig unterschätzt, nicht aber die kulturelle. Denn schon damals sagte er mit großem Weitblick voraus, dass eine Ideologie, die nicht imstande sei, die kulturelle Elite zu inspirieren, und nur den offiziösen künstlerischen Kanon dulde, auf die Dauer keine Überlebenschance habe.

          Sucht man nach den Ursachen für den Zusammenbruch des Sowjetregimes, darf man die Diagnose Trubetzkojs nicht außer Acht lassen. Nicht nur die wirtschaftliche Schwäche, nicht nur die technologische Rückständigkeit, sondern auch der „Niedergang der Schaffenskraft“, der in Russland infolge der stalinistischen Gleichschaltung zu beobachten war, bedingte letztendlich den Untergang des Sowjetreiches. Davon wollen allerdings die Sowjetnostalgiker im heutigen Russland nichts hören.

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