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Russland : Deportierte Völker

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Nicht wenige Darstellungen des inguschisch-ossetischen Konflikts im Herbst 1992 übernahmen die Bilanz einer Untersuchungsgruppe des russischen Innenministeriums, der zufolge die Kämpfe 546 Menschenleben, davon 407 Inguschen und 105 Osseten, gefordert haben; es liegen aber auch erheblich höhere Zahlen vor. Die Angaben über die inguschischen Vertreibungsopfer schwanken stark, nämlich zwischen 30 000 und 70 000. Von den 16 Dörfern des Prigorodnyj-Bezirks, in denen Inguschen kompakt gelebt hatten, wurden 13 zerstört. Die Angaben über die Zahl der vernichteten Häuser schwanken zwischen 3000 und 4000; jedenfalls gehörte der ganz überwiegende Teil Inguschen. Das Ziel der Zerstörung von inguschischen Häusern war offensichtlich: Sie sollten weder den Wunsch noch die Möglichkeit haben, an die Orte ihres früheren Lebens zurückzukehren, das heißt, in Nordossetien erwartete man sich - ähnlich wie anlässlich der Deportation des ganzen inguschischen Volkes 1944 - eine „definitive Lösung“ der „Probleme“ mit den Inguschen nun wenigstens für den Prigorodnyj-Bezirk. Die nordossetischen Behörden bewiesen bei der Erfindung immer neuer Schikanen gegen rückkehrwillige Inguschen großen Einfallsreichtum. Wenig überraschend schleppte sich daher die Rückkehr der Inguschen nach Nordossetien jahrelang hin, um 2007 praktisch zum Stillstand zu kommen.

Die Kontroverse wird auch auf juristischer Ebene ausgetragen. Artikel 6 des russischen Gesetzes „Über die Rehabilitierung der repressierten Völker“ vom April 1991 sieht eine „territoriale Rehabilitierung“ vor. Daraus resultierte in der Interpretation der Inguschen eine Verpflichtung zur Rückgliederung des Prigorodnyj-Bezirks an die Tschetscheno-Inguschische Republik beziehungsweise - nach deren Aufteilung 1992 - die Republik Inguschetien. In Nordossetien wird dieses Gesetz denn auch bis heute vehement kritisiert.

Konsequent findet sich bis heute in der Verfassung der Republik Inguschetien von 1994 der (von Nordossetien naturgemäß immer heftig bekämpfte) Artikel 11, der „die Rückkehr von mit ungesetzlichen Mitteln von Inguschetien abgetrennten Territorien“ - also dem Prigorodnyj-Bezirk - verlangt. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass Nordossetien in der überschaubaren Zukunft den Prigorodnyj-Bezirk freiwillig überstellen oder Moskau in dieser Angelegenheit ein „Machtwort“ sprechen könnte. Damit aber sind aus der Sicht der Inguschen die Folgen der Deportation von 1944 politisch, administrativ und demographisch einzementiert.

Weder in der Sowjetunion noch im postsowjetischen Russland kam irgendjemand für die Teilnahme an Planung und Ausführung von Stalins Deportationen aus dem Nordkaukasus vor Gericht. In Tschetschenien und Inguschetien selbst wird heute das Andenken auf Sparflamme gehalten, und auch der dortige geschichtswissenschaftliche Diskurs dazu fällt weit weniger intensiv aus, als man erwartet hätte. So ist bezeichnend, dass eine von der Historikerin Marjam Jandijewa verfasste Geschichte der Deportation in einer Auflage von nur 400 Stück erschienen ist - und zwar nicht in Russland, sondern in Georgien. Der Überblick über die Geschichte Tschetscheniens auf der Homepage von Putins Statthalter in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, handelt die Deportation 1944 in ganzen zwei lakonischen Sätzen ab. Immerhin hat das Europaparlament 2004 die Deportation als Akt des Genozids anerkannt. Doch in der heutigen inoffiziellen „Loyalitätshierarchie“ des Kremls für die nordkaukasischen Völker stehen die Tschetschenen und Inguschen wie bereits zu Stalins Zeiten auf den letzten Plätzen - und die Osseten auf dem ersten.

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