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Russland : Deportierte Völker

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Die Deportation hat bis heute auch großen Einfluss auf das Verhältnis der nordkaukasischen Völker untereinander. Auf besonders dramatische Weise wurde das deutlich während der Geiselnahme in der Schule des nordossetischen Ortes Beslan 2004: Noch bevor bekannt war, dass unter den Tätern Inguschen waren, hatten Osseten schon Inguschen für das Verbrechen verantwortlich gemacht. Ein Grund für die inguschisch-ossetische Feindschaft ist eine Folge der Deportation - der Streit über den Prigorodnyj-Bezirk, den die Inguschen für ihre historische Wiege halten. Hier liegt die Ortschaft Tarskoje, die ursprünglich Anguscht hieß, wovon sich die russische Bezeichnung für dieses Volk („Inguschi“) ableitet (sie selbst nennen sich „Galgai“). Der Bezirk wurde 1934 Teil des Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Gebiets und blieb es bis 1944, als sein Territorium zum Großteil in Nordossetien aufging. Bis 1944 hatte es kaum Osseten im Prigorodnyj-Bezirk gegeben, doch dann siedelten die sowjetischen Behörden zielgerichtet Osseten aus Südossetien, dem übrigen Georgien und Nordossetien an. 1956 waren von den 33 000 Bewohnern des Prigorodnyj-Bezirks 23 500 Osseten. 1957, bei der Wiedererrichtung der Tschetscheno-Inguschischen Republik, verblieb ein Großteil des Prigorodnyj-Bezirks bei Nordossetien, was ein schwerer Schlag für die eng mit diesem Landstrich verbundene nationale Identität der Inguschen war. Sie kehrten nach 1957 aus der Verbannung jedoch ungeachtet aller Behinderungen durch die Unionsbehörden in Moskau wie der nordossetischen Führung auch in den Prigorodnyj-Bezirk zurück. Nach Angaben der Statistikverwaltung beim Ministerrat Nordossetiens lebten am 1. Januar 1989 in der ganzen Republik 32 783 ethnische Inguschen, davon 16 579 im Prigorodnyj-Bezirk. Für den Stichtag 31. Oktober 1992 nannten die nordossetischen Behörden 34 500 Inguschen in ganz Nordossetien. Tatsächlich dürften es aber 65 000 bis 75 000 gewesen sein, da seit 1957 immer mehr Inguschen im Prigorodnyj-Bezirk lebten, als offiziell gemeldet oder bei den sowjetischen Volkszählungen erfasst.

Im Frühjahr 1990 begannen in Nordossetien die Vorbereitungen zur Bildung einer „Bürgerwehr“. Ab Mitte 1991 wurden - in offenkundiger Verletzung russischer Gesetze - diese „Bürgerwehr“ sowie eine „Republikanische Garde“ aufgestellt. Parallel dazu rüstete Nordossetien sein Innenministerium auf. In der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober 1992 kam es im Prigorodnyj-Bezirk zu ersten großen Zusammenstößen zwischen inguschischen Paramilitärs einerseits und der Miliz (Polizei), der Sonderpolizei OMON, der „Bürgerwehr“ und der „Republikanischen Garde“ Nordossetiens andererseits. Am 2. November 1992 begannen 68 000 Soldaten der russischen Armee und Paramilitärs aus Nord- und Südossetien eine Großoffensive gegen inguschische Dörfer im Prigorodnyj-Bezirk und vertrieben innerhalb weniger Tage die meisten Bewohner. Viele Inguschen betrachten diese „ethnische Säuberung“ bis heute als eine Art Fortsetzung der Deportation von 1944.

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