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Russland : Deportierte Völker

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Zahllose - mitunter von russischen Behörden herausgegebene oder finanzierte - Bücher, Broschüren, Artikel sowie Materialien für Fernsehen und Internet bemühten sich, die postsowjetische, russische (und, wenn möglich, auch die internationale) Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Tschetschenen und Inguschen „schon immer Banditen“ und geradezu „genetisch“ fanatisch, unzivilisiert, ungezügelt und gewaltbereit gewesen seien. Deshalb dürften sie sich weder über die Deportation von 1944 noch über das Vorgehen der russischen Streitkräfte 1994 und 1999 wundern.

Diese Darstellung beeinflusst die in der mehrheitlich slawischen Gesellschaft, Öffentlichkeit und politischen Elite gepflegten Feindbilder. Nordkaukasier (also nicht nur Tschetschenen und Inguschen) werden oft als Verbrecher und Terroristen kollektiv verunglimpft oder rassistisch als „Schwarze“ beschimpft. So finden Forderungen wie „Schluss mit dem Füttern des Kaukasus!“ nach einer Meinungsumfrage des angesehenen und unabhängigen Moskauer Lewada-Zentrums vom Oktober 2013 über 70 Prozent Zustimmung.

Der Kreml verlangt zwecks Stärkung des Patriotismus eine „positive Geschichtsschreibung“, welche die - angeblichen und tatsächlichen - Errungenschaften, Siege und Erfolge Russlands betont. Das impliziert freilich eine Uminterpretation oder völlige Ausblendung unerfreulicher Ereignisse, und so fehlen für eine breite kritische Auseinandersetzung mit den Deportationen ganzer Völker von der südlichen Peripherie der Sowjetunion unter Stalin die Bedingungen. Stattdessen hält man in Russland bis heute an der Vorstellung fest, dass das Zarenreich im 19. Jahrhundert den „wilden Bergvölkern“ des Nordkaukasus „die Zivilisation gebracht“ habe. Nicht wenige russische Gesprächspartner fügen dem hinzu, dass diese „Mission“ Russlands, wenn nötig, bis heute auch unter Einsatz der Streitkräfte wahrzunehmen sei, weil insbesondere die Tschetschenen nach wie vor „unzivilisiert“ und überhaupt hartnäckig „nicht unsere“ seien.

Wer in Putins Russland bedauernd oder sogar bestürzt von den Zehntausenden zivilen Toten und Hunderttausenden Flüchtlingen dieser Kriege (in einer Republik, die vor dem Krieg etwa eine Million Einwohner gehabt hat) spricht, stellt sich gegen die dominierende Stimmung in der Bevölkerung und gibt sich in den Augen des Kremls als unverbesserlicher Oppositioneller zu erkennen. Übrigens begeht man den 23. Februar, der schon zu sowjetischen Zeiten der Roten Armee gewidmet war, im postsowjetischen Russland als (seit 2002 sogar arbeitsfreien) „Tag der Verteidiger des Vaterlandes“.

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