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Russland : Deportierte Völker

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Bis heute bemühen sich Tschetschenen und Inguschen unablässig, den Einsatz ihrer Landsleute in der Roten Armee beim Kampf gegen die ab Juni 1941 in die Sowjetunion einmarschierende Wehrmacht herauszustellen - allerdings so gut wie ohne Erfolg in der öffentlichen Meinung Russlands. Dazu kommt ein Aspekt, auf den unter anderen der sowjetrussische Militärhistoriker (und General der Roten Armee) Dmitrij Wolkogonow in seinem „politischen Porträt“ Stalins aufmerksam machte: Wäre dieser seiner „verbrecherischen Logik“ immer gefolgt, hätte er angesichts der Aufstellung der Wlassow-Armee auf deutscher Seite auch die Russen deportieren müssen. Stalin versuchte allerdings bekanntlich nichts dergleichen (von der praktischen Undurchführbarkeit einer solchen Aktion einmal abgesehen), sondern brachte am 24. Mai 1945 im Kreml seinen berühmten Toast auf das russische Volk aus, das unter allen Nationen der Sowjetunion das hervorragendste sei.

In Nordossetien war man nach 1944 wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Inguschen nie mehr in den Nordkaukasus zurückkehren würden. Der inguschische Politologe Jakub Patijew meinte, dass der Grund der Deportation seines Volkes nicht eine Kollaboration mit der Wehrmacht war, sondern „die geographische Lage des Ethnos und das Bemühen des Zentrums, den Lebensraum für andere auszuweiten“. Diese „anderen“ waren die besonders „prorussischen“ und „prosowjetischen“ Osseten, die offenkundig von der Deportation der Inguschen und der Auflösung ihrer Republik profitierten. Die inguschische Historikerin Marjam Jandijewa spricht von den „strategischen Interessen von Stalins Imperium“ als Hintergrund der Deportationen im Nordkaukasus. Die turkstämmigen Karatschaier und Balkaren seien (im November 1943 beziehungsweise im März 1944) deportiert worden, weil Stalin einen Eintritt der Türkei an der Seite Hitlers in den Krieg befürchtet habe.

Der amerikanische Historiker Norman M. Naimark sah einen Grund für die Deportation der Tschetschenen und Inguschen in dem Umstand, dass sie einer „Verschmelzung von russischem und Sowjetpatriotismus im Weg“ gestanden seien. Zudem verwies er auf die kulturelle und religiöse Autonomie der beiden Völker (die mit dem sowjetischen Anspruch auf allumfassende Kontrolle unvereinbar war), ihren Widerstand gegen die „Modernisierung“ in ihrer sowjetischen Variante sowie auf ihren aktiven und passiven Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft Anfang der dreißiger Jahre, die ihre traditionelle Lebensweise weitgehend zerstörte.

Im de facto unabhängigen Tschetschenien der Jahre 1991 bis 1994 und 1996 bis 1999 waren beständige Hinweise auf die Schrecken der Kriege im Nordkaukasus des 19. Jahrhunderts, die mit der Unterwerfung der Tschetschenen durch das Zarenreich endeten, sowie der Deportation von 1944 ein wichtiger Teil der Rechtfertigung der Abspaltung von Russland. Auf der anderen Seite forderten während beider Kriege in Tschetschenien (1994 bis 1996 und ab 1999) extremistische russische Politiker und Medien sowie nicht wenige „einfache“ Bürger eine neuerliche Deportation der „illoyalen“ und „fremden“ Tschetschenen oder aber den Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen sie.

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