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Russland : Deportierte Völker

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Schon sechs Tage nach Beginn der Aktion, am 29. Februar, berichtete Berija an Stalin, dass inzwischen 478 479 Menschen, davon 387 229 Tschetschenen und 91 250 Inguschen, in 177 Züge verladen worden seien, von denen 159 bereits abgefahren seien. Im Gebirge befänden sich noch rund 6000 Tschetschenen, doch auch sie würden innerhalb der nächsten beiden Tage abgeholt. Im Juli 1944 meldete Berija dann in einem Bericht an Stalin, im Februar und März seien 496 460 Tschetschenen und Inguschen deportiert worden. Dazu setzte man etwa 180 Züge mit je 65 Güterwaggons ein. 411 000 Personen brachte man nach Kasachstan, 85 500 nach Kirgistan. Dort wurden die „Spezialumsiedler“ genannten Deportierten bereits von einem ganzen Netz an „Spezialkommandanturen“ des NKWD erwartet, das bis 1955 eine totale Kontrolle über sie ausübte. Für nicht genehmigtes Verlassen des Verbannungsorts war eine Strafe von 20 Jahren Zwangsarbeit festgelegt.

Einige tausend Tschetschenen und Inguschen versuchten, sich in den Bergen und Wäldern der Deportation zu entziehen. Dort wurden sie vom NKWD als „Banditengruppen“ mit dem Ziel ihrer „Vernichtung“ erbarmungslos gejagt. Dieser Kleinkrieg war erst nach einem Jahrzehnt endgültig vorbei. Ein Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 7. März 1944 erklärte die Tschetscheno-Inguschische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik für aufgelöst. In einem Erlass desselben Gremiums vom nächsten Tag wurden 714 Mitarbeitern von NKWD und NKGB für ihre Leistungen bei der Deportation Orden und Medaillen zuerkannt.

Die auffindbaren Daten über die Zahl der Todesopfer während der Deportation und in der ersten Zeit des Zwangsaufenthalts in Zentralasien schwanken erheblich, doch ist die Annahme realistisch, dass durch Hunger, Kälte, Krankheiten sowie Misshandlungen von Seiten sowjetischer Aufsichtsorgane mindestens ein Drittel der Tschetschenen und Inguschen umkam - ein enormer Aderlass für die ohnedies kleinen Völker. Eine von dem russischen Ethnologen und Sozialanthropologen Valerij Tischkow redigierte Enzyklopädie der Völker Russlands hielt 1994 nüchtern fest: „Die Inguschen als Volk standen unter den Bedingungen der Herrschaft des totalitären Regimes am Rande des Verschwindens.“ Sie überlebten aber, wie die Tschetschenen, die ihnen von Stalin bereitete Hölle. Nicht ganz vier Jahre nach dessen Tod, im Januar 1957, wurde die Tschetscheno-Inguschische Republik vom Obersten Sowjet wiedererrichtet. Die beiden Völker konnten in ihre Heimat zurückkehren. Das Trauma der Deportation nahmen sie mit sich - und es blieb auch im kollektiven Gedächtnis der folgenden Generationen.

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