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Russisch Orthodoxe Kirche : Die Rückgewinnung der Ideologie

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Neue Heilige: Der Moskauer Patriarch Tichon und Zar Nikolaj II. auf einer Ikone aus dem Jahr 2000 Bild: Ullstein

In Russland sind Kreml und Kirche ein Bündnis eingegangen. Die Orthodoxie liefert den Mächtigen eine Deutung von Geschichte und Gegenwart, in der Zar und Stalin ihre Plätze als Helden haben und der Kampf gegen den Westen als höhere Notwendigkeit begründet wird.

          Wir leben am Beginn einer neuen Epoche der Weltgeschichte“, sagte der Redner im Festsaal. Aber nach Feiern war ihm nicht zumute. Denn Krieg und Gewalt breiteten sich aus, im Nahen Osten und in der Ukraine. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sei es nicht gelungen, eine neue, stabile Ordnung zu finden, die auf dem gegenseitigen Verständnis und der gegenseitigen Achtung von Menschen und Kulturen aufbaue: „Die, die sich für die Sieger im Kalten Krieg halten, schärfen allen ein, dass der von ihnen definierte Weg der Entwicklung der richtige, sogar der einzig mögliche Weg für die Menschheit sei.“ Der Westen dominiere die internationalen Medien und versuche mit ihrer Hilfe, die Ideale und Werte der Völker zu vernichten, um ihnen stattdessen die „Ideen der Konsumgesellschaft“ aufzuzwingen.

          Der Redner war Patriarch Kirill, das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, der mitgliederstärksten orthodoxen Kirche mit Gemeinden und Bistümern in Russland und der ganzen ehemaligen Sowjetunion und auch in der Diaspora auf allen Kontinenten. Am 11. November 2014 eröffnete er mit diesen Gedanken seine Rede vor dem Plenum des achtzehnten „Weltkonzils des russischen Volkes“. Dieses „Konzil“, nach eigener Darstellung „eine der stärksten gesellschaftlichen Organisationen des Landes“, besteht aus Vertretern der Regierung und der Religionsgemeinschaften, Personen des öffentlichen Lebens und Verbandsfunktionären. Der Begriff „Weltkonzil“ macht den Anspruch deutlich, nicht nur für die Bevölkerung der Russländischen Föderation zu sprechen, sondern auch für die russische Diaspora in der ganzen Welt. Geleitet wird das Konzil vom jeweiligen Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche.

          Aus der sowjetischen Epoche mit ihrer antireligiösen Politik scheint diese Kirche unbesiegt, sogar gestärkt hervorgegangen zu sein: In Umfragen geben vier Fünftel der Russen an, orthodox zu sein. Die goldenen Kuppeln der Kirchen leuchten wieder über Städten und Dörfern, Gläubige pilgern zu den Klöstern und Heiligtümern. Geistliche kommen in den Medien an prominenter Stelle zu Wort, sie schmücken mit ihren prächtigen Gewändern politische und gesellschaftliche Ereignisse. Aber sie schmücken sie nicht nur, vor allem deuten sie sie: die russische Geschichte und Gegenwart, den Zustand Europas und die Weltpolitik - so wie Patriarch Kirill, der die Welt am Anfang einer neuen Epoche sieht.

          2014 stand das Weltkonzil des russischen Volkes unter der Überschrift „Einheit der Geschichte, Einheit des Volkes, Einheit Russlands“, und die ersten Sätze von Kirills Rede geben die Richtung vor: Die Einheit Russlands sei gefährdet durch „den Westen“. Kirill aber geht es um genau diese Einheit, denn er ist der Überzeugung, dass die Größe Russlands in der Welt anerkannt werden müsse. Diese Überzeugung teilt er mit Präsident Wladimir Putin, ebenso das Gefühl einer Bedrohung durch äußere und innere Feinde. Und auch die Überzeugung, dass ein starker Staat eine starke Ideologie benötigt.

          Die starke Ideologie ist dem Kreml vor einem Vierteljahrhundert abhandengekommen. Zwar gab es in den neunziger Jahren kaum jemanden, der dem Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung eine Träne nachgeweint hätte. Aber viele in Russland empfanden nach dem Zerfall der sowjetischen Großmacht nicht nur einen imperialen Phantomschmerz, sondern auch einen ideologischen. Zeitweilig versuchte die politische Führung es mit der Neukonstruktion einer Staatsideologie. Im Sommer 1996 hatte der damalige Präsident Boris Jelzin sogar einen Wettbewerb ausgeschrieben zum Thema „Eine Idee für Russland“. Der Wettbewerb sollte Antworten erbringen auf die Fragen „Wohin gehen wir?“ und „Wer sind wir?“. In der Ausschreibung des Wettbewerbs hieß es: „Monarchie, Kommunismus, Perestrojka. Jede Etappe besaß ihre eigene Ideologie. Nur heute haben wir keine.“

          Diese Zeiten sind vorbei. Die neue Ideologie des russischen Staates ist im Kern eine politische Orthodoxie, die so weit säkularisiert ist, dass sie auch für nichtreligiöse Russen akzeptabel ist. Von dieser neuen Ideologie profitieren sowohl der Staat als auch die Kirche, denn sie ermöglicht die Abgrenzung vom nichtorthodoxen, liberalen Westen und den Machterhalt im Inneren.

          Ein Übriges tut die Erinnerung an die wirtschaftliche Liberalisierung der neunziger Jahre nach vermeintlich westlichem Muster, die statt in das kapitalistische Paradies zur Verarmung weiter Teile der Bevölkerung führte. Vor diesem Hintergrund hatte Patriarch Kirill vor der Präsidentenwahl 2012 über die ersten beiden Amtszeiten Putins gesagt: „Durch ein Wunder Gottes und unter aktiver Beteiligung der Führung des Landes gelang es uns, aus dieser schrecklichen Systemkrise herauszukommen, die die Grundlagen des Volkslebens selbst zerstörte.“

          Um sich vom Westen abzugrenzen und dem eigenen Selbstbild als (international noch verkannter) Weltmacht entsprechen zu können, greift die russische Staatsführung auf ideologische Ressourcen zurück. Hier kommt die Russische Orthodoxe Kirche ins Spiel: Mit dem in Russland populären Samuel Huntington und seiner Rede vom „Clash of Civilizations“ lässt sich begründen, warum westliche Modelle einer liberalen Demokratie für das orthodoxe Russland ungeeignet sein sollen und warum Russland der Status einer Großmacht in einer multipolaren Weltordnung zustehe. Huntington hatte argumentiert, dass nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation sieben oder acht Kulturen zu den wichtigsten Gruppierungen von Staaten geworden seien. Russland ist in dieser Konstellation die Führungsmacht der christlich-orthodox geprägten Staaten. Aus Huntingtons Beschreibung eines Zustands leiten russische Ideologen eine Norm ab: das Recht, ja die Pflicht, sich mit den anderen nichtwestlichen „Kulturen“ gegen die westliche Hegemonie zur Wehr zu setzen. Dies gehe aber nur, wenn man an seiner Kultur festhalte und diese nicht verwestlichen lasse.

          Die Kirche als institutionelle Verkörperung der Orthodoxie wird so zur maßgeblichen Institution russischer Identitätsbildung. Und sie bekommt die Möglichkeit, zentrale Begriffe des politischen Diskurses zu definieren. Für Staatsführung und Kirche entsteht eine Situation, von der beide profitieren: Seit den frühen neunziger Jahren bekommt die Russische Orthodoxe Kirche (wie auch andere traditionelle Religionsgemeinschaften) Gotteshäuser und Klöster zurück, die in der Sowjetzeit enteignet worden waren, oder sie darf sie zumindest unbefristet und kostenlos nutzen, darunter das Neujungfrauenkloster und das Donskoj-Kloster in Moskau oder die Kasaner Kathedrale in Sankt Petersburg. Die berühmte Moskauer Basilius-Kathedrale und andere Kirchen freilich sind weiterhin Museen. Seit 2010 wird in Russlands Schulen wieder offiziell Religionsunterricht als Wahlpflichtfach erteilt, auch die Armee ist für Militärgeistliche geöffnet. Vertreter der Kirche und kirchliche Themen bekommen in der Öffentlichkeit, etwa in den staatlich kontrollierten Medien, breiten Raum. Davon wiederum profitiert die Staatsführung, da die Kirche ihre öffentliche Stimme dazu nutzt, um die politische Führung zu unterstützen, Patriotismus zu predigen und Proteste gegen Wahlfälschungen, Korruption und andere Missstände zu diskreditieren.

          Zentral für die neue politische Orthodoxie ist der Entwurf eines idealisierten Selbstbildes und vor allem die scharfe Abgrenzung gegen den Westen. Immer wieder arbeitet Patriarch Kirill mit denselben Stereotypen und Bildern: Der Westen versuche, sich die ganze Welt untertan zu machen. Allen Ländern der Welt solle ein westlicher Lebensstil aufgezwungen werden - wenn nötig, mit Gewalt. Dort, wo sich der westliche Lebensstil durchsetze, dächten die Menschen nur noch an ihr irdisches Wohl, an Spaß und Genuss. Für Religion bleibe dann kein Raum mehr, und auch nicht für das, was Kirill gerne „traditionelle Werte“ nennt. Was genau unter „traditionellen Werten“ zu verstehen ist, ist dabei erst einmal zweitrangig. Wichtig ist, dass sie die Kontrastfolie bieten, vor der Entwicklungen im Westen als „nichttraditionell“ kritisiert werden. Dabei geht es vor allem um Sexualmoral und Geschlechterrollen: Im Westen werde die Schöpfungsordnung missachtet, weil Homosexuelle das Recht hätten, zu heiraten und staatlich unterstützt „Propaganda“ für ihren „Lebensstil“ zu machen. Der Patriarch erkennt darin in einer Predigt gar ein „apokalyptisches Symptom“. Auf dem Gebiet des Heiligen Russland aber dürfe „die Sünde niemals durch das Gesetz des Staates bestätigt werden, denn das würde bedeuten, dass das Volk begänne, sich selbst auszurotten“.

          Der Begriff der „traditionellen Werte“ erfüllt eine doppelte Funktion. Nach innen hilft er zu integrieren: Im Vielvölkerstaat Russland mag es neben den orthodoxen Russen auch muslimische Tataren und buddhistische Kalmücken geben. Aber diese Vielfalt sei kein Problem, solange alle an den verbindenden „traditionellen Werten“ festhielten (und dabei den Primat des Russischen beachteten, da die Russen der „staatsbildende Ethnos“ seien und die Orthodoxie die „kulturbildende Religion“). Garant für die Bewahrung der „traditionellen Werte“ seien die „traditionellen Religionen“, mit denen die Russische Orthodoxe Kirche zusammenarbeitet, etwa im Interreligiösen Rat Russlands.

          Nach außen dient der Begriff des „Traditionellen“ der Abgrenzung: Unerwünschte religiöse Gemeinschaften im eigenen Land erklärt die Kirchenleitung der Russischen Orthodoxen Kirche zu „ausländischen“ und „nichttraditionellen“ Gruppen: Darunter fallen dann die Baptisten, die es in Russland seit mehr als 150 Jahren gibt, ebenso wie amerikanische und koreanische Pfingstkirchen oder Zeugen Jehovas, Anhänger des türkischen islamischen Theologen Said Nursi, Salafisten und dschihadistische Terroristen, buddhistische Konvertiten in der Nachfolge von Ole Nydahl und Krischna-Jünger.

          Schon 2001 hatte der damalige Erzbischof von Taschkent und Mittelasien, Wladimir, erklärt, dass es zwischen dem „wahren“ Islam und dem orthodoxen Christentum weniger theologische Differenzen gebe als zwischen Orthodoxie und Protestantismus. Der Westen aber versuche, die Feindseligkeit der muslimischen Welt auf die „orthodoxen Völker“ zu lenken: Aus diesem Grund habe der Westen den Separatismus der Tschetschenen und der Kosovo-Albaner unterstützt; man müsse daran erinnern, „dass ausgerechnet auf der westlichen Hefe die Bewegung der Taliban groß werden konnte“. Der Erzbischof ist überzeugt: Der protestantische Westen bekämpfe die Orthodoxie und unterstütze stattdessen den „protestantischen“, nicht-traditionellen Islam in Gestalt des Wahhabismus.

          Dies zeigt, dass die Begriffe der „traditionellen Werte“ und „traditionellen Religionen“ auch außenpolitisch die doppelte Funktion erfüllen, einerseits Integration, andererseits Abgrenzung zu ermöglichen: Sie helfen, Bündnisse mit nichtwestlichen Staaten ideologisch zu fundieren, indem gerade der gemeinsame Gegensatz zum Westen betont wird - so im Blick auf die Beziehung Russlands zu Iran oder zu Ägypten. In diesem Sinne gab Patriarch Kirill dem ägyptischen Sender Al-Hayat TV ein Interview am Rande des eingangs erwähnten Weltkonzils des russischen Volkes im Jahr 2014. Darin erklärte Kirill, alle Orthodoxen würden Widerstand leisten gegen die westlichen amoralischen Werte, die dem göttlichen Gesetz widersprächen. Die westlichen Staaten bauten, wie einst die Sowjetunion, „keine gerechte Gesellschaft“ auf, „sondern die Hölle auf Erden . . . Und es freut uns sehr, dass sich unsere muslimischen Brüder, wie auch andere religiöse Menschen auf der Welt, zu derselben Position bekennen“.

          Um die genannten Funktionen zu erfüllen, ist es im Übrigen gar nicht nötig, an Gott zu glauben oder eine Religion tatsächlich zu praktizieren. Das wenig verbindliche Bekenntnis zur „eigenen“ Kultur reicht völlig aus. Für den Einzelnen hat eine solche politische Orthodoxie den Vorzug, sich als Teil einer glorreichen Tradition und einer mächtigen Gemeinschaft fühlen zu können. Nicht nur für die Gesellschaft, auch für jeden Einzelnen ist dann die vermeintliche Schmach der Niederlage im Kalten Krieg getilgt und die Zeit der ideologischen Orientierungslosigkeit vorbei. Und für viele ist es bequem, diese Vorteile zu genießen, ohne sich den Zumutungen eines Lebens nach orthodoxen Vorgaben aussetzen zu müssen.

          Das erklärt den eigentümlichen Widerspruch zwischen einem proorthodoxen Konsens in Russland und der religiösen Praxis. Fast 85 Prozent stimmten in einer Umfrage der Aussage zu, dass auch ein nicht getaufter Russe, der nicht zur Kirche gehe, „in der Seele orthodox“ sei. Seit den neunziger Jahren beträgt die Zahl der Russen, die sich als orthodox bezeichnen, kontinuierlich mehr als achtzig Prozent. Selbst ein großer Teil der Atheisten, die nur noch gut fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, bezeichnet sich als orthodox. Andererseits bedeutet das nicht, dass diese Orthodoxen dem kirchlichen Ideal entsprechen: Mehr als zwanzig Prozent von ihnen sind nicht getauft, mehr als sechzig Prozent gehen nie zur Kommunion, mehr als neunzig Prozent beichten, wenn überhaupt, seltener als einmal pro Jahr, neunzig Prozent der verheirateten und getauften Orthodoxen hat sich nicht kirchlich trauen lassen, und nur 14 Prozent gehen mindestens einmal pro Monat in die Kirche.

          In der Abgrenzung vom Westen, der angeblich im postmodernen Furor seine Wurzeln vergessen hat, geht Kirill so weit, zu behaupten, dass die wenigen „wahren“ Christen in Westeuropa verfolgt würden. Russland dagegen sei die letzte Festung des christlichen Abendlandes. In einem Interview anlässlich des orthodoxen Weihnachtsfests erklärte Kirill im Programm des Fernsehsenders Rossija im Januar 2016: „Heute sind die Christen die am schlimmsten verfolgte religiöse Gemeinschaft. Nicht nur dort, wo es den Zusammenprall mit dem islamischen Extremismus gibt, sondern auch an vielen anderen Orten, einschließlich dem glücklichen Europa. Wenn man dort christliche Gefühle zeigt, zum Beispiel offen ein Kreuz trägt, dann kann das dazu führen, dass man seine Arbeit verliert. Wir wissen, wie das Christentum aus dem öffentlichen Raum verdrängt wird. In vielen Ländern wird schon heute das Wort ,Weihnachten‘ nicht mehr benutzt. Die Christen befinden sich in einer sehr schweren Lage.“

          Was in Europa geschehe, sei nicht nur ein Verlust von Tradition, sondern deren Ausrottung unter der Fahne von „political correctness“. In dem Interview vom Januar 2016 führt Kirill aus: „Man kann Paraden der sexuellen Minderheiten abhalten, das wird begrüßt, aber eine Millionen-Demonstration von französischen Christen, die die Familienwerte verteidigen wollen, wird von der Polizei auseinandergetrieben. Wenn man nichttraditionelle Beziehungen Sünde nennt, wie es uns die Bibel befiehlt, und man ist Priester oder Pfarrer, dann kann es sein, dass man nicht nur die Möglichkeit verliert, Gottesdienst zu halten, sondern dass man ins Gefängnis kommt.“ Wann und wo das geschehen sein soll, sagt Kirill freilich nicht.

          Vor diesem Hintergrund sei es verständlich, wenn gläubige Menschen zu Terroristen würden, „weil sie in einer Gesellschaft leben wollten, wo der Glaube im Zentrum steht, wo religiöse Gesetze herrschen, im Unterschied zur heutigen weltweiten Zivilisation, die gottlos ist, säkular und in ihrem Säkularismus auch radikal“.

          Alle Ideologien, die auf Abgrenzung bedacht sind, müssen vereinfachen. Schwarz oder Weiß. Wer die Grautöne (und Farbkleckse) wahrnimmt, sieht, dass die eigene Kultur nicht homogen ist und auch nicht die Kultur der anderen beziehungsweise derer, die zu „anderen“ gemacht werden. Der sieht die wechselseitigen Beeinflussungen, das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen. Um sich effektiv von „dem Westen“ abgrenzen zu können, muss die politische Orthodoxie daher zeigen, dass trotz aller Brüche in der Geschichte Russlands dennoch ein „russisches Wesen“ die Jahrhunderte durchzieht.

          Neben den auch außerhalb von Russland verbreiteten Klischees einer „russischen Seele“ und tiefer (orthodoxer) Frömmigkeit verweisen Politiker und Kirchenführer gerne darauf, dass „die Russen“ sich an ihren Kollektiven und Gemeinschaften orientierten. Das gelte für das Zarenreich und die Sowjetunion ebenso wie für die Gegenwart und unterscheide Russland von den individualistischen Werten der westlichen Moderne. Die Orientierung am Kollektiv wurde schon im 19. Jahrhundert von den slawophilen Religionsphilosophen gerne mit dem Begriff der „Sobornost“ (Katholizität) in Verbindung gebracht. Der Begriff kommt ursprünglich aus dem christlichen Sprachgebrauch: Im Glaubensbekenntnis wird die Kirche als „katholisch“ bezeichnet, griechisch für „allgemein“, „alle betreffend“. Der slawische Begriff dafür, „sobornaja“, verweist auf das konziliare Moment von Kirche; ein „Sobor“ ist eine Kirchenversammlung, ein Konzil. Und im Konzil geht es, ekklesiologisch betrachtet, um die Gemeinschaft der Individuen, die Teil des Leibes Christi sind und die in Einmütigkeit den von Gott vorgezeichneten Weg gehen.

          Überträgt man diese Vorstellungswelt auf die Politik, dann erscheinen Interessenvertretungen, Parteien und Abstimmungen, in denen Mehrheiten entscheiden, was gelten solle, als geradezu blasphemisch. Näher liegt es, den organisch mit dem Volke verbundenen Führer - sei es ein Patriarch oder ein Präsident - entscheiden zu lassen. So betrachtet, mag dann die autoritär-kollektivistische Sowjetunion als „christlicher“ erscheinen als ein liberaler und demokratischer Rechtsstaat. Jede Kritik am eigenen Volk und Staat oder auch nur unterschiedliche Sichtweisen können so in den Verdacht des Verrats geraten. Zumindest drohen sie die nationale Widerstandskraft gegen die äußeren Bedrohungen zu untergraben.

          Denn die Unabhängigkeit Russlands werde vom „Westen“ in Frage gestellt, der Revolutionen und Aufstände wie den Euro-Majdan in der Ukraine anzettele. Im Interview mit Al-Hayat sagt der Patriarch es so, wie es auch die politische Führung Russlands ausdrücken könnte: „Das Chaos ist eine Waffe. Wenn ein Staat stabil ist, dann wird er immer stabiler und stabiler. Für jemanden mag das gefährlich sein. Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber das Chaos im Nahen Osten kann für gewisse Kräfte von Vorteil sein.“ Man kann sicher sein, dass in Russland jeder versteht, wer mit diesem „jemand“ und den „gewissen Kräften“ gemeint ist: „der Westen“, der angeblich versucht, Russland kleinzuhalten, wahlweise auch „die Juden“ und „die Freimaurer“.

          Vor diesem Hintergrund fordert die Gemeinsame Erklärung des Weltkonzils des russischen Volkes im November 2015 Erziehung zum Patriotismus und kulturelle Eigenständigkeit. Beides, heißt es da, sei nicht möglich, solange die Schulbücher unterschiedliche Sichtweisen präsentierten. So etwas sei (westlicher) Postmodernismus. Die russische Gesellschaft dagegen halte an der Wahrheit fest und lerne moralisch von den „heroischen und tragischen Seiten unserer Geschichte“.

          Dabei leugnet der Patriarch gar nicht, dass die Geschichte Russlands auch „schwere und dunkle Seiten“ gehabt habe. Aber solche „Episoden“ habe es auch „in der Geschichte der benachbarten Zivilisationen“ gegeben. Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass alle Länder die Staatsverbrechen ihrer jüngeren Geschichte aufarbeiten müssten. Doch genau das macht der Patriarch nicht, obwohl auch seine Familie unter den Stalinschen Repressionen gelitten hat. Vielmehr konnte die

          „Prawda“ im vorigen Herbst in einer Überschrift triumphieren: „Der Patriarch ruft dazu auf, an die positiven Seiten der sowjetischen Geschichte zu erinnern.“ Denn Kirill hatte gerade erklärt: „Das moderne Russland würde es nicht geben ohne die Leistungen unserer Vorfahren, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur die Erde gepflügt . . ., sondern auch Industrie, Wissenschaft und Verteidigungsstreitkräfte aufgebaut haben.“ Zwar weist Kirill in seiner Ansprache auch in sehr allgemeiner Form darauf hin, es habe in dieser Zeit „Blut, Ungerechtigkeit und Leiden“ gegeben, was „für uns Menschen im 21. Jahrhundert inakzeptabel“ sei. Aber selbst diese leichte Kritik schränkt er mit der Aussage ein, dass man die Erfolge Stalins „nicht in Zweifel ziehen darf, selbst wenn dieser Staatslenker böse Taten begannen hat“.

          Mit solchen Aussagen hält Kirill seine Kirche zusammen. Auf der einen Seite verurteilt der kirchliche „Außenminister“ Metropolit Ilarion immer wieder die zunehmenden Sympathien für Stalin in der russischen Bevölkerung. Und die Kirche selbst hatte bei ihrer Bischofssynode im Jahr 2000 in Moskau ein deutliches Zeichen gesetzt, als sie über achthundert Neumärtyrer aus der Sowjetzeit als solche anerkannt hat, darunter die Familie des letzten Zaren Nikolaj II. Auf der anderen Seite freilich stehen radikale Gruppen, die - ohne kirchlichen Segen, aber mit orthodoxem Selbstverständnis - vor Ikonen mit Abbildungen Stalins oder sowjetischer Generale beten.

          Soziologen und Politologen beschreiben die westeuropäischen Länder als „postheroische Gesellschaften“. Es wäre interessant, zu untersuchen, ob nicht auch weite Teile der russischen Bevölkerung durchaus „postheroisch“ eingestellt sind. Wenn dem so sein sollte, dann würde die Russische Orthodoxe Kirche darin vermutlich auch wieder den verderblichen westlichen Einfluss auf das Land erkennen. Das Ideal, das die Kirche propagiert, ist durchaus heroisch: Gepriesen werden die Krieger und die reinigende Kraft des Krieges. Deshalb nehmen Staat und Kirche in Russland immer wieder Bezug auf den Zweiten Weltkrieg. Der Patriarch sieht diesen Krieg als einen der Angriffe aus dem Westen; über Jahrhunderte und bis heute sei immer wieder versucht worden, Russland zu erobern oder gar zu vernichten. Der mittlerweile beim Patriarchen in Ungnade gefallene damalige Vorsitzende der Synodal-Abteilung für die Beziehungen der Kirche zur Gesellschaft, Wsewolod Tschaplin, hat den heutigen Kampf gegen die Vereinigten Staaten in diese Reihe gestellt: „Nicht zufällig haben wir häufig um den Preis des eigenen Lebens, den Preis einer sehr ernsthaften physischen Schwächung des Staates alle globalen Projekte aufgehalten, die nicht mit unserem Gewissen vereinbar waren, nicht mit unserer Sicht auf die Geschichte, ich würde sogar sagen, nicht mit Gottes Wahrheit. Das war das Projekt Napoleons und Hitlers. Heute halten wir das amerikanische Projekt auf.“

          So meint die Kirche zeigen zu können, dass sie dem Staat nützt, sogar unverzichtbar sei. Denn woher sonst, wenn nicht aus der Religion, sollte die Bereitschaft kommen, für Volk und Vaterland zu sterben? Aber auch die Kirche glaubt, vom kriegerischen Pathos zu profitieren. Patriarch Kirill sagt: „Im Krieg gibt es keine Atheisten.“

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