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Russisch Orthodoxe Kirche : Die Rückgewinnung der Ideologie

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Neue Heilige: Der Moskauer Patriarch Tichon und Zar Nikolaj II. auf einer Ikone aus dem Jahr 2000 Bild: Ullstein

In Russland sind Kreml und Kirche ein Bündnis eingegangen. Die Orthodoxie liefert den Mächtigen eine Deutung von Geschichte und Gegenwart, in der Zar und Stalin ihre Plätze als Helden haben und der Kampf gegen den Westen als höhere Notwendigkeit begründet wird.

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          Wir leben am Beginn einer neuen Epoche der Weltgeschichte“, sagte der Redner im Festsaal. Aber nach Feiern war ihm nicht zumute. Denn Krieg und Gewalt breiteten sich aus, im Nahen Osten und in der Ukraine. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sei es nicht gelungen, eine neue, stabile Ordnung zu finden, die auf dem gegenseitigen Verständnis und der gegenseitigen Achtung von Menschen und Kulturen aufbaue: „Die, die sich für die Sieger im Kalten Krieg halten, schärfen allen ein, dass der von ihnen definierte Weg der Entwicklung der richtige, sogar der einzig mögliche Weg für die Menschheit sei.“ Der Westen dominiere die internationalen Medien und versuche mit ihrer Hilfe, die Ideale und Werte der Völker zu vernichten, um ihnen stattdessen die „Ideen der Konsumgesellschaft“ aufzuzwingen.

          Der Redner war Patriarch Kirill, das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, der mitgliederstärksten orthodoxen Kirche mit Gemeinden und Bistümern in Russland und der ganzen ehemaligen Sowjetunion und auch in der Diaspora auf allen Kontinenten. Am 11. November 2014 eröffnete er mit diesen Gedanken seine Rede vor dem Plenum des achtzehnten „Weltkonzils des russischen Volkes“. Dieses „Konzil“, nach eigener Darstellung „eine der stärksten gesellschaftlichen Organisationen des Landes“, besteht aus Vertretern der Regierung und der Religionsgemeinschaften, Personen des öffentlichen Lebens und Verbandsfunktionären. Der Begriff „Weltkonzil“ macht den Anspruch deutlich, nicht nur für die Bevölkerung der Russländischen Föderation zu sprechen, sondern auch für die russische Diaspora in der ganzen Welt. Geleitet wird das Konzil vom jeweiligen Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche.

          Aus der sowjetischen Epoche mit ihrer antireligiösen Politik scheint diese Kirche unbesiegt, sogar gestärkt hervorgegangen zu sein: In Umfragen geben vier Fünftel der Russen an, orthodox zu sein. Die goldenen Kuppeln der Kirchen leuchten wieder über Städten und Dörfern, Gläubige pilgern zu den Klöstern und Heiligtümern. Geistliche kommen in den Medien an prominenter Stelle zu Wort, sie schmücken mit ihren prächtigen Gewändern politische und gesellschaftliche Ereignisse. Aber sie schmücken sie nicht nur, vor allem deuten sie sie: die russische Geschichte und Gegenwart, den Zustand Europas und die Weltpolitik - so wie Patriarch Kirill, der die Welt am Anfang einer neuen Epoche sieht.

          2014 stand das Weltkonzil des russischen Volkes unter der Überschrift „Einheit der Geschichte, Einheit des Volkes, Einheit Russlands“, und die ersten Sätze von Kirills Rede geben die Richtung vor: Die Einheit Russlands sei gefährdet durch „den Westen“. Kirill aber geht es um genau diese Einheit, denn er ist der Überzeugung, dass die Größe Russlands in der Welt anerkannt werden müsse. Diese Überzeugung teilt er mit Präsident Wladimir Putin, ebenso das Gefühl einer Bedrohung durch äußere und innere Feinde. Und auch die Überzeugung, dass ein starker Staat eine starke Ideologie benötigt.

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