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Europäische Union : Europas Werte, Europas Wirtschaft

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Das bringt mich zu meinem vierten Punkt: die weltweite Akzeptanz, wenn nicht Dominanz der europäischen Hochkultur. Sobald die materiellen Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt sind, entfaltet sich Kultur, entwickeln sich Kunst, Musik und Literatur. Das gilt überall auf der Welt. Denn überall sind großartige kulturelle und künstlerische Werke zu bewundern: in China schon seit 5000 Jahren, in vielen Ländern Asiens, in der arabischen Welt, auch in Afrika und in den indianischen Hochkulturen Mittelamerikas.

Aber ich glaube, es sind die Werke der europäischen Hochkultur, die weltweit die größte Akzeptanz finden. Sie beeinflussen heute überall das lokale Kulturleben, und zum Teil dominieren sie es sogar. Nord- und Südamerikaner sind ohnehin als ausgewanderte Europäer Teil eines europäisch-atlantischen Kulturkreises. Trotzdem hat das amerikanische Kulturschaffen erst nach der Einwanderung von Eliten aus Europa in den dreißiger Jahren und nochmals nach 1945 Weltniveau erreicht, ob in der Literatur, in der Musik, in der bildenden Kunst, ja sogar in Hollywood. Auch in Asien, in der arabischen Welt und in Afrika ist der Einfluss europäischer Kunst und Kultur überwältigend.

Um dies zu erkennen, genügt schon ein Blick ins Internet, wenn man kein Weltreisender ist. Für die bildende Kunst zeigen dies die Internetseiten der Museen für zeitgenössische Kunst weltweit oder der Kunstmessen in Hongkong oder Dubai. Bei der Musik beweist das ein Blick in Konzert- und Opernprogramme weltweit. Eine chinesische Oper in Europa ist exotisch, europäische Opern in China sind Normalität. Naturgemäß ist dies in der Literatur weniger ausgeprägt, aber die Sichtweisen, Wertungen und Stile verraten oft europäischen Einfluss. Millionen Nichteuropäer kommen nach Europa, um Kultur zu erleben: Nach München, Luzern und Salzburg für die Musik, zur „Documenta“ nach Kassel, zur Biennale nach Venedig und zur Art Basel für die Kunst. Die Frankfurter Buchmesse ist immer noch die wichtigste weltweit und der schwedische Nobelpreis für Literatur der begehrteste seiner Art.

Ich sage das nicht aus europäischer Überheblichkeit oder gar aus Chauvinismus. Ich sage das, um Europas Bedeutung für die Welt - jenseits von Tagespolitik und Wirtschaftskrisen - ins Gedächtnis zu rufen. Aber auch um an unser aller Verantwortung für unsere Kultur und ihre Entwicklung zu appellieren.

Nicht nur die europäische Zivilisation ist führend in der Welt, sondern - noch - auch Europas Wirtschaft: Die EU ist heute der größte Wirtschaftsraum der Welt, 1,2 Mal so groß wie der der Vereinigten Staaten von Amerika, 2,5 Mal so groß wie der Chinas und dreimal so groß wie der Japans. Die Europäische Union steht für sieben Prozent der Weltbevölkerung, ein Viertel der Wirtschaftsleistung der Welt, mehr als ein Drittel des Welthandels, die Hälfte der Welt-Sozialausgaben - auch das eine ganz besondere europäische Errungenschaft. 26 Prozent der Welt-Währungsreserven werden in Euro gehalten. Allein China hält 800 Milliarden davon. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der EU ist von 2000 bis heute mit 3,2 Prozent jährlich stärker gewachsen als das der amerikanischen mit drei Prozent und das Japans mit 2,9 Prozent (allerdings nach 2008, dem Jahr der Finanzkrise, nur noch um 2,4 Prozent). Wir haben also auch wirtschaftlich keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Aber natürlich nur, wenn wir Europäer unsere Einigung weiter intelligent vorantreiben. Denn unsere Bevölkerung altert und schrumpft, und auch unser Anteil am Weltprodukt wird sinken.

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