https://www.faz.net/-gpf-7bf22

Europäische Union : Europas Werte, Europas Wirtschaft

  • -Aktualisiert am

Die Aufklärung, diese zutiefst europäische Geistesströmung, prägte im 17. und 18. Jahrhundert vor allem Deutschland, Frankreich und England. Vorausgegangen waren Umwälzungen in der Astronomie, der Physik und anderen Naturwissenschaften. Locke, Rousseau, Voltaire oder Kant: Ihr freiheitlicher Geist wandte sich auch gegen kirchliche und staatliche Bevormundung. Dem Schatten des Mittelalters hielten die Aufklärer das Licht der Vernunft und die Ideale von geistiger Freiheit, von Gleichheit und Toleranz entgegen. Mit wachsender intellektueller und individueller Freiheit entstanden aus Europa heraus Wissenschaft und technischer Fortschritt. Die Dampfmaschine markiert eine Zeitenwende für die ganze Menschheit, den Eintritt ins Industriezeitalter. Es war diese Zeitenwende, die wachsenden Wohlstand für immer mehr Menschen brachte - zuerst in Europa, dann in mehr und mehr Regionen dieser Welt.

Die Wirtschaftsleistung pro Kopf - hätte man sie früher schon so gemessen - war bis vor 250 Jahren rund um den Globus etwa gleich hoch. Denn die Produktionsfaktoren waren überall nur Arbeit und Boden. Aber wir Europäer haben wissenschaftliche Erkenntnisse in der Industrialisierung kreativ umgesetzt und den heute dominierenden dritten Produktionsfaktor, Wissen und Kapital, für die Welt erschlossen. Worauf es mir ankommt: Von der Antike über den Humanismus bis zur Aufklärung lässt sich ein Bogen spannen - ein Freiheitsmodell, das seinen Ursprung in Europa hat und das die Welt überall dort anstrebt, wo Menschen Wohlstand und Würde wollen. Nur zur Erinnerung: Nicht nur Dampfmaschine, Auto, Elektrizität und Penizillin, auch der Computer und das Internet wurden in Europa erfunden. Vermarktet wurden sie in anderen Ländern, aber es waren ebenfalls nach europäischem Vorbild entstandene Industriegesellschaften.

Mit den Fortschritten in Wissenschaft, Technik und industrieller Produktion entstand ebenfalls in Europa das Wirtschaftsmodell der Marktwirtschaft. Von Thomas von Aquin bis zu Adam Smith: Europäische Vordenker haben uns das Rüstzeug gegeben. Radikal setzten dieses Modell die Amerikaner um, und seit Deng Xiaoping auch das kommunistische China - und mit Erfolg. Sie alle tun das nicht aus Liebe zu Europa, sondern weil sie wissen, dass ein besseres Leben in Wohlstand nur mit technologischem Fortschritt und unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gelingt. Die sozialen Verwerfungen, die Kapitalismus und Industriegesellschaft mit sich brachten, haben den Europäer Karl Marx über deren Ursachen und Alternativen dazu nachdenken lassen. Dass seine Analysen und die daraus abgeleiteten Ideologien zu einer mehr als ein Jahrhundert währenden Spaltung der Welt führen würden, hat er nicht vorhergesehen. Aber was ich sagen will: Auch diese Weltrevolution hatte ihre Wurzeln in Europa.

Die konstruktiven Elemente sozialistischer Ideale in Verbindung mit dem abendländisch-christlichen Menschenbild haben daraus schließlich die Soziale Marktwirtschaft entstehen lassen: eine kulturelle europäische Leitidee, die es geschafft hat, zur Balance zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnissen beizutragen und die sich zunehmend zu einem Exportschlager „made in Europe“ entwickelt.

Weitere Themen

Das ändert sich für Steuerzahler Video-Seite öffnen

Abschaffung des Solis : Das ändert sich für Steuerzahler

Der Bundestag hat die weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlages beschlossen. Seit 1991 tragen die Steuerzahler mit dem Soli maßgeblich zur Finanzierung der deutschen Einheit bei - nach drei Jahrzehnten ist Schluss mit der Sonderabgabe. Sie fällt ab 2021 für 90 Prozent der Steuerzahler weg.

Topmeldungen

Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.

Kein grünes Licht für Ungar : Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

Der Start von Ursula von der Leyens neuer EU-Kommission bleibt in der Schwebe: Der Kommissarkandidat aus Ungarn muss in die Nachbefragung. Und wegen Großbritanniens Weigerung, vor den Neuwahlen einen Bewerber zu nominieren, leitet Brüssel derweil ein Strafverfahren ein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.