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Robinson Crusoe und die Briten : Robinson Crusoe: Der Mythos der Englishness

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Bild: mauritius images

„Robinson Crusoe“, erstmals im April 1719 erschienen und seitdem unzählige Male überarbeitet, übersetzt und nachgeahmt, war der erste moderne, realistische Roman in englischer Sprache. Daniel Defoes Protagonist gab einer Haltung ein Gesicht, die bis heute das Selbstverständnis der Briten prägt – und sei es in dem Gefühl ihres Verlustes.

          Als Boris Johnson im November 2016 ankündigte, der Brexit werde ein „Titanic success“, hätte der seinerzeitige Außenminister ahnen müssen, dass er sich mit diesem Bild zum allgemeinen Gespött machen würde. Josh Pappenheims satirischer Kurzfilm ließ nicht lange auf sich warten. Mit Ausschnitten aus dem Katastrophenfilm „Titanic“ (1997) stellte er die für den Brexit Hauptverantwortlichen Boris Johnson, David Cameron und Michael Gove an das Ruder des sinkenden Schiffs, während Theresa May und Nigel Farage wie Schatten einen gespenstigen Hintergrund bildeten. Währenddessen spielte Jeremy Corbyn teilnahmslos auf einer Geige, als ginge den Labour-Führer der Untergang gar nichts an.

          Ein zutreffenderes Bild als das des Schiffbruchs ist kaum denkbar. Betrachten dessen Zuschauer gebannt das Geschehen, kämpfen einige Protagonisten verzweifelt gegen den Untergang, während andere es ablehnen, für diesen Verantwortung zu tragen. Das Staatsschiff beziehungsweise seine angebliche Befreiung ist also alles andere als ein „titanischer Erfolg“, es ist vielmehr von den Politikern als seiner Besatzung einer großen Katastrophe entgegengesteuert worden. Nun entzieht sich das Unabwendbare endgültig aller Kontrolle. Auch die Titanic, die als unsinkbar galt, war nicht davor gefeit.

          Hans Blumenberg hat diesen Schicksalsmoment der Überlebenskrise als Daseinsmetapher gedeutet. Bitterer könnte die Krise lediglich sein, wenn sie keine Zuschauer hätte. Aber im Fall des Brexits wird man einen Mangel an Anteilnahme durch die Weltöffentlichkeit nicht beklagen können. Das nautische Sinnbild des Staatsschiffs eignet sich vortrefflich für eine einem Kontinent vorgelagerte und ozeanischen Kräften ausgesetzte Insel – das thematisierten schon Francis Bacon in „New Atlantis“ (1627) und James Harrington mit seinem „The Commonwealth of Oceana“ (1656). Präziser jedenfalls als die Metaphern vom (Staats-)Haus oder vom (Staats-)Körper, unterstreicht auf einer Insel, deren Städte mehrheitlich entweder an der Küste oder mit direktem Meerzugang gegründet wurden, das Bild vom Schiff die britische maritime Erfassung der Welt. Es stellt zudem die Überflüssigkeit von Stadtmauern heraus, worin sich Großbritannien vom Rest Europas unterscheidet.

          Das Meer ist somit nicht Hindernis, sondern Brücke, doch gegebenenfalls auch Schicksal. Im zweiten Akt von „Richard II“ (1597) spricht John of Gaunt die vielzitierten Zeilen: „This precious stone set in the silver sea.“ Indem Shakespeare aus der geographischen Lage eine historische Sonderrolle ableitete, fügte er geradezu visionär die Britischen Inseln unmittelbar in die kommende Kolonialgeschichte ein. Denn auch der Expansionsprozess des Empires vollzog sich in erster Linie über Inseln – ob Irland, Malta oder Zypern; Jamaika, Barbados, Bermuda und Trinidad; Australien und Neuseeland; Ceylon, Singapur und unzählige mehr.

          Wer im selben politischen Boot saß, solidarisierte sich zu einer Interessensgemeinschaft, die den Stürmen des Weltgeschehens die Stirn bot. Oder die als „Britannia“ ihrer Mission gerecht werden musste, wenn sie die Wellen der Meere regierte. Der Schotte James Thomson hatte die berühmten Verse „Rule Britannia!“ vermutlich erstmals 1740 veröffentlicht. Nur zwei Jahrzehnte davor war Daniel Defoe mit einem Roman an die Öffentlichkeit getreten, der in diesen Tagen englische Konstanten in Erinnerung ruft: die Seefahrt und die Insel als Orte der Bewährung.

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