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Reformationsjubiläum 2017 : Lebendiges Licht

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Die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts haben die zweiteilige christliche Bibel, die für sie ein schlechterdings grundlegender Text alles christlichen Lebens und Denkens war, zunehmend in den Bahnen einer humanistischen Tradition von ihren Ursprachen her zu begreifen versucht. Die im Jubiläumsjahr überraschend nachgefragte und in einer vorzüglichen Revision rechtzeitig veröffentlichte Luther-Bibel ist dafür ein beredtes Zeugnis. Von dieser die Reformation tief prägenden Orientierung an den alten Sprachen kann man aber auch etwas lernen, wenn man mit Hebräisch, Griechisch und Latein gar nichts am Hut hat: Wer je einmal an einer Schule oder Universität eine alte Sprache unterrichtet hat, weiß, dass es mit einer Schnellbleiche von wenigen Monaten und einer abschließenden Prüfung nicht getan ist. Vertrautheit mit den alten Sprachen erwirbt, wer sich darin übt.

Gleiches gilt, wenn man nach dem fragt, was am Reformationsjubiläum gelungen war und was bleiben wird. Die Antwort auf diese Frage wird stark davon abhängen, was in den kommenden Monaten und Jahren geschehen wird. Wer nach einer angemessenen Erholungs- und Reflexionspause im Winter 2017/2018 bequem auf dem Sofa sitzen bleibt und sich weiter ausruht, darf sich nicht wundern, wenn wenig von Feier und Gedenken, von Ausstellung und Lektüre, vom ganzen Erlebnis auf Elbwiesen und in restaurierten Kirchengebäuden bleibt. Wenn dagegen das, was gut gelungen war, und das, was nicht so gelungen war, nüchtern analysiert wird und Konsequenzen gezogen werden, dann kann der Aufbruch, der an vielen Stellen durch Kirchengemeinden, aber auch durch nichtkirchliche Zusammenhänge gegangen ist, weitergetragen werden in die kommenden Jahre.

Ein einziges Beispiel zum Schluss: In Frankfurt/Oder hat eine durchaus mehrheitlich nichtchristliche städtische Bevölkerung zusammen mit der evangelischen und katholischen Christengemeinde viel Geld aufgebracht, um die reformatorisch geprägten Kunstwerke der großen gotischen Marienkirche in der Stadtmitte zum Jubiläum zu restaurieren und in einer beeindruckenden Ausstellung zu präsentieren. Anlässlich dieses Projektes ist vielen Menschen vor Ort deutlich geworden, was für eine solche Stadt die reformatorische Rede vom Priestertum aller Glaubenden und von der Freiheit eines Christenmenschen bedeuten konnte, wie mindestens einzelne Spuren von Mündigkeit und Autonomie sich durch die folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte Stadtgeschichte ziehen. An solche gemeinsamen bürgerschaftlichen Erfahrungen mit dem Reformationsjubiläum ist in den kommenden Jahren anzuknüpfen, an vergleichbaren Projekten ist nun auch an anderen Orten weiterzubauen.

Es gibt noch genügend Menschen und Plätze, an denen sich Vergleichbares realisieren lässt. Man könnte also alle Mängeldiagnosen – zu wenig theologischer Tiefgang in manchen Veranstaltungen wie Projekten, zu viele Veranstaltungen, zu wenig Beachtung für Frauen in der Reformationszeit, kaum Ökumene mit den orthodoxen Kirchen und so fort – als Ansporn für die kommenden Jahre verwenden, in denen unzählig viele Jubiläen anstehen. Denn nach einem so weit über Wittenberg und Deutschland hinaus strahlenden Jubiläum können in den kommenden Jahren nicht nur die lutherischen Erinnerungsorte gefeiert werden wie der erwähnte Reichstag zu Worms, dessen Gedenken sich 2021 jährt. Vielmehr müssen beispielsweise auch reformierte Jubiläen begangen werden wie das Züricher Wurstessen von 1522, das einem schon vergleichsweise bald die Gelegenheit geben kann, dortige Fasnachts-Chüechli mit Scheiben von scharfen Rauchwürsten zu probieren und sich dabei an die städtische Reformation sowie an Zwingli mit den Seinen zu erinnern.

Ein wenig heitere Gelassenheit bei der nun anstehenden Betrachtung des Reformationsjubiläums täte gut. Nicht nur deswegen, weil solche heitere Gelassenheit in der Regel eine präzisere Analyse erlaubt als wütende Ausfälle gegen tatsächliche oder angebliche Defizite oder ängstliche Apologetik von Verantwortlichen. Nein: Getroste, ja heitere Gelassenheit ist eben auch die Haltung, in die das Menschen frei machende Wort Gottes führen will. Sie ist also vielleicht die tiefste Form, im Umfeld des Reformationsfestes 2017 Reformation zu feiern – und auch in den Jahren danach.

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