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Reformationsjubiläum 2017 : Lebendiges Licht

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Auch am staatlichen Engagement für solche Projekte, insbesondere seinen finanziellen Ausmaßen, wurde gelegentlich heftige Kritik geübt, und nicht jeder fand angemessen, dass der Bundespräsident beim Festakt am 31. Oktober 2016 zwar betonte, nicht als Pfarrer zu sprechen, aber doch präzise über die Bedeutung von Gnade in einer oft gnadenlosen säkularen Gesellschaft sprach. Aber warum sind gebildete Politiker, die ihr Christentum verstehen, etwas Schlechtes? Und Kritiker des finanziellen staatlichen Engagements könnte man darauf hinweisen, dass die öffentliche Hand in regelmäßigen Abständen ein Internationales Deutsches Turnfest finanziert, obwohl sich die Menge Turnbegeisterter durchaus in engeren Grenzen hält als die der Besucher von Veranstaltungen des Reformationsjubiläums. Analoges gilt für mancherlei andere Großveranstaltungen.

Wenn man sich derartige Zusammenhänge öffentlicher Förderung vor Augen hält, braucht man die Fernwirkungen der Reformation auf die bundesrepublikanische Gesellschaft nicht aus Gründen der Rechtfertigung für die reichlich geflossene Unterstützung zu überzeichnen. Natürlich führt keine schnurgerade Linie von Luthers differenziertem Verständnis einer Freiheit, durch die ein Christenmensch sich freiwillig in Dienst nehmen lässt für Gott und den Nächsten, zum deutlich individualisierteren Freiheitsverständnis weiter Kreise der Bevölkerung.

Selbstverständlich spielt auch in einer katholischen Kirche und Theologie, die in der Tradition des Zweiten Vatikanischen Konzils steht, ein differenzierter Begriff von Freiheit eine Rolle und nicht nur in einer sich als „Kirche der Freiheit“ proklamierenden Evangelischen Kirche. Bei allen Versuchen, Wirkungen der Reformation in der Gegenwart allzu schnell zu identifizieren, ist Vorsicht angesagt: So folgt natürlich aus dem unerhört selbstbewussten Auftritt eines Professors einer relativ frisch gegründeten mitteldeutschen Reformuniversität vor dem Kaiser und den Reichsfürsten auf dem Reichstag in Worms 1521 nicht quasi automatisch der vergleichbar freche Auftritt von Fritz Teufel vor einem Berliner Gericht 1967: Zwischen einer rhetorisch höchst präzise ausgeführten Berufung auf das Gewissen, die im sechzehnten Jahrhundert den Rahmen des vorgesehenen Verfahrens sprengte, und dem geflügelten Wort eines zum Aufstehen aufgeforderten Angeklagten „Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient“, liegen Welten.

Daher ist man gut beraten, diese Welten nicht im Zuge didaktisch motivierter Vereinfachung in eins zu schieben. Aber man sollte wahrnehmen, dass beispielsweise einige der Widerstandskämpfer im nationalsozialistischen Staat, als sie den „Aufstand des Gewissens“ wagten, Trost wie Ermutigung durch den Rekurs auf reformatorische Texte und Figuren fanden. Die Bedeutung dieser mehrfach gebrochenen Traditionslinie sollte nicht überzeichnet, aber auch nicht durch Klischees vom angeblich so staatsfrommen Luthertum über Gebühr marginalisiert werden.

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