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Reformationsjubiläum 2017 : Lebendiges Licht

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Es liegt vermutlich an einer auffälligen Konzentration auf den Berliner Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834) in der gegenwärtigen evangelischen Theologie, dass im Jubiläum merkwürdig wenig von den tiefen Prägungen Luthers durch den antiken nordafrikanischen Theologen Augustinus die Rede war. Dass Luther 1517 und in den Jahren danach stark durch das vertiefte Nachdenken über die Sakramente der Taufe, der Buße und des Abendmahls zu seiner besonderen Konzentration auf das Wort Gottes gekommen ist, das in Form mündlich zugesprochener biblischer Sätze Menschen ins Herz trifft, verbindet den Wittenberger Theologieprofessor eher mit dem katholischen Kirchenvater Augustinus als mit gegenwärtig beliebten protestantischen Theologen des neunzehnten Jahrhunderts. Entsprechend stellt der Wittenberger Altar über der erwähnten Predella auch die Sakramente in einer besonderen, reformatorischen Interpretation und Bildtradition dar: Die Taufe vollzieht mit Melanchthon ein Laie, der niemals zum Priester geweiht oder zum Pfarrer ordiniert worden war.

Eine ganz andere Frage im Jubiläum war, ob stärker mit der ungetrennten abendländischen Christenheit verbundene Theologen des sechzehnten Jahrhunderts – man kann Ähnliches für Calvin und nicht nur für Luther oder Melanchthon zeigen – sich deswegen weniger zur Anknüpfung für die Gegenwart eignen. Vor allem Historiker haben scharfe Kritik an einer angeblichen Verzweckung in Wahrheit fremder Figuren der Frühen Neuzeit für Anliegen der Gegenwart in kirchlichen Gebrauchstexten geübt. Aber vom fremden Luther und einer heute fremd geworden Reformation war in den vergangenen Monaten auch oft die Rede: Der Antijudaismus Martin Luthers, der stellenweise als Antisemitismus zu bezeichnen ist, ist nicht nur in wissenschaftlichen Texten gründlich aufgearbeitet worden, sondern auch in kirchlichen Gebrauchstexten – solche Zusammenhänge zeigen, wie stark Luther in vielen Zügen im Unterschied zu weltgewandteren Reformatoren dem engen Raum einer mitteldeutschen Provinzmentalität verbunden blieb und sich tatsächlich nicht als protestantischer Heros der Neuzeit eignet.

Aber gerade eine Rekontextualisierung Luthers und anderer Reformatoren in der longue durée der christlichen Antike kann zeigen, dass ein weiterer bemerkenswerter Zug des Jubiläums nicht einfach bloße Kirchenpolitik oder Frucht eines engen persönlichen Verhältnisses zweier Münchner Kirchenführer war: Für das Gewicht der katholisch-evangelischen Ökumene beim Reformationsjubiläum lassen sich gute Gründe in der Reformationszeit ausmachen, wenn man seine Analysen nicht im dem Jahr 1517 beginnen lässt und die Bedeutung von Geistes- und Ideengeschichte nicht unzulässig marginalisiert.

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