https://www.faz.net/-gpf-939pi

Reformationsjubiläum 2017 : Lebendiges Licht

  • -Aktualisiert am

Zunächst einmal war nicht erst auf der Frankfurter Buchmesse 2017 unübersehbar, was für eine reiche Ernte an wissenschaftlichen Veröffentlichungen in diesem Reformationsjubiläum eingefahren werden konnte: Neben großen Monographien zum Gesamtthema wie zu Einzelaspekten und Personen gab es eine Fülle von Ausstellungskatalogen, die zugleich als Kompendien bestimmter Themenbereiche wie dem spätmittelalterlichen Ablasswesen angelegt sind. Selbst zu Themen, die mehr als genug behandelt schienen, wurde Neues zutage gefördert, wie eine beliebig ausgewählte Veröffentlichung aus den Stapeln zeigen kann: In der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Predigtkirche, steht ein Altar, dessen Predella schon fast zu oft abgebildet wurde, vielfach in Monographien behandelt ist und dazu in zahllosen Predigten wie Gemeindevorträgen: Luther steht auf einer Kanzel, die linke Hand liegt auf der geöffneten Bibel und weist mit den Fingern auf eine Textpassage, die rechte deutet mit einer Art Segensgeste auf einen gekreuzigten Christus, der in der Mitte zwischen Luther und einer Wittenberger Gemeinde aus Jungen, Alten, Kindern, Greisen steht.

In diesem Jubiläumsjahr wurde erstmals ausführlicher behandelt, warum Luther auf diesem Gemälde mit geschlossenem Mund portraitiert ist und gar nicht predigend, wie oft zu lesen ist – in einer kunsthistorischen Dissertationsschrift der Berliner Humboldt-Universität zur protestantischen Bildkultur. Es kommt in der reformatorischen Theologie des Wortes eben nicht auf menschliche Worte allein an, sondern auf das Wort Gottes. Solche nicht eben einfachen theologischen Zusammenhänge wurden in der gegenüber dem Bild so kritischen evangelischen Kirche der Frühen Neuzeit durchaus präzise in Bilder gefasst und den Menschen präsentiert.

Wie es sich für eine lebendige wissenschaftliche Debatte gehört, wurde in vielen dieser Veröffentlichungen auch kräftig gestritten – und in den Medien dazu: Schon die Frage, ob wenigstens eine gewisse Konzentration auf Martin Luther angesichts der Ereignisse der Jahre nach 1517 im Reich sachgemäß sei, ist unterschiedlich beantwortet worden. Während die einen die Theologie von Martin Luther stärker mit seinem einstigen Ordensheiligen Augustinus, dem Patron der Wittenberger Theologischen Fakultät, verbanden oder mit der mittelalterlichen Mystik, betonten die anderen die systemsprengenden Anteile seiner Gedanken im Vergleich zur zeitgenössischen Theologie. Wer sich klarmacht, wie stark solche basalen Fragen einer historischen Rekonstruktion auch bei Historikern von metahistorischen Grundannahmen bestimmt sind, wird sich über unterschiedliche Antworten nicht verwundert zeigen.

Es überrascht eher, wie lebendig in solchen Diskussionen noch theologische Deutungskonflikte um Recht und Grenze des sogenannten Kulturprotestantismus sind. Diese Konflikte hatten die ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt, schienen nach 1945 beendet und stehen und nun plötzlich wieder im Hintergrund bestimmter scheinbar historiographischer Auseinandersetzungen: Ob man Luther als besonderen Reformer mittelalterlicher Theologie versteht oder als Urheber eines kategorial neuen Typus christlicher Theologie, ist Folge der jeweiligen historischen Hermeneutik und des theologischen Vorständnisses.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein ICE als Bummelzug : Frustationswellen schwappen durch die Waggons

Immer wieder bleibt der ICE stehen. Mitten auf der Strecke zwischen Mannheim und Frankfurt. Nur warum? Wegen des Wetters? Wann geht es weiter? Weil Antworten fehlen, wähnen sich Fahrgäste in der Gefühlsachterbahn.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.