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Rechtsextreme in der DDR : „Deutschland den Deutschen“

  • -Aktualisiert am

Berlin, Alexanderplatz 1990 Bild: Matthias Weber/Robert-Havemann-Gesellschaft

Erich Honecker gab sich überzeugt: „Der Fremdenhass liegt sehr stark in der deutschen Mentalität. Bei uns in der DDR ist das überwunden.“ Eigentlich wusste er es besser.

          11 Min.

          Seit 1990 kommt es in den neuen Bundesländern immer wieder zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen, an denen sich größere Gruppen meist junger Männer unter Zustimmung von Anwohnern beteiligen. Ausländerfeindliche Anschläge im Westen erfolgten hingegen meist aus dem Untergrund. Umfragen zu ausländerfeindlichen Ansichten geben zu erkennen, dass es nach wie vor einen deutlichen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland gibt.

          Die fremdenfeindlichen Zwischenfälle in den neuen Ländern haben eine lange Vorgeschichte in der DDR. Der SED-Staat hatte seit den fünfziger Jahren für eine restriktive Ausländerpolitik gesorgt. Im Januar 1964 lebten in der DDR 18.500 Ausländer – ausgenommen die sowjetischen Besatzungstruppen und deren Angehörige. 32,6 Prozent der Ausländer kamen aus sozialistischen Ländern. Aus kapitalistischen Ländern waren Österreicher (2971) und Schweizer (2177) am stärksten vertreten, an dritter und vierter Stellen kamen Griechen (1904) und Italiener (1010).

          Anlage zu einem Bericht des Volkspolizei-Kreisamtes Perleberg über das „Auffinden von Hakenkreuzen“ vom 4. Mai 1968.

          Die Zahl der Algerier, Schwarzafrikaner und Inder betrug zusammengenommen weniger als eintausend. In Westdeutschland traf im selben Jahr der einmillionste Gastarbeiter ein. Er kam aus Portugal und erhielt am 10. September 1964 auf dem Bahnhof Köln-Deutz einen feierlichen Empfang und ein Mofa als Gastgeschenk. Von 1961 bis 1970 stieg der Anteil der ausländischen Bevölkerung in der Bundesrepublik von 1,2 auf 4,3 Prozent.

          DDR witterte Spionage

          Schon in einem Ausländeranteil von 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung hatten die DDR-Sicherheitsorgane 1964 ein Risiko gesehen. Eine Abteilung des Staatssicherheitsdienstes bearbeitete seit 1959 alle in der DDR lebenden Ausländer „abwehrmäßig“. Im Dezember 1962 verfasste diese MfS-Abteilung eine Einschätzung ihrer „Abwehrarbeit in den Aufnahmeheimen der DDR“.

          Sie empfahl darin, „den Zustrom der Ausländer, die um Aufnahme in der DDR ersuchen, relativ stark einzudämmen“. Außerdem sollten solche ausgewiesen werden, „die sich nicht in das gesellschaftliche Leben der Deutschen Demokratischen Republik eingliedern“.

          Nach dem Bau der Mauer erregte das Privileg der Ausländer, weiterhin nach West-Berlin reisen zu können, das Misstrauen der Staatssicherheit wie die Missgunst von DDR-Inländern. Die Ausländerüberwachung der Stasi registrierte, dass 31 Prozent aller in der DDR lebenden Ausländer von März 1962 bis November 1963 West-Berlin besuchten, und witterte Spionagenetze. Zugleich hielt sie in ihren Stimmungsberichten volkseigene Meinungen fest wie: „... diese Leute leben von unseren Errungenschaften und kaufen auch noch im Westen ein“.

          Ausweisung nach Westdeutschland

          Sooft den DDR-Oberen der „proletarische Internationalismus“ auf der Zunge lag, so selten lag er ihnen und ihren Untergebenen am Herzen. Am 17. September 1963 stimmte das SED-Politbüro in seiner Sitzung der Entsendung von „FDJ-Brigaden der Freundschaft“ in mehrere schwarzafrikanische Länder zu, um dort für die DDR und ihre völkerrechtliche Anerkennung zu werben. Auf derselben Sitzung beschloss man eine „Veränderung des Aufnahmeverfahrens für Ausländer, Rückkehrer und Zuziehende“.

          Ausbildung junger Arbeiter aus Vietnam, 1970

          Demnach sollten Ausländer, die keine Genehmigung zur Übersiedlung in die DDR besaßen, nicht mehr aufgenommen, sondern mit der Empfehlung zurückgewiesen werden, einen schriftlichen Antrag an das DDR-Außenministerium zu richten und die Entscheidung in ihrem Heimatland abzuwarten. Davon auszunehmen seien nur solche Ausländer, die politische Verfolgung nachweisen könnten.

          Diese seien in das Aufnahmeheim Molkenberg bei Fürstenwalde einzuweisen. Auch die Rückkehrer und Staatsbürger kapitalistischer Staaten einschließlich Westdeutschlands, die in der DDR ihren Wohnsitz nehmen wollten, seien in ein Aufnahmeheim einzuweisen: „Erfolgt innerhalb von 4 Wochen keine Entscheidung über den gestellten Antrag, sind diese Personen nach Westdeutschland oder West-Berlin zurückzuweisen.“

          Auf das DDR-Niveau herunterziehen

          Da es in der DDR bis in die siebziger Jahre nur wenige Ausländer gab, blieb die Ausländerfeindlichkeit eine Gesinnungsfrage. Das änderte sich rasch, als die DDR-Wirtschaft ausländische Vertragsarbeiter ins Land holte. Deren Zahl betrug 1966 etwa 3500, stieg bis 1980 auf 26.000 an und erreichte 1989 einen Stand von 93.000. Vor allem der kürzlich verstorbene Zauberkünstler auf dem Devisenmarkt, Alexander Schalck, sorgte für einen „Zustrom der Ausländer“ in die DDR, den dieses weltfremde Land nicht verkraften konnte.

          Auf Grundlage des Regierungsabkommens vom 11. April 1980 kamen zunächst 1534 gutausgebildete vietnamesische Arbeitskräfte in 49 Betrieben der DDR zum Einsatz. Der Staatssekretär für Arbeit und Löhne, Wolfgang Beyreuther, berichtete dem DDR-Wirtschaftsführer Günter Mittag im Dezember 1980, die vietnamesischen Arbeitskräfte seien diszipliniert und hätten schon kurz nach ihrer Einarbeitung durchschnittliche bis überdurchschnittliche Leistungen erbracht.

          Im Vergleich zum Westen gab es in der DDR nur wenige Gastarbeiter. Dieses Bild zeigt zwei dunkelhäutige Jungen 1985 in einer Straßenbahn in Ost-Berlin.

          In einigen Betrieben sei es gerade deswegen zu Problemen gekommen: „Die fleißige Arbeit und gute Disziplin der vietnamesischen Werktätigen stößt bei einigen unserer Werktätigen, die eine mangelhafte Arbeitseinstellung haben, auf Unwillen und Gegenreaktionen. Sie versuchen, die vietnamesischen Werktätigen auf das von ihnen für richtig gehaltene Disziplinniveau herunterzuziehen.“ Im VEB IFA Automobilwerk Ludwigsfelde habe „eine Gruppe von Werktätigen, die für ihre schlechte Arbeitsdisziplin im Betrieb bekannt war, mit Drohungen versucht, die vietnamesischen Werktätigen von ihrer guten Planerfüllung abzubringen.

          Vier Personen auf 20 Quadratmetern

          Weil die vietnamesischen Werktätigen auf Drohungen nicht reagierten, wurde eine Schlägerei organisiert. Die Täter wurden wegen Rowdytums im schweren Fall verurteilt.“ Aus den Betrieben VEB BWF Marzahn, Autotrans Berlin und Wema Aschersleben trafen ähnliche Berichte in Berlin ein.

          Schalck trug in den achtziger Jahren maßgeblich zur Anwerbung und Verteilung der vietnamesischen Arbeitskräfte bei, die er in seinen Schreiben meist nur als VAK bezeichnete. Ordentlich bürokratisch niedergeschrieben, las sich das dann so: „Auf Grund des Beschlusses vom 23.9.1987, der Festlegung des Vorsitzenden der SPK vom 11.12.1987 und der Entscheidung zur Fortschreibung der Zuordnungsgrößen für ausgewählte Ministerien erfolgte bis 31.12.1988 die Anreise von 31940 VAK. Im Rahmen des bestätigten Überhangs 1989 in Höhe von 1727 VAK werden bis auf die Anreise von 544 VAK im II. Quartal 1989 die Beförderungsleistungen für alle Ministerien zur Gewährleistung des Einsatzes von insgesamt 33.677 VAK bis zum 31.3.1989 vollständig erfüllt.“

          Der Angolaner Amadeu Antonio wurde 1990 in Eberswalde von einem rechtsradikalen Mob zu Tode geprügelt. Er war das erste Opfer rassistisch motivierter Gewalt nach der Wende in Ostdeutschland.

          Aus einem Besprechungsprotokoll mit mehreren Firmen vom 5. Februar 1988 geht hervor, wie Schalck die insgesamt 7048 Unterkünfte für seine VAK ausstatten ließ. Vier Personen wurden in einem 20 Quadratmeter großen Raum untergebracht. Darin standen vier Betten, vier Nachttische, vier Schränke, in der Mitte des Raumes ein Tisch 1,20 mal 80 und vier Stühle, dazu gab es ein Waschbecken und einen Kühlschrank.

          Geschäftstüchtige Vietnamesen

          Obwohl man die Vietnamesen in der DDR faktisch gettoisierte, regte sich in der Bevölkerung Unmut gegen die neuen Nachbarn. So zum Beispiel in Schwerin, wie einem Vermerk Schalcks zu entnehmen ist: „Entsprechend einer Bitte des Vorsitzenden des Rates des Bezirks Schwerin“ sei dort in „Reaktion auf Diskussionen der Bevölkerung“ die Zahl der Unterkünfte für Vietnamesen herabgesetzt worden.

          Sosehr die DDR-Wirtschaftsführer den Fleiß der vietnamesischen Arbeitskräfte schätzten, so wenig passte ihnen deren Geschäftstüchtigkeit ins Konzept. Staatssekretär Schalck informierte seinen Chef Günter Mittag im Februar 1988 über einen schwungvollen Handel mit Computern und Zubehör. Der werde maßgeblich von in der DDR lebenden Vietnamesen und Äthiopiern betrieben, die mit Unterstützung einiger Diplomaten ein Verkaufsnetz in der DDR geknüpft hätten.

          Syrer bei der Mai-Kundgebung 1969 in Jena.

          Allein im November und Dezember 1987 erwarben die Ankaufsstellen des DDR-Gebrauchtwarenhandels von ihnen Computer im Wert von 120 Millionen Mark. Einrichtungen des Gebrauchtwarenhandels boten die Ware an und verkauften sie zum Teil originalverpackt Volkseigenen Betrieben. Die Preise lagen im Verhältnis selbst zum Einzelhandelspreis im westlichen Ausland höher als das Verhältnis, zu dem westliche Banken die Mark der DDR gegen Mark tauschten.

          Wachsende Zahl an Zusammenstößen

          Die Vietnamesen erwarben von ihren Erlösen Mopeds, die sie an ihre Landsleute zum Export nach Vietnam weiterverkauften. Originalton Schalck: „Die dargelegten Erscheinungen fördern bei einer Reihe von Bürgern Tendenzen der Bereicherungssucht: Versuche, auf Kosten anderer und auf unehrliche Weise Geld zu verdienen, wachsen. Ansätze parasitärer Lebensweisen, die auch in der Öffentlichkeit sichtbar werden, sind dabei unverkennbar. All das stößt bei Bürgern der DDR, die redlich und in Übereinstimmung mit ihrem Anteil an der Erfüllung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben ihr Geld verdienen, auf Unverständnis.“

          Auf Unverständnis stießen bei manchem DDR-Gemüt freilich nicht nur Ausländer, die zu fleißig oder zu geschäftstüchtig waren – schon ihre schlichte Anwesenheit bei den üblichen Volksvergnügen führte häufig zu Problemen. Die Tagesrapporte der Volkspolizei verzeichnen seit Mitte der siebziger Jahre eine wachsende Zahl von Zusammenstößen zwischen Deutschen und in der DDR lebenden Ausländern.

          Beschrieben werden meist ähnliche Ereignisse. So kam es im Juni 1988 während einer Tanzveranstaltung in Großenhain, Landkreis Meißen, zu Streitigkeiten zwischen Moçambiquanern und deutschen Jugendlichen. Als sich die etwa 20 Moçambiquaner auf den Heimweg machten, folgten ihnen 45 bis 50 Personen bis zu der Unterkunft auf dem Gelände des VEB Textima Großenhain. Sie bewarfen die Moçambiquaner mit Steinen und Flaschen, diese setzten sich ebenfalls mit Steinen und Flaschen zur Wehr, zogen sich aber auf Veranlassung ihres Gruppenleiters in ihre Unterkunft zurück.

          Integration von Nazis

          Mehrere DDR-Bürger bedrängten einen der dort eingetroffenen Volkspolizisten derart, dass dieser einen Warnschuss abgab. Weitere Sicherheitskräfte trafen ein und stellten kurz nach Mitternacht die Ruhe wieder her. Zwei Deutsche und zwei Moçambiquaner erlitten leichte Verletzungen. Die Ursache der Auseinandersetzung lag nach Auffassung des Staatssicherheitsdienstes „im übermäßigen Genuss von Alkohol durch die moçambiquanischen Werktätigen“.

          Der Historiker Harry Waibel hat in den Überlieferungen des DDR-Staatssicherheitsdienstes mehr als 8600 Meldungen und Berichte über ausländerfeindliche, neonazistische und antisemitische Vorfälle gefunden. In seinem Buch „Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED, Rassismus in der DDR“ (Frankfurt am Main 2014) führt er zahlreiche Beispiele an, darunter auch pogromartige Ausschreitungen, bei denen es Verletzte und mindestens zehn Todesopfer gab.

          Ausländerfeindliche Ausschreitungen vor dem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen im August 1992.

          Die Wurzeln des deutschnationalen Eigendünkels im SED-Staat lagen freilich in seinen Anfängen. In der Nachkriegszeit war der Weg vom völkischen zum volkseigenen Nationalismus nur kurz. Per Befehl beendete die sowjetische Besatzungsmacht schon 1947 die Entnazifizierung. Einfache NSDAP-Mitglieder durften fortan in die SED aufgenommen werden – was DDR-weit rasch und lautlos geschah. Im Dezember 1947 sprach das SED-Politbüromitglied Anton Ackermann, der ein Jahr zuvor den „besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“ verkündet hatte, vor SED-Funktionären über die Integration ehemaliger Nazis.

          Politiker mit brauner Vorgeschichte

          Demnach sollten Nationalsozialisten der Jahrgänge ab 1919 mit folgender Argumentation für die SED gewonnen werden: „Das, was ihr vom Faschismus erwartet habt, nämlich eine neue Weltordnung, eine neue soziale Ordnung, den sogenannten deutschen Sozialismus, konnte euch der Faschismus niemals bringen, denn er war ja nichts anderes als die schlimmste, großkapitalistische Reaktion. Aber das, was der Faschismus nicht verwirklichen konnte, wird nun der Marxismus, der wissenschaftliche Sozialismus, verwirklichen.“

          In dieser Zeit sorgten die SED-Untergliederungen in einstigen Nazi-Hochburgen für eine zügige Integration ehemaliger Parteigenossen. In Thüringen hatten 1948 schon 5,3 Prozent der SED-Mitglieder der NSDAP angehört. Bis 1954 stieg der Anteil ehemaliger Nazis auf 8,6 Prozent. In einzelnen Bezirksverbänden lagen die Spitzenwerte der zur SED bekehrten Nazis bei 12,5 Prozent (Magdeburg) oder 15,4 Prozent (Erfurt).

          Rechnet man NS-Gliederungen wie die Hitler-Jugend oder den Bund Deutscher Mädel hinzu, so hatten 1954 in Erfurt 35,8 Prozent der SED-Mitglieder eine organisierte braune Vorgeschichte. Eine nachholende Kritik an der Eingemeindung früherer Nationalsozialisten, wie sie in der Bundesrepublik Anfang der sechziger Jahre einsetzte, gab es in der DDR nicht. Die volkseigenen Nationalsozialisten wurden in der DDR hartnäckig „beschwiegen“, Nazis gab es nur im Westen.

          Wie weit sich die SED-Propaganda Anfang der fünfziger Jahre auch in die Urgründe der Deutschtümelei verstiegen hat, mag eine Umdichtung des KPD-Kampfliedes „Roter Wedding“ verdeutlichen, die Ernst Busch 1950 in seiner „Lied der Zeit GmbH“ auf Platte brannte: „Und schlug auch der Feind uns’re Besten tot/ der Wedding kommt wieder, Berlin bleibt rot/ damit Deutschland den Deutschen gehört!“

          Familie und Lebenswelt prägten auch in der DDR trotz des totalitär durchstrukturierten Bildungssystems die politische Einstellung von Kindern und Jugendlichen. Das SED-Regime konnte und wollte nicht wahrhaben, dass unter der Oberfläche seiner Erziehungsdiktatur und des offiziell gehegten Antifaschismus eine verdrängte Vergangenheit virulent blieb. Immer wieder flackerten neonazistische Gesinnungen und Handlungen auf.

          Die Kommunisten lasen in den Berichten ihrer Sicherheitsorgane schon in den frühen sechziger Jahren fast allwöchentlich von Hakenkreuzschmierereien und „Vorkommnissen“ mit rechtsextremen Jugendlichen, mit Kindern des Sozialismus also, aufgewachsen und eingeschult im „sozialistischen Vaterland“.

          Lehrlinge und Hakenkreuze

          Mit großem Propagandagetöse hatte die DDR nach den Weihnachtsfeiertagen 1959 auf Hakenkreuzschmierereien in Westdeutschland reagiert. Rechtextremisten hatten an Heiligabend die Kölner Synagoge mit antisemitischen Parolen geschändet. In weiteren Orten der Bundesrepublik kam es daraufhin zu ähnlichen Zwischenfällen. Aber auch in der DDR kam es zu Nachahmungstaten, die jedoch geheim gehalten wurden, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

          In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre kam es parallel zu den Wahlerfolgen der NPD in den westdeutschen Landtagswahlen zu einer Welle von Hakenkreuzschmierereien in der DDR. Als Täter ermittelte die Staatssicherheit vorwiegend Lehrlinge und junge Arbeiter, die in kleinen Gruppen oder unorganisiert handelten. Zehn Jahre später gingen im SED-Zentralkomitee Meldungen über neonazistische Vorfälle und „faschistische Gruppenbildungen“ an Schulen ein.

          Diese waren noch alarmierender, weil rechtsradikale Gesinnung zum Teil aggressiv zur Schau gestellt wurde. SED-Chef Erich Honecker erhielt solche Berichte regelmäßig aus allen DDR-Bezirken zur Kenntnis, so auch einen mit Beispielen aus der Dresdner Jugendkultur.

          Schändung jüdischer Gräber

          Dort häuften sich an der 59. Oberschule „Verherrlichungen faschistischer Symbole und Verbreitung faschistischen Gedankengutes (Gedichte und Lieder auf Hitler, Austausch faschistischer Literatur)“. Kinder sowjetischer Staatsbürger seien verhöhnt und beschimpft worden. „An sechs Oberschulen tauchten selbstgegossene Totenkopfabzeichen auf.“ An der Oberschule „Otto Grotewohl“ in Bautzen fand man bei 80 Schülern ein solches Abzeichen, 40 Schüler besaßen „faschistische Liedtexte“.

          Die Schlussfolgerung der SED-Kontrollkommission lautete: „Diese Vorkommnisse widerspiegeln die ideologische Stoßrichtung des Gegners und seinen Einfluss auf einen Teil der Jugend. Sie tragen antikommunistische, antisowjetische und nationalistische Züge. Bei einem ganzen Teil der Vorkommnisse geht es nicht mehr um einzelne Jugendliche, sondern in starkem Maße sind ganze Gruppen beteiligt. Es gebe an vielen Schulen „keine selbständige Gegenreaktionen der FDJ- und Pionierkollektive“.

          Die Kunde von solchen Ereignissen erreichte auch den damaligen Ständigen Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin, Günter Gaus. Besorgt äußerte er sich im November 1978 gegenüber dem mit ihm befreundeten DDR-Journalisten Karl-Heinz Gerstner über nazistische Umtriebe an Schulen der DDR und die Schändung jüdischer Gräber.

          Gewusst, wo: Statistik über NS-Symbole im Gebäude des Zentralkomitees der SED in Ost-Berlin.

          Gerstner, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, hatte es in der DDR zum Chefreporter der „Berliner Zeitung“ gebracht und inoffiziell zum Informanten der Staatssicherheit mit Decknamen „Ritter“. Er meldete sein Gespräch mit Gaus gehorsam weiter: „G. behauptet, dass man in der DDR viel nationalistischer sei als die Menschen in der Bundesrepublik. Man würde in der DDR alte nationalistische Überheblichkeit und Arroganz an den Tag legen.“

          Eine solche Haltung legten mitunter sogar DDR-Entwicklungshelfer im Ausland an den Tag. Eine inoffizielle Stasi-Informantin, IMS „Victoria“, die als Dolmetscherin in Moçambique eingesetzt war, berichtete ihrem Führungsoffizier nach ihrer Rückkehr über „rassistische Tendenzen“ bei einem DDR-Kühlanlagentechniker. Er habe in der Hotelbar laut und grobschlächtig über Land und Leute geäußert, „die Schwarzen können nichts, das Essen sei ein Fraß, Scheißland, man könne sich nicht amüsieren“.

          Im Jahr 1985 machten sich Stasi-Offiziere der Abteilung Terrorabwehr in einer kollektiven Doktorarbeit an der Potsdamer MfS-Hochschule Gedanken über den Schutz von Ausländern in der DDR. Es dürfe „die Tendenz bei einzelnen Jugendlichen zur Hinwendung zu neofaschistischen Auffassungen, zum Zusammenschluss und zur Gewaltanwendung gegen Ausländer in der DDR nicht übersehen werden“.

          Von Thälmann zu den Nazis

          Im Bezirk Potsdam mit rund 1,1 Millionen Einwohnern betrug der Ausländeranteil damals 0,5 Prozent. In der ganzen DDR lebten am Ende etwas mehr als 191.000 ausländische Zivilisten, die meisten stammten aus „sozialistischen Bruderländern“. Das größte Kontingent mit mehr als 60.000 stellte Vietnam, 51.700 kamen aus Polen, 15.500 aus Moçambique, 14.900 aus der Sowjetunion, 13.400 aus Ungarn und 8000 aus Kuba.

          Kleine „Thälmann-Pioniere“, von denen nach dem Ende der DDR nicht wenige bei den Jungnazis in Ostdeutschland eine neue Heimat fanden, lernten 1985 aus ihren Liederbüchern noch Zeilen wie diese: „Und wir lieben die Heimat, die schöne/ und wir schützen sie, weil sie dem Volk gehört, weil sie unserem Volk gehört.“

          Als es dann kurz nach dem Ende der SED-Diktatur in den letzten Tagen der DDR zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen in der vordem sozialistischen Musterstadt Hoyerswerda kam und erwachsene DDR-Bürger dem jugendlichen Mob, der ein Ausländerheim angriff, offen applaudierten, war das Entsetzen groß. Nun nahm die Öffentlichkeit wahr, was DDR-Medien über alle Jahre hinweg unter dem Panzer der offiziellen Staatsideologie geheim gehalten hatten.

          Noch im Februar 1989 hatte der stets gut über das Geschehen in seinem Land informierte Erich Honecker gegenüber dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Luxemburgs, René Urbany, nach dessen Hinweis auf ausländerfeindliche Stimmungen in Westdeutschland behauptet: „Der Fremdenhass liegt sehr stark in der deutschen Mentalität. Bei uns in der DDR ist das überwunden. Bei den Maidemonstrationen sieht man Menschen verschiedener Hautfarbe und Herkunft, die in Brüderlichkeit und Freundschaft zusammengehen.“

          Erich Honecker starb als Ausländer in Chile. IMS „Victoria“ engagiert sich heute in der „Amadeu Antonio Stiftung“ gegen Ausländerfeindlichkeit. Der angolanische Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa wurde im brandenburgischen Eberswalde im November 1990 von einem rechtsradikalen Mob mit Baseballschlägern zu Tode geprügelt.

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