https://www.faz.net/-gpf-879yo

Rechtsextreme in der DDR : „Deutschland den Deutschen“

  • -Aktualisiert am

Berlin, Alexanderplatz 1990 Bild: Matthias Weber/Robert-Havemann-Gesellschaft

Erich Honecker gab sich überzeugt: „Der Fremdenhass liegt sehr stark in der deutschen Mentalität. Bei uns in der DDR ist das überwunden.“ Eigentlich wusste er es besser.

          Seit 1990 kommt es in den neuen Bundesländern immer wieder zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen, an denen sich größere Gruppen meist junger Männer unter Zustimmung von Anwohnern beteiligen. Ausländerfeindliche Anschläge im Westen erfolgten hingegen meist aus dem Untergrund. Umfragen zu ausländerfeindlichen Ansichten geben zu erkennen, dass es nach wie vor einen deutlichen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland gibt.

          Die fremdenfeindlichen Zwischenfälle in den neuen Ländern haben eine lange Vorgeschichte in der DDR. Der SED-Staat hatte seit den fünfziger Jahren für eine restriktive Ausländerpolitik gesorgt. Im Januar 1964 lebten in der DDR 18.500 Ausländer – ausgenommen die sowjetischen Besatzungstruppen und deren Angehörige. 32,6 Prozent der Ausländer kamen aus sozialistischen Ländern. Aus kapitalistischen Ländern waren Österreicher (2971) und Schweizer (2177) am stärksten vertreten, an dritter und vierter Stellen kamen Griechen (1904) und Italiener (1010).

          Anlage zu einem Bericht des Volkspolizei-Kreisamtes Perleberg über das „Auffinden von Hakenkreuzen“ vom 4. Mai 1968.

          Die Zahl der Algerier, Schwarzafrikaner und Inder betrug zusammengenommen weniger als eintausend. In Westdeutschland traf im selben Jahr der einmillionste Gastarbeiter ein. Er kam aus Portugal und erhielt am 10. September 1964 auf dem Bahnhof Köln-Deutz einen feierlichen Empfang und ein Mofa als Gastgeschenk. Von 1961 bis 1970 stieg der Anteil der ausländischen Bevölkerung in der Bundesrepublik von 1,2 auf 4,3 Prozent.

          DDR witterte Spionage

          Schon in einem Ausländeranteil von 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung hatten die DDR-Sicherheitsorgane 1964 ein Risiko gesehen. Eine Abteilung des Staatssicherheitsdienstes bearbeitete seit 1959 alle in der DDR lebenden Ausländer „abwehrmäßig“. Im Dezember 1962 verfasste diese MfS-Abteilung eine Einschätzung ihrer „Abwehrarbeit in den Aufnahmeheimen der DDR“.

          Sie empfahl darin, „den Zustrom der Ausländer, die um Aufnahme in der DDR ersuchen, relativ stark einzudämmen“. Außerdem sollten solche ausgewiesen werden, „die sich nicht in das gesellschaftliche Leben der Deutschen Demokratischen Republik eingliedern“.

          Nach dem Bau der Mauer erregte das Privileg der Ausländer, weiterhin nach West-Berlin reisen zu können, das Misstrauen der Staatssicherheit wie die Missgunst von DDR-Inländern. Die Ausländerüberwachung der Stasi registrierte, dass 31 Prozent aller in der DDR lebenden Ausländer von März 1962 bis November 1963 West-Berlin besuchten, und witterte Spionagenetze. Zugleich hielt sie in ihren Stimmungsberichten volkseigene Meinungen fest wie: „... diese Leute leben von unseren Errungenschaften und kaufen auch noch im Westen ein“.

          Ausweisung nach Westdeutschland

          Sooft den DDR-Oberen der „proletarische Internationalismus“ auf der Zunge lag, so selten lag er ihnen und ihren Untergebenen am Herzen. Am 17. September 1963 stimmte das SED-Politbüro in seiner Sitzung der Entsendung von „FDJ-Brigaden der Freundschaft“ in mehrere schwarzafrikanische Länder zu, um dort für die DDR und ihre völkerrechtliche Anerkennung zu werben. Auf derselben Sitzung beschloss man eine „Veränderung des Aufnahmeverfahrens für Ausländer, Rückkehrer und Zuziehende“.

          Ausbildung junger Arbeiter aus Vietnam, 1970

          Demnach sollten Ausländer, die keine Genehmigung zur Übersiedlung in die DDR besaßen, nicht mehr aufgenommen, sondern mit der Empfehlung zurückgewiesen werden, einen schriftlichen Antrag an das DDR-Außenministerium zu richten und die Entscheidung in ihrem Heimatland abzuwarten. Davon auszunehmen seien nur solche Ausländer, die politische Verfolgung nachweisen könnten.

          Weitere Themen

          Großer Protest gegen Nationalismus Video-Seite öffnen

          Europa vor den Wahlen : Großer Protest gegen Nationalismus

          Eine Woche vor der Europawahl sind tausende Menschen in mehreren Städten in Deutschland auf die Straße gegangen, um ein Zeichen gegen Nationalismus zu setzen. Europaweit waren Demonstrationen in rund 50 Städten geplant.

          Zehntausende demonstrieren für Europa Video-Seite öffnen

          Gegen Nationalismus : Zehntausende demonstrieren für Europa

          Sie sind für Europa und gegen Nationalismus – das zeigten zehntausende in vielen Städten Deutschlands. Auch das Scheitern der rechtspopulistischen Koalition in Österreich war auf den Demonstrationen ein Thema.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Ende : Pech für die Wirtschaft

          Das Aus der schwarz-blauen Regierung ist folgerichtig. Doch wirtschaftlich hat das Bündnis mehr hinbekommen als die Vorgängerregierung. Hoffentlich fällt das Land nicht zurück in Stillstand.

          Wie weiter mit dem Brexit? : Das britische System liegt in Trümmern

          Womöglich kann das britische Parlament einen „No Deal“ nach der Europawahl nicht mehr verhindern. Dann müsste die EU sich auch an die eigene Nase fassen – sie hat zur Polarisierung der Politik im Vereinigten Königreich beigetragen.
          Die 45. Internationale Waffen-Sammlerbörse im März in Luzern

          Mit rund 64 Prozent : Schweizer stimmen für schärferes Waffenrecht

          Die Eidgenossen haben sich den Verbleib im Schengen-Raum gesichert: Eine Mehrheit sprach sich für die Übernahme der verschärften Waffenrichtlinie der EU aus. Bei einer Ablehnung wäre die Mitgliedschaft automatisch nach sechs Monaten erloschen.

          Deutschland beim ESC : S!sters am Ende

          Der deutsche Beitrag beim ESC landet mal wieder auf einem der letzten Plätze. Was haben die S!sters falsch gemacht? Und warum suchen sie die Fehler bei anderen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.