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Recht und Moral : Konfuzius, der Koran und die Gerechtigkeit

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Bild: Archiv

Warum die Behauptung falsch ist, die Einforderung von Menschenrechten überall in der Welt sei westlicher Kulturimperialismus - und warum es eine alle großen Kulturen einschließende Grundlage für ein Weltrecht gibt.

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          Fordern wir von einem Land Demokratie ein, so meinen wir nicht die schlichte Volksherrschaft, sondern eine Demokratie, die sich an Rechts- und Verfassungsprinzipien bindet. Unter den Prinzipien ragen in ethisch-politischer Hinsicht die Menschenrechte heraus. Gegen sie taucht allerdings ein Vorwurf auf, den man nicht als ideologischen oder politischen Vorwand abtun darf, den eines Rechtskulturimperialismus, gemäß der Devise: „What is universalism for the West, is imperialism for the rest.“ Um den Vorwand zu prüfen, darf man sich nicht mit der eigenen Kultur zufriedengeben. Es braucht vielmehr interkulturelle Diskurse; in Bezug auf die Kerngrammatik allen Zusammenlebens, auch der globalen Koexistenz, sind auch interkulturelle Rechtsdiskurse notwendig.

          Sie sind auf vier Ebenen zu führen. In der Moral- und Rechtsgeschichte suchen sie den nicht bloß für die eigene, sondern auch für andere Kulturen eigentümlichen Ursprung von Moral und Recht auf. Im Kulturvergleich heben sie auf ein gemeinsames Moral- und Rechtserbe ab, auf ein Weltmoral- und Weltrechtserbe. Dessen Begründung greift - auf der dritten Ebene - auf Prämissen zurück, die, weil kulturübergreifend gültig, dem Widerspruch anderer Kulturen standhalten. Für die Praxis schließlich verlangen sie zweierlei: einmal ein Recht auf Differenz - allgemeine Prinzipien müssen nicht überall dieselbe Gestalt erhalten -; zum anderen verdienen andere Kulturen bei der Verwirklichung der Prinzipien dasselbe Recht, das sich auch unsere Kultur genommen hat: das Recht auf einen durchaus zeitraubenden Lernprozess.

          Greifen wir beim Weltmoral- und Weltrechtserbe einen schmalen Ausschnitt heraus, ausgewählt unter dem Gesichtspunkt der Konfliktrelevanz. Konflikte sind zwar nicht grundsätzlich zu verdammen: Streit lässt sich nicht verhindern, Wettstreit fördert Anstrengung und Kreativität, nicht zuletzt setzen Konflikte ein Potential für Verbesserung frei. Konflikte sollten allerdings gewaltfrei ausgetragen werden, dabei weder Minderheiten diskriminieren noch die Schwächeren benachteiligen.

          Für diese Aufgabe stellt das Weltmoral- und Weltrechtserbe zahlreiche Bausteine bereit. Beginnen wir bescheiden mit dem Grundsatz der Wechselseitigkeit, der Goldenen Regel. Wir finden sie im indischen Nationalepos Mahabharata und bei Konfuzius, ferner in einem ägyptischen Weisheitsbuch, bei Thales, im deuterokanonischen Buch des Alten Testaments Tobias und im Neuen Testament, nicht zuletzt im Koran und beim überragenden muslimischen Denker al Ghazali.

          Die Vorstellungen im biblischen Israel könnten von denen im alten Ägypten abhängen, doch bei Indien und China ist es gewiss nicht der Fall, so dass sich hier eine interkulturelle, sogar globale Wertegemeinschaft abzeichnet: Schon weit vordemokratische Gesellschaften achten den Wert der Gegenseitigkeit und Wechselseitigkeit. Gemeinsam ist zwar zunächst nur die moralische Forderung, während in der persönlichen und sozialen, sogar der rechtlichen Praxis vielerorts sowohl strenge Hierarchien als auch eklatante Privilegien und Diskriminierungen vorherrschen. Überdies kann sich die Binnenmoral von der nach außen gepflegten Moral stark unterscheiden. Trotzdem erkennen die verschiedenen Kulturen eine basale Gleichheit an, denn ausführlich lautet die Goldene Regel: Ob Mann oder Frau, arm oder reich, mächtig oder schwach - behandele alle Menschen so, wie auch du von ihnen behandelt werden möchtest.

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