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Protestbewegungen : Was ist Pegida und warum?

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Das bei Pegida-Teilnehmern ermittelte Ausmaß an Ausländerfeindlichkeit entsprach bislang dem Niveau, das in Langzeitstudien regelmäßig für Ostdeutschland gemessen wurde. Empirische Befunde zeigten auch, dass die Bevölkerung in der sächsischen Landeshauptstadt und ihrem Umland nicht ausländerfeindlicher ist als anderswo. Deshalb kann nicht argumentiert werden, dass Ostsachsen generell ein idealer Nährboden für xenophobe Handlungsmotive sei. Dessen ungeachtet haben ausländerfeindliche Gewalttaten gerade in Sachsen stark zugenommen. Pegida hat hier ohne Zweifel zu einer Verrohung der politischen Kultur beigetragen. Weil Sachsen zudem seit vielen Jahren über eine gut organisierte und gefestigte rechtsextreme Szene verfügt, verschwimmen die Grenzen zwischen rhetorischer und physischer Enthemmung auf der Straße.

Fragt man nach möglichen lokalen und regionalen Besonderheiten hinsichtlich der Entstehung und der Dauer von Pegida in Dresden beziehungsweise in Sachsen, so fallen zwei politisch-kulturelle Erklärungszusammenhänge auf. Zum einen zeichnet sich Sachsen durch ein starkes Selbst- und Traditionsbewusstsein aus. Als dessen Orientierungspunkte gelten eine lange Geschichte politischer Eigenständigkeit, eine Tradition sächsischen „Glanzes“ von Kunst und (höfischer) Prachtentfaltung sowie der „Erfindergeist“ seiner Ingenieure. Auf dieser Grundlage gedeiht ein „landsmannschaftlicher Zusammenhalt“, der sich in kollektiver Selbstbezogenheit und Eigensinn äußert. Diese Selbstwahrnehmung wurde schon unter dem DDR-Regime gepflegt. In den schwierigen Jahren des sozioökonomischen Umbruchs nach 1990 knüpften die ausnahmslos von der CDU geführten Regierungen an dieses Muster an: Man war stolz, Vorreiter der ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung in Ostdeutschland zu sein.

Auch die offensichtliche Bereitschaft zur kollektiven, ja öffentlichen Artikulation von feindlichen Einstellungen gegenüber „Fremden“ sowie gegenüber einer als „fremd“ empfundenen politischen und medialen Elite kann als Ausweis eines besonders unverhohlen gepflegten ethnokulturellen Zentrismus interpretiert werden. „Sächsischer Chauvinismus“ geht mit der Überhöhung der eigenen Gruppe, der Abwertung von Fremden und einer starken Setzung von Vorrechten der Autochthonen einher.

Nicht zu unterschätzen ist der Umstand, dass Dresden eine medial eindrucksvolle Kulisse für Demonstrationen jeglicher Art darstellt. Die alljährlich am 13. Februar rituell in Erinnerung gerufene Zerstörung der „barocken“ Stadt durch „anglo-amerikanische Bomberverbände“ hatte Dresden zu einer Bühne für die Aufmärsche einer europaweit mobilisierten Neonazi-Szene werden lassen. Zugleich pflegte die Stadtbürgerschaft über Jahrzehnte ein Selbstbild, in dem Dresden stets als Opfer unverschuldeter Umstände erschien. Damit konnte die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt beschwiegen und eine nostalgische Vision der Wiederherstellung vergangener städtebaulicher Schönheit und kulturellen Glanzes erdacht werden.

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