https://www.faz.net/-gpf-894zy

Protestbewegungen : Was ist Pegida und warum?

  • -Aktualisiert am

Islamkritik und -feindlichkeit stellten für Pegida mithin jenen „Zündfunken“ dar, der die Empörung über eine schlecht erklärte und schlecht ins Werk gesetzte Asylpolitik aus dem persönlichen Nahbereich ins Grundsätzliche verlagerte. Damit wurde das Feld bereitet, auf dem alle Arten von Enttäuschung und Frustration als Schmähungen „der Politik“, „der Politiker“ oder „der Medien“ öffentlich inszeniert werden konnten.

Gleichwohl lässt sich das Phänomen nicht einfach anhand der Kategorien der etablierten Protest- und Bewegungsforschung beschreiben. Diese hat sich traditionell vor allem den „guten“ Protestbewegungen verschrieben, die sich gelegentlich Formen zivilen Ungehorsams bedienen. „Graswurzelbewegung“, „soziale Bewegung“ oder gar „neue soziale Bewegung“ schieden für Pegida aus. Die Begriffe waren inhaltlich vorgeprägt, weil sie vor allem für „progressiv“, „aufklärerisch“ und „emanzipatorisch“ gelten wollende Protestprojekte verwendet wurden, die sich kapitalismuskritisch gebärden oder friedens-, gleichstellungs- oder umweltpolitische Schwerpunkte setzen. Der Protest, der sich erstmalig bei Pegida auf den Straßen und Plätzen deutscher Großstädte zeigte, musste dann zwangsläufig als „dunkle“ Seite der Zivilgesellschaft gelten - insbesondere weil sich damit die Kritik an öffentlich artikulierten Formen von Intoleranz, Nationalpatriotismus und Fremdenfeindlichkeit verbindet. Vielmehr haben die hohe Emotionalität, der konfrontative Gestus, der Modus zur Schau gestellter Entrüstung und der erfolgreiche Versuch, kommunikative Macht auf prominenten Plätzen und Straßen zu erzeugen, Pegida zu einer Protestbewegung neuen Stils, einer rechtspopulistischen Empörungsbewegung, werden lassen.

Als globalisierungskritischer Protest entstanden und von Intellektuellen wie Stéphane Hessel politisch und programmatisch befeuert, haben derartige Formen öffentlich artikulierter Empörung bisher ausschließlich zum eher linken politischen Lager gerechnet werden können. Pegida hat sich ähnlicher Mechanismen und symbolischer Formen bedient, um öffentliche Aufmerksamkeit zu generieren. Dabei spielten die sozialen Medien in der Entstehungs- wie auch in der Hochphase eine entscheidende Rolle, und zwar als virtueller Raum von Kommunikation und Organisation.

Pegida wurde aber erst in dem Moment zu einer Bewegung, als sie prominente Straßen und Plätze, also den realen Raum, öffentlichkeitswirksam zu besetzen wusste. Weil sie es tat, vergrößerte sich die Teilnehmerschaft. Performativer Akt und Konstituierung von Pegida als Massenbewegung gingen Hand in Hand. Die montägliche, durch Kundgebung und „Abendspaziergang“ strukturierte Veranstaltung etablierte ein Ritual. Erst durch regelmäßige Wiederholung gab es den Teilnehmern das Gefühl, zu einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu gehören. Nur in der öffentlichen Inszenierung lag die Möglichkeit beschlossen, die eigene Ohnmacht überwinden und kommunikative Macht erringen zu können.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.