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Protestbewegungen : Was ist Pegida und warum?

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Die Bewegung hatte ihren Ausgang von Dresden genommen. Träger war zunächst ein Kreis von Freunden und Bekannten, die Mobilisierung verlief über Facebook, die große Resonanz in den Medien erzeugte einen Verstärkereffekt. Öffentliche Kritik, mediale Aufmerksamkeit und eine „Jetzt erst recht“-Reaktion ließen die Protestbewegung bis auf etwa 25 000 Teilnehmer anwachsen. In ihrer Hochphase um die Jahreswende 2014/15 war Pegida in Dresden mehrheitlich keine Bewegung von Rechtsextremisten sowie Islam- und Ausländerfeinden, wie zunächst gemutmaßt wurde. Etwa ein Drittel der Teilnehmer der Kundgebungen und „Abendspaziergänge“ ließ diffuse islamophobe Motive und Einstellungen erkennen. Die Mehrheit übte fundamentale Kritik an Politik, Medien und der Funktionsweise der praktizierten Demokratie.

Pegida rekrutierte sich anfangs auch aus der bürgerlichen Mitte Sachsens und ihren fragilen Segmenten. Auffallend an der soziodemographischen Zusammensetzung war der vergleichsweise hohe Anteil von Selbständigen und Angestellten und - bezogen auf die Einkommensstruktur Sachsens - ein leicht überdurchschnittlicher Wohlstand. Die biographischen Hintergründe der Organisatoren ließen vielfach auf ein wechselhaftes, prekäres Berufsleben schließen.

Nach ihrer Spaltung konnte Pegida in Dresden seit Februar 2015 kaum mehr als zwei- bis dreitausend Teilnehmer mobilisieren. Die Kandidatin von Pegida bei der Dresdner Oberbürgermeisterwahl erhielt im Juni 2015 im ersten Wahlgang rund 21 000 Stimmen oder 9,6 Prozent. Dieser relative Erfolg ließ Pegida einen Strategiewechsel erwägen: Bei Kommunal- und Landtagswahlen sollen künftig Kandidaten aufgestellt werden. Einer Zusammenarbeit mit bestehenden Parteien wie der „Alternative für Deutschland“ (AfD) hat sich Pegida bisher verweigert. Stattdessen versuchten die Organisatoren, Anschluss an internationale rechte und rechtspopulistische Netzwerke zu finden, bislang ohne Erfolg.

In der Entstehungsphase der Pegida-Proteste wirkten mehrere Faktoren zusammen: eine verstärkte Berichterstattung über die Gewalttaten des „Islamischen Staates“ (IS) sowie über ethnisch-religiös motivierte Auseinandersetzungen in deutschen Städten, eine Demonstration von PKK-Anhängern in Dresden, die Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak forderten, sowie das Bekanntwerden kommunaler Pläne zur Unterbringung von Flüchtlingen. Damit war ein Kristallisationspunkt vorhanden, um den herum sich unterschiedliche Empörungsmotive anlagerten. Zum einen konnte an verbreitete und in ganz Deutschland feststellbare islamkritische und ausländerfeindliche Ressentiments angeknüpft werden. Zum anderen setzte dieser emotional aufgeladene Katalysator eine scheinbar über lange Zeit aufgestaute Wut über die politischen und medialen Eliten frei. Die entsprechenden Emotionen waren dabei kaum sozioökonomisch begründet, etwa als Furcht vor ökonomischer Benachteiligung und sozialem Abstieg. Es dominierten diffuse Ängste vor dem Verlust von Tradition und regionaler beziehungsweise nationaler Identität durch einen im Alltagserleben nur wenig bekannten Islam.

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