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Sicherheitspolitik : Das Prinzip Abschreckung

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In der Krise gehen die Uhren anders

Ein weiterer Grund, weshalb militärische Überlegenheit nicht immer ausreicht, um einen Gegner erfolgreich abzuschrecken, zeigte sich im Falkland-Krieg des Jahres 1982. Die argentinische Militärjunta wusste, dass sie gegen britische Streitkräfte wenig ausrichten könnte. Doch London hatte den militärischen Schutz für die Inselgruppe im Südatlantik, die von Argentinien beansprucht wurde (und wird), immer weiter verringert. Zwar bestand London immer wieder öffentlich darauf, dass die Inseln britisches Territorium seien, doch in Buenos Aires konnte man angesichts des Verhaltens der Briten nur zu dem Schluss gelangen, dass das Interesse Großbritanniens an den Inseln nur noch ein Lippenbekenntnis war. Die Folge: Als die Junta in eine innenpolitische Krise geriet, suchte sie ihr Heil im Schüren nationalistischer Emotionen und besetzte die Inseln. Die Abschreckung hatte versagt, weil Großbritannien seine Abschreckungsrhetorik durch sein militärisches Handeln unterminiert hatte: Wer droht, aber seine militärischen Fähigkeiten zur Verwirklichung dieser Drohungen verringert, der verliert das entscheidende Merkmal erfolgreicher Abschreckung: Glaubwürdigkeit.

Die Geschichte war jedoch noch lange nicht zu Ende. Zur Überraschung der Argentinier nahm die britische Flotte Kurs auf den Südatlantik und eroberte die Inseln zurück. Nie hätte er geglaubt, so der damalige De-facto-Präsident General Leopoldo Galtieri später, dass ein europäisches Land einen so hohen militärischen Preis für eine so weit entfernte und überdies unbedeutende Inselgruppe zu zahlen bereit gewesen wäre. Nicht nur Großbritannien hatte sich hinsichtlich der Absichten der anderen Seite verschätzt, sondern auch Argentinien.

Hätten die argentinischen Generäle nicht ahnen können, dass man einer stolzen Macht wie Großbritannien nicht ungestraft einen Teil ihres überseeischen Territoriums streitig macht? Hätte man nicht wissen müssen, dass jede britische Regierung sofort gestürzt wäre, hätte sie auf einen Angriff nicht mit militärischen Mitteln reagiert? Die Antwort: zu normalen Zeiten vermutlich schon, aber in einer Krise gehen die Uhren anders.

Die „erweiterte“ Abschreckung ist kompliziert

Zahlreiche Studien über das menschliche Entscheidungsverhalten kommen zu dem Ergebnis, dass ein Mensch, der befürchtet, etwas Wertvolles zu verlieren, größere Risiken einzugehen bereit ist als bei der Aussicht, etwas Wertvolles zu gewinnen. Auf den Falkland-Konflikt übertragen, bedeutet dies: Für die Junta, die innenpolitisch mit dem Rücken zur Wand stand, ging es nicht um den Gewinn der Inseln, sondern um den Machterhalt. Die Besetzung der Inseln war der Versuch, den Verlust der eigenen Herrschaft zu verhindern, also eine Flucht nach vorne. Die Rationalität, die für ein erfolgreiches Abschreckungssystem konstitutiv ist, hatte sich aufgelöst. Die Lehren des Jahres 1982 sind mit Blick auf die russische Innenpolitik besonders aktuell: Wer den Nationalismus bewusst anheizt, um sich politische Gefolgschaft zu sichern, der läuft Gefahr, in militärisches Abenteurertum hineingedrängt zu werden, dessen Folgen unkalkulierbar sind.

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