https://www.faz.net/-gpf-9iel1

Eine Begriffsbestimmung : Populismus oder die entgleiste Aufklärung

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Auf den ersten Blick könnte der Rechtspopulismus als Manifestation des altbekannten Autoritarismus durchgehen. Begreift man den Populismus indes als grundsätzlich misstrauende und paranoide, vor allem aber tendenziell antiautoritäre Bewegung, lassen sich viele Phänomene viel besser erklären.

          Wohl keine andere Interpretation des Wesens des Rechtspopulismus dürfte sich so großer Beliebtheit erfreuen wie jene, es handle sich hierbei um einen neue Welle des Autoritarismus. Der Begriff stammt aus der Frankfurter Schule, näherhin aus Untersuchungen aus den 1950er Jahren von Theodor Adorno und seinen Mitstreitern über die Entstehung von faschistischen und antisemitischen Weltbildern. Autoritarismus bezeichnet zunächst noch keine spezifischen politischen Einstellungen oder Ideologien. Der Begriff geht tiefer, zielt gleichsam auf eine vorpolitische Bewusstseinsebene und beschreibt einen generellen Zugang zur Welt. Personen mit einem autoritären Weltbild, so die Annahme, richten sich an konventionellen Verhaltensweisen aus, orientieren sich an starken Vaterfiguren und neigen dazu, Fremdes als Bedrohung wahrzunehmen.

          Nun ist einiges an dem behaupteten Zusammenhang zwischen Rechtspopulismus und Autoritarismus offensichtlich. Schließlich wissen wir, dass die Anhänger der AfD ebenso wie die Wähler anderer rechtspopulistischer Parteien in Meinungsumfragen eine stärkere Präferenz für „starke Führer“ bekunden und mit bestimmten Erscheinungsformen der repräsentativen Demokratie hadern. Am stärksten sind die Ausschläge in Mittel- und Osteuropa, wo viele Bürger noch unter den Bedingungen autoritärer Diktaturen aufgewachsen sind. In den Vereinigten Staaten von Amerika haben zahlreiche Studien sogar nachgewiesen, dass Republikaner ihre Kinder autoritärer erziehen als Demokraten: Sie neigen stärker zur körperlichen Züchtigung und stufen Werte und Eigenschaften wie Folgsamkeit, Respekt und gute Manieren bei ihrem Nachwuchs höher ein als Selbstentfaltung oder Kreativität.

          Und doch ist die Erzählung vom autoritären Populismus allenfalls die halbe Wahrheit. Der moderne Rechtspopulismus ist widersprüchlich und gebrochen. Er besitzt eine Art doppelten Boden, in dem sich eine Geisteshaltung findet, die sich mit autoritärem Denken nicht besonders gut verträgt – was die Sache nicht unbedingt ungefährlicher macht.

          Um diesen Widerspruch zu verstehen, beginnt man am besten mit einer Geschichte, von der man wohl vor 2016 noch gesagt hätte, dass sie sich nur an der äußersten Peripherie unseres politischen Universums abspielen könnte: Durch die unendlichen digitalen Weiten der Alt-Right-Bewegung in den Vereinigten Staaten zirkuliert seit geraumer Zeit eine interessante popkulturelle Allegorie. Die Rede ist dort vom „redpillen“: der symbolischen Verabreichung von roten Pillen, um andere von ihren linken Illusionen zu befreien und zu Mitgliedern der eigenen Bewegung zu machen. Jemandem die rote Pille zu geben bedeutet, ihm die Augen zu öffnen und mit einer gesellschaftlichen Wirklichkeit bekanntzumachen, die ihm bisher verborgen geblieben ist.

          Das Motiv der roten Pillen stammt aus dem Film „Matrix“, der 1999 in die Kinos kam. Die Welt, wie wir sie kennen, ist dort nur eine einzige gewaltige Computersimulation, die von den Menschen allerdings zweifelsfrei als Realität akzeptiert wird: eben die „Matrix“. Nur einige wenige spüren, dass nichts so ist, wie es scheint. So wie Neo, die Hauptfigur des Films. Als er auf Morpheus, den Anführer der Rebellen, trifft, lässt dieser ihm die Wahl zwischen zwei Pillen: einer blauen Pille, die ihn in die Scheinwelt der Matrix zurückbringt, doch immerhin die quälenden Zweifel an der Echtheit der Welt für alle Zeiten eliminiert; oder aber die rote Pille, die ihn in der realen (aber recht deprimierenden, postatomaren) Welt aufwachen lässt, um dort gegen die Herrschaft der Maschinen zu kämpfen.

          Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Film im Jahr seines Erscheinens 1999 als marxistisches Aufklärungsstück interpretiert wurde: eine Parabel auf das „falsche Bewusstsein“ einer Arbeiterschaft, das sich der eigenen Unterdrückung nicht bewusst ist und lieber Zerstreuung in tröstenden Illusionen sucht. Was aber hat man davon zu halten, dass diese Erzählung von der Befreiung von allen Lügen nun bei den vermeintlichen Feinden von Fortschritt und Aufklärung zu finden ist? Ist das ein besonders perfider Fall geistigen Diebstahls? Oder leicht zu erklären, weil alle aggressiven, hochideologisierten, aber letztlich eben doch minoritären Gruppen stets glauben, erleuchtet zu sein und in einer Wahrheit zu leben, die allen anderen bisher verborgen geblieben ist? Oder vielleicht einfach nur total banal, weil wir alle unsere Geschichten nurmehr aus Hollywoods Traumfabrik empfangen, ganz unabhängig von unserer politischen Einstellung?

          Wie es scheint, handelt es sich bei der Okkupation des Motivs der roten Pillen nicht um willkürlichen Diebstahl. Der Akt spiegelt tatsächlich die Selbstwahrnehmung vieler Verbreiter und auch Unterstützer rechtspopulistischer Weltbilder wider. Für sie sind alle anderen die Schafe, die der Herde folgen: die den Lügen der Mainstream-Medien glauben, den Versprechungen der Politiker, die nicht mit offenen Augen durch die Welt gehen und sich leicht manipulieren lassen. In der Sprache der AfD ist es hingegen der „mündige Bürger“, der durchschaut hat, wie die Dinge wirklich sind. Und in der Alt-Right-Bewegung ist das „redpillen“ gleich Teil eines ganzen Erzählkosmos. Dort hat sich für die verhasste liberale Gesellschaft mittlerweile der Begriff der „Cathedral“ eingenistet. Das Glaubensbekenntnis der Cathedral seien die Regeln der politischen Korrektheit, die Bejahung von Diversität, Gleichheit, Emanzipation und Multikulturalismus. Wer sie nachbetet, vollzieht einen Initiationsritus und wird innerhalb der Cathedral akzeptiert; wer sich weigert, wird ausgestoßen und zum Häretiker. Und wie die Menschen in der Matrix, wissen auch die Gläubigen der Cathedral nicht, welchen Illusionen sie nachhängen. Vielmehr reagieren sie mit reflexhafter Hysterie auf jeden Versuch, ihre gottlose Religion zu hinterfragen.

          Kurzum: Der Populismus rechnet in seiner Ansprache tatsächlich mit Menschen, die sich für so kompetent halten, dass sie die Komplexität der Welt ohne fremde Hilfe und damit selbst verstehen. Sie brauchen dafür keine vermittelnden Instanzen, keine Übersetzer und keine Mediatoren. Es geht, so kontraintuitiv das vielleicht klingen mag, um individuelle Selbstermächtigung oder, wie es auf Neudeutsch heißt: Empowerment.

          Deutlich wird das, wenn man die Aufklärungsmentalität des Populismus systematisch vergleicht mit den Mechanismen der Wahrheitsfindung anderer rechter und fraglos uneingeschränkt autoritärer Bewegungen und Denker. Weder der klassische Konservatismus noch der Faschismus kannten diese Idee der individuellen Selbstermächtigung, seine zumindest vordergründig radikal egalitären Konsequenzen eingeschlossen. Edmund Burke, ein noch gemäßigter Vertreter, empfahl die Orientierung an dem Wissen und den Erfahrungen der Vorväter. Sich selbst seines Verstandes zu bedienen war schließlich eine gefährliche Sache, denn ohne abgesicherte, historische Erfahrungsräume gleitet die Gesellschaft in Anarchie ab. Vor allem war nicht jeder gleichermaßen nach Herkunft dazu bestimmt, eine kompetente Meinung über die Führung der Staatsgeschäfte zu haben.

          Im Faschismus wiederum ist der individuelle Anspruch auf Wahrheit im Grunde suspendiert. Hier ist es der von der Vorsehung erwählte Führer, in dem sich die Wahrheit manifestiert. Auch jene Intellektuellen, die dem Faschismus in den 1920er 1930er Jahren zuliefen, berauschten sich vor allem an dessen Neigung zur Irrationalität und unterwarfen sich freudig Prinzipien, die oft eher im Mystischen wurzelten. Im Linksautoritarismus existiert ebenfalls nicht die Idee der individuellen Welterklärung: Die Wahrheit wird hier von der Partei als bürokratischer Organisation verwaltet oder von den offiziell beglaubigten Parteiintellektuellen. Nicht jeder ist schließlich berufen, Marx zu verstehen.

          Schon gar keine Ähnlichkeit haben die Anhänger rechtspopulistischer Parteien mit den von Eric Hoffer einst so meisterhaft (wenn auch einseitig) skizzierten „True Believers“, den Anhängern der totalitären Massenbewegungen der 1920er und 1930er Jahre. Hoffer deutete sie als überforderte Objekte einer aus den Angeln gehobenen Welt, die darauf mit einer Art Selbstauslöschungsphantasie reagierten: dem Anschluss an ein Kollektiv, das sie von den Qualen der eigenen Individualität erlöst.

          Die Rechtspopulisten von heute aber scheinen kaum nach dem Aufgehen in der Masse zu lechzen, scheinen überhaupt wenig Sehnsucht nach Gemeinschaft und Bindung zu verspüren. Weder fallen sie als regelmäßige Kirchgänger noch sonst irgendwie als begeisterte Vereinsmeier auf. Mag sein, dass die reichlich paternalistische Einschätzung, bei ihnen handle es sich um verängstige und verirrte Menschen, die unter der Fragilität und den Unsicherheiten einer entfesselten Moderne litten, trotzdem zutrifft. Wenn dem so ist, dann reagieren sie darauf jedenfalls nicht mit dem Wunsch nach Einhegung, dem Drang nach gemeinschaftlicher Verbindlichkeit. Auch sie sind, wie der Soziologe Andreas Reckwitz es bezeichnet hat, ein Teil der „Gesellschaft der Singularitäten“, und nicht etwa (wie es allerdings Reckwitz und andere wohl meinen) deren regressiver Gegenentwurf.

          Die Deutung des Rechtspopulismus als einer tendenziell eher antiautoritären, die Individualität betonenden Bewegung erklärt manche Phänomene, die einen andernfalls ratlos zurückließen. Von autoritär eingestellten Wählern sollte man zum Beispiel erwarten, dass sie hierarchische und straff geführte, disziplinierte Organisationen bevorzugen. Und doch scheint es kaum jemand merkwürdig zu finden, dass das Organisationschaos in der AfD, die Vielstimmigkeit ihrer Funktionäre und das ungehemmte Übereinanderherfallen der Führungsfiguren der Partei ihre Wähler kaum abzuschrecken scheinen. Und selbst die angebliche Fixierung auf charismatische Führungsfiguren – was man wohl fraglos als Kennzeichen autoritärer Orientierung deuten könnte – lässt sich mindestens mit einem Fragezeichen versehen. Wie die meisten Parteien in ihrer Gründungsphase fokussierten sich auch bei den Rechtspopulisten die Energien und die Aufmerksamkeit anfangs auf die Männer und Frauen an der Spitze. Fielen die Haiders, Bossis oder (Jean Marie) Le Pens irgendwann weg, führte das keineswegs zum Zusammenbruch der Bewegung. Eher darf man Rechtspopulisten eine besondere Erbarmungslosigkeit im Umgang mit der eigenen Führung attestieren: Wer nicht liefert, wird schnell abgesetzt.

          Studiert man die Foren der amerikanischen Rechten, dann wird man feststellen, dass das letztlich sogar für Donald Trump gilt, der wohl noch am ehesten eine Art von Personenkult erzeugt hat. Aber die scheinbar unverbrüchliche Treue zu ihm bezieht sich einzig und allein auf alle nur möglichen Anschuldigungen der Gegenseite, die ihm in der Tat nichts anhaben können und den faustischen Pakt zwischen ihm und seiner Anhängerschaft nur stärken. Ganz anders aber sieht es aus, sobald dort gewittert wird, der Präsident könnte von der nationalistischen „America First“-Politik abweichen, überhaupt Weichheit und Schwäche gegenüber den Demokraten zeigen – dann wird sofort das Misstrauen aktiviert. Trump weiß das natürlich sehr genau, weshalb er nachgerade panisch darauf bedacht ist, ja nicht den harten Kern seiner Anhängerschaft zu verlieren. Er handelt eben gerade nicht als autonomer, starker Führer, dessen eisernem Willen sich alles zu unterwerfen hat, sondern eher nach der berühmten Devise eines der Protagonisten der französischen Februar-Revolution von 1848: „Ich muss ihnen folgen, ich bin ihr Führer.“

          Auch sollte man bezweifeln, dass es sich bei all den Trumps und Orbáns, den Salvinis, Gaulands und Straches um jene berüchtigten „strengen Vaterfiguren“ der Autoritarismus-Forschung handelt, die ihre eigenen Zöglinge züchtigen und erziehen wollen. Eher sind es wohl moderne Kumpel-Väter, die ihren verzogenen Kindern gegen die bevormundenden Lehrer den Rücken stärken und sie dabei noch weiter dazu anstacheln, sie sollten sich nicht weiter vorschreiben lassen, wie sie lebten, was sie zu fühlen und woran sie zu glauben hätten. Der Populismus (das ist seine größte Stärke und seine größte Schwäche zugleich) fordert den Menschen intellektuell und moralisch gar nichts ab – schon gar keine Opfer im Namen einer historischen Idee oder Mission.

          Um dies klarzustellen: Natürlich birgt die Idee der populistischen Selbstermächtigung mindestens das gleiche Potential, die Massen zu mobilisieren. Nicht ohne Grund bringt kaum etwas das Blut amerikanischer Liberaler so sehr in Wallung wie der Slogan von Fox News: „You decide“ – der Zuschauer selbst entscheide am Ende, welche der referierten Position er für am plausibelsten halte. Ist das nicht angesichts der tendenziösen Aufbereitung des ganzen Stoffes ein schlechter Witz? Ja, schon, möchte man sagen – aber eben außerdem auch eine Losung, die kongenial dem Anspruch des modernen Menschen entspricht, er käme schon selbst zurecht, verstünde alles zur Gänze und brauche keine bevormundenden „Mainstream-Medien“, die ihm die Welt erklären. Auch hier geht es, wie bei der Kritik an der repräsentativen Demokratie, um das vermeintliche Ausschalten der Mediatoren.

          Es gibt beim Populismus anders als bei den klassischen Ideologien keine gleichsam „heiligen“ Texte, die die Wahrheit verkünden, auch nicht, wie beschrieben, den mystischen Glauben an einen Führer, der sich im privilegierten Besitz einer höheren Weisheit befindet. Es gibt nur das Hier und Jetzt und die schwierige Frage, welcher Reim sich darauf zu machen ist. Das Fehlen jeder alternativen transzendenten Ebene bedeutet aber, dass Populisten letztlich nach den gleichen Regeln versuchen, die Welt zu verstehen wie alle anderen auch. Sie sind in ihrer Mehrheit keine Anhänger einer romantischen Schule, sondern Vertreter des modernen Rationalismus, so eigenwillig ihre Konklusionen auch ausfallen mögen.

          Fraglos spielt bisweilen auch ein aggressiver Antiintellektualismus eine große Rolle, aber wirklich dominant ist dieser nicht. Die Skeptiker des Klimawandels etwa setzen sich aus Leuten zusammen, die mit besonders fußnotengesättigten Gegenexpertisen aufzuwarten wissen und dabei stolz auf ihren zwar letztlich völlig fachfremden, aber doch staatlich zertifizierten Bildungsabschluss verweisen. Der Typus des „Dr. rer. nat“ (gerne auch im Ruhestand) scheint jedenfalls dominant zu sein unter den Verfassern jener Massen-E-Mails, die immer mal wieder über den wahren Stand der Dinge aufklären.

          Und was hat es wohl mit dem Umstand auf sich, wenn man einerseits dem Rationalisierungsanspruch der technisch-wissenschaftlichen Moderne folgt, sich durchaus ihren Methoden, Axiomen, Argumentations- und Diskursfiguren unterwirft, andererseits dann aber die von der Mehrheit der Wissenschaft und sonstigen Interpretationseliten produzierten Ergebnisse radikal von der eigenen und in vielen einsamen Nachtsitzungen ergoogelten Wirklichkeit abweichen? Ganz klar: Dann muss etwas faul sein im Staate. Kriminalitätsstatistiken werden gefälscht, inmitten der Euro-Krise verschwinden wichtige Bilanzen, und die wenigen aufrechten unter den Klimawissenschaftlern werden von den von der Öko-Industrie gekauften Fachkollegen ausgegrenzt. Das ist der Grund für die hochgradige Anfälligkeit des Populismus für Verschwörungstheorien – ein Phänomen im Übrigen, das nach Ansicht der mit dieser Materie vertrauten Historiker nicht zufällig einen besonderen Aufschwung erhielt mit dem Beginn der Aufklärung, mit ihrem Impetus, den Dingen bis auf den Grund zu schauen und ihnen den Schleier zu nehmen.

          Das aber ist die eigentliche Wurzel des modernen Selbstermächtigungs-Populismus: der Unfähigkeit, zu vertrauen. Traue keinem über 30, hieß es bei den Achtundsechzigern, aber der moderne Populismus hat die Misstrauensannahme erheblich erweitert und auf alles bezogen, was nicht Teil der eigenen, gefühlten Wirklichkeit ist. Vielleicht am treffendsten ist deswegen auch die Formel des französischen Soziologen Daniel Bensaïd, der von einem „autoritären Individualismus“ sprach: „Jedem seine Wahrheit.“ Das Delegationsprinzip moderner Demokratien wird nicht mehr bejaht, und die Kritik an der repräsentativen Demokratie, in der man korrupten Volksvertretern das Ideal einer unverfälschten direkten Demokratie entgegengestellt, ist nur eine Facette des Problems. Es ist zugegebenermaßen ein Widerspruch: Die Welt entwickelt sich immer stärker in eine Richtung, die permanent neue Inseln der Hochspezialisierung entstehen lässt und auch notwendig macht – gleichzeitig wird die Parole ausgegeben, stets kritisch zu sein, alles zu hinterfragen, in der Sprache der AfD: als mündige Bürger zu agieren. So wird allerdings verständlich, warum manche Sozialwissenschaftler trotz des messbaren Vertrauensverlustes in politische und gesellschaftliche Institutionen Entwarnung geben, einige sogar die positiven Seiten dieser Entwicklung hervorgehoben haben: Ist Misstrauen nicht im Grunde ein Zeichen demokratischer Reife, jedenfalls dem autoritären deutschen Untertanenstaat vorzuziehen?

          Das Problem ist eben nur, dass auch übermäßiges Misstrauen ein Zerrbild der Realität entwirft. Schon Niklas Luhmann war sich der paradoxen Wirkungen des kritischen Bewusstseins bewusst: „Wer misstraut, braucht mehr Informationen und verengt zugleich die Informationen, auf die zu stützen er sich getraut. Er wird von weniger Informationen stärker abhängig. Damit gewinnt die Möglichkeit, ihn zu täuschen, wiederum an Berechenbarkeit.“ Die ein wenig ernüchternde Wahrheit ist daher vielleicht, dass moderne Demokratien auf einige gänzlich unmoderne Ressourcen angewiesen sind, dass ohne einen gewissen Vertrauensvorschuss seitens der Regierten die repräsentative Demokratie wohl nicht funktionieren kann.

          Den Populismus als grundsätzlich misstrauende und paranoide, vor allem aber tendenziell antiautoritäre Bewegung zu begreifen hilft vielleicht besser zu verstehen, auf was sich überzeugte Demokraten gefasst machen müssen. Die gute Nachricht, wenngleich diese eher keine Sensation ist, weil sie sich ohnehin nur auf ein unwahrscheinliches Worst-case-Szenario bezieht, wäre demnach diese: Zu einer totalitären, ideologischen Gleichschaltung der Gesellschaft dürfte eine solche Geisteshaltung kaum befähigen. Was in den Vereinigten Staaten derzeit passiert, ist dafür, bei allem Schaden, ein gutes Beispiel. Selbst wenn er denn wollte (und vermutlich würde er wollen), könnte Trump die demokratisch-konstitutionelle Substanz des Landes nicht angreifen, weil ihm dafür schon alleine ein paar zehntausend ideologisch geschulte Parteikader oder Bewegungsaktivisten fehlen, die wüssten, was zu tun ist. Auch zwei Jahre nach seinem Amtsantritt sind zahlreiche Stellen unbesetzt geblieben, und ansonsten muss der Präsident sich auf das Personalreservoir der Republikanischen Partei verlassen. Trump hat Fans und ein riesiges Publikum, aber er hat keine wirkliche Bewegung, die seinem Willen entgegenarbeiten würde.

          Natürlich bedeutet das keine Entwarnung, denn auch unterhalb der Königsklasse totalitärer Diktaturen gibt es demokratische Regression. Die schlechte Nachricht lautet daher so: Es ist sehr unklar, mit welchen Methoden man dem antiautoritären, paranoiden Populismus den Nährboden entziehen könnte. Denn er gründet in strukturell angelegten Widersprüchen unserer gegenwärtigen Gesellschaften. Jedenfalls erscheint zweifelhaft, dass die Bekämpfung sozialer Ungleichheit – als Vorschlag im Kampf gegen den Populismus etwa ebenso populär wie die Autoritarismus-Diagnose – an dieser Vertrauenskrise etwas ändern könnte. Auch die vielbeschworene Aufklärung dürfte zumindest bei jenen an Grenzen stoßen, die sich längst bereits aufgeklärt fühlen, und nicht nicht, sondern einfach nur, wenn auch in oft grotesker Weise, falsch informiert sind.

          Vielleicht sollte man stattdessen aufhören, bei jedem neuen Erfolg von Rechtspopulisten immer noch mehr Demokratie, mehr Mitsprache, mehr Beteiligung als Gegengift zu versprechen – und damit doch immer nur neue Erwartungen zu schaffen, die unweigerlich enttäuscht werden.

          Weitere Themen

          Kamera filmt zufällig Explosion Video-Seite öffnen

          Sri Lanka : Kamera filmt zufällig Explosion

          Bilder einer Kamera an Bord eines Autos zeigen einen der Anschläge in Sri Lanka: Die Kamera nahm zufällig die Explosion an der St.-Antonius-Kirche in Colombo auf. Bei den Anschlägen mutmaßlicher Islamisten wurden hunderte Menschen getötet oder verletzt.

          Was bisher bekannt ist Video-Seite öffnen

          Anschläge in Sri Lanka : Was bisher bekannt ist

          Nach den verheerenden Anschlägen in Sri Lanka macht die Regierung eine einheimische Islamistengruppe für die Bluttaten verantwortlich. Es wird geprüft, ob die Gruppe Unterstützung aus dem Ausland hatte.

          Topmeldungen

          Das südkoreanische Fernsehen berichtet über das bevorstehende Gipfeltreffen von Kim Jon-un und Wladimir Putin.

          Kim und Putin : Nordkorea bestätigt „baldiges“ Treffen in Russland

          Angesichts der Spannungen mit Washington hofft Kim Jong-un nun auf Hilfe aus Moskau: Putin will sich für eine Lockerung der Sanktionen gegen Nordkorea einsetzen. Der Gipfel könnte noch diese Woche im sibirischen Wladiwostok stattfinden.

          FAZ.NET-Sprinter : Große Versprechungen und ein neues Trauma

          Zwei Tage nach den Anschlägen auf Sri Lanka wirken die schrecklichen Bilder noch immer nach. Und die Menschen wollen Antworten auf drängende Fragen. Wird es heute neue Erkenntnisse geben? Was sonst noch wichtig wird, lesen Sie im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.