https://www.faz.net/-gpf-9lydo

Staat und Religion : Otfried Höffe: Gibt es christliche Politik – und wenn ja, warum und wie viel?

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Seit Anbeginn wendet sich das Christentum nicht an ein bestimmtes Volk, sondern an alle Menschen guten Willens: Auch in lebenspraktischen Fragen erhebt es einen universalistischen Anspruch. Handfeste politische Rezepte verbieten sich. Aber im Christentum wurzeln zahlreiche Gestaltungsgrundsätze, die zusammengenommen den Rang einer sozialethischen Grammatik für offene Gesellschaften verdienen.

          Bezeichnen sich Parteien in Deutschland, in Italien und der Schweiz als „christlich“ oder wie in Belgien als „katholisch“ und in der Schweiz als „evangelisch“, so müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob der damit erhobene Anspruch noch zu Recht besteht: Wird die tatsächlich praktizierte Politik dem Anspruch gerecht? Oder wäre es nicht ehrlicher, klüger und in einer säkularisierten Welt überdies wirklichkeitsnäher, würde man wie die entsprechende Fraktion im Europäischen Parlament, die „Europäische Volkspartei“, auf jede religiöse Qualifizierung verzichten?

          Seit Anbeginn wendet sich das Christentum, in seinen Anfängen ein Reformjudentum mit einem charismatischen Rabbi, nicht an ein bestimmtes Volk, sondern an alle Menschen guten Willens: Das Christentum erhebt einen universalistischen Anspruch. Die zugrundeliegende Weltauffassung besteht, vereinfacht gesagt, aus zwei Seiten, einer lebenspraktischen und einer dogmatischen. Die erste Seite, sichtbar im Samaritergleichnis und der Bergpredigt, besteht in der Botschaft von Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Demut, die zweite in Glaubenssätzen der Dogmatik.

          Wegen der zwei verschiedenen, wenn auch miteinander verschränkten Seiten muss ein christlicher Politiker sich überlegen, wie weit er die Glaubenslehren einschließlich der bekannten Konfessionsstreitigkeiten in das öffentliche Wirken hineinnehmen will oder soll. Ist es nicht besser, ökumenischer als die Kirchen zu sein, dogmatische Unterschiede in den Hintergrund zu drängen und sich auf die lebenspraktische Seite zu konzentrieren? Dabei könnten sich zwei einige Zeitlang verschiedene Traditionsstränge ergänzen, die Wirtschafts- und Sozialethik aus der katholischen mit der politischen Ethik der protestantischen Tradition.

          Daran schließt sich eine heikle Zusatzfrage an: Kommt es dem christlichen Politiker tatsächlich auf den inneren Glauben oder aber eher auf politische Opportunität an, weshalb er in betont laizistischen Ländern wie Frankreich anders agiert als in traditionell katholischen Ländern wie Italien. Und weshalb man sich in Deutschland, das zunehmend säkular geworden ist, bis in die Partei- und Politikspitzen lieber auf Humanität als auf das Christentum beruft?

          Der lebenspraktische Anteil wirft freilich zahlreiche Probleme auf, die grundlegender sind als gewisse Konfessionsdispute. Sie beginnen mit dem Anwendungsbereich. Weil die Nächstenliebe in ihrem biblischen Kontext nur Sozialverhältnisse betrifft, konzentriert sich christliche Politik seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie auf Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat. Selbst wenn sie sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts etwa um Fragen der biomedizinischen Ethik erweitert, bleibt eine inhaltliche Verengung gegeben, der sich eine im umfassenderen Sinn christliche Politik nicht beugt.

          Zu Recht legitimiert die moderne Naturforschung mitsamt Medizin und Technik ihre humanitäre Intention mit der Nächstenliebe. Francis Bacon, ihr Prophet, damals selbstverständlich ein Christ, bestimmte die ständig fortschreitende Forschung mit dem überzeugenden Argument: „But of charity there is no excess“ – aus Gründen der Nächstenliebe könne es also in der humanitären Forschung nie ein „Genug“ geben.

          In diesem Sinn schlägt sich auch heute christliche Politik, ohne die Gefahr von Fehlentwicklungen und Missbrauch zu leugnen, nicht auf Seite von Wissenschafts- und Forschungskritik. Im Gegenteil erkennt sie die schon bisher erbrachten Leistungen im Kampf gegen Krankheiten und die Mühsal der Arbeit an und unterstützt hier weitere Anstrengungen.

          Ein weiteres Problem: Schon Großorganisationen wie Kirchen lassen sich durch Nächstenliebe allein nicht gestalten. Noch weniger kann ein zwangsbefugtes Gemeinwesen wie der Staat von dem Prinzip der Nächstenliebe dominiert werden. Was in der Flüchtlingsdebatte zu wenig beachtet wird: Er darf es nicht einmal. Die Grammatik eines Staatswesens, das Recht, besteht nämlich aus verbindlichen Geboten, etwa der Steuerpflicht, aus nicht minder verbindlichen Verboten, denen der Strafdelikte, und gewissen Formvorschriften, deren Missachtung die Nichtigkeit des geplanten Rechtsaktes nach sich zieht, nicht zuletzt aus einem Gewaltmonopol, das der Staat aber nur dann verdient, wenn er den Rechtsschutz seiner Bürger gewährleistet. Der Politik wiederum kommt es letztlich auf das Gemeinwohl in jener Verbindlichkeit namens Gerechtigkeit an, deren Anerkennung die Menschen einander schulden.

          Die Nächstenliebe hingegen setzt jenseits des Geschuldeten an, freilich ohne von dem, was die Gerechtigkeit gebietet, Abstriche machen oder diesem Gebot sogar widersprechen zu dürfen. Ihrem Wesen nach gehört sie zu den verdienstlichen Mehrleistungen, die man erbitten und erhoffen, aber nicht einfordern kann. Eine christliche Politik, die diesen Wesensunterschied missachtet, neigt zu einem ausufernden, den Menschen in seiner Freiheit und Eigenverantwortung entwürdigenden Fürsorgestaat. Manchen Bürgern, die aus eigener Anstrengung für ihren Lebensunterhalt sorgen, billigt er kaum mehr Nettolohn zu als denen, die sich vom Staat subventionieren lassen. Und bei der Verwirklichung einer Idee, die der über Jahrhunderte maßgeblichen Gerechtigkeitstheorie fremd war, nämlich der sozialen Gerechtigkeit, droht die Gefahr, dass christliche und sozialdemokratische Parteien hier einander zu überbieten versuchen. Auf diesem Weg werden an den umverteilenden Staat ausufernde Ansprüche gestellt, die nicht selten im Namen der Nächstenliebe noch verstärkt werden.

          Die für eine christliche Politik wichtige Soziallehre ist merkwürdigerweise aus der öffentlichen Debatte, selbst der der christlichen Parteien, weitgehend verschwunden. Dabei bieten ihre drei wohlüberlegten, an keine Konfession gebundenen Prinzipien der Personalität, der Subsidiarität und der Solidarität eine prägnant profilierte Gemeinsamkeit. Mit ihnen werden nämlich die zwei je für sich bedenklichen Extreme vermieden: ein zum Nachtwächterstaat und bloßem („kapitalistischen“) Profitstreben neigender (Neo-)Liberalismus und ein den Eigenwert und die Eigenverantwortung jedes Individuums einschränkender Sozialismus und Kollektivismus. Dass die drei Prinzipien kaum politische Rezepte liefern, versteht sich. Sie geben aber Gestaltungsgrundsätze vor, die zusammen den Rang einer sozialethischen Grammatik für offene Gesellschaften verdienen.

          Nach dem sachlich ersten Prinzip, der Personalität (hier steht der Gedanke des Menschen als Ebenbild Gottes, also doch ein Glaubenssatz der jüdisch-christlichen Dogmatik, im Hintergrund), ist der Mensch eine Person: ein Freiheitswesen, zurechnungsfähig, selbstverantwortlich und ausgestattet mit einer von Geschlecht, Rasse und Religion unabhängigen unantastbaren Würde sowie den daraus fließenden Grund- und Menschenrechten. Infolgedessen setzen sich christliche Politiker dafür ein, dass jeder Mensch in seiner Freiheit und Eigenverantwortung von allen Seiten, insbesondere von der Rechtsordnung, dem Staat, respektiert wird: im Fall von Kindern, dass sie sich zu selbstverantwortlichen Personen entwickeln können, im Fall von Erwachsenen, dass sie nicht wie unzurechnungsfähige Kinder, sondern als mündige Bürger behandelt werden, denen die Verantwortung für das eigene Leben, einschließlich etwaiger Verfehlungen, zugemutet und zugerechnet wird. Ein die einzelnen Personen entmündigender Fürsorgestaat hingegen widerspricht ebenso dem Prinzip der Personalität wie eine Rechtsordnung, die die Freiheit von Privateigentum und freiem Unternehmertum ungebührlich einschränkt.

          Nach dem zweiten Prinzip, dem der Solidarität, ist der Mensch als Individuum nicht autark, sondern auf Kooperation mit seinesgleichen angewiesen. Diesen Gedanken, den Sozialcharakter des Menschen, hat man in beide Richtungen zu verstehen. Der Einzelne ist für das Gemeinwohl und die Gemeinschaft für das Wohl des Einzelnen verantwortlich. Freilich darf man dabei nicht den konstitutiven Charakter der Wechselseitigkeit verdrängen. Solidarität ist kein Universalargument für eine ständig wachsende Umverteilung.

          Auch das dritte Prinzip, das der Subsidiarität, erhebt gegen den entmündigenden Fürsorgestaat ein Veto. Denn es fordert, das dem Einzelnen zu überlassen, was dieser aus eigener Initiative und eigener Kraft zu leisten vermag. Keinesfalls darf ihm die Eigenverantwortung entzogen werden. Dasselbe gilt für die kleineren, oft irreführend „untergeordnet“ genannten Gruppen – als ob diese Gruppen ihrem Wesen nach von den Größeren abhängig seien. Familien beispielsweise gibt es aus eigenem Recht und nicht, weil der Staat sie erlaubt. Das, was die Familie zu leisten vermag, bleibt jedenfalls in ihrer Verantwortung.

          Gegen die Gefahr der Akkumulation von Macht bei den größeren, in systematischer Hinsicht nicht etwa übergeordneten Instanzen verlangt die Subsidiarität zweierlei. Zum einen darf keine Zuständigkeit weiter oben als nötig angesetzt werden, zum anderen sind, wenn erforderlich, Zwischeninstanzen einzuschieben. Die größeren Gruppen und Instanzen sind jedenfalls nur zum subsidiären Tun, also zu Unterstützung und Hilfe, berechtigt. Wo es unabdingbar ist, sind sie aber dazu auch verpflichtet. Insbesondere dann, wenn sie im Laufe von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen die Gestaltungs- und Finanzmacht der kleineren Gruppen geschwächt haben, besteht schon aus Gründen der Gerechtigkeit, nämlich der korrektiven Gerechtigkeit, die entsprechende Pflicht.

          Dem Prinzip der Subsidiarität widerspricht schon, wer die größeren Instanzen als die „höheren“ bezeichnet. Darin klingt nämlich eine Hierarchie an, bei der die„untere“ Instanz die Beweislast trägt, Kompetenzen zu beanspruchen. Nach der Subsidiarität gibt man nicht von oben nach unten ab. Vielmehr liegen die Verantwortlichkeiten und Rechte zunächst unten, dabei nicht notwendig bei der kleineren Sozialeinheit, sondern letztlich bei den einzelnen, nicht vereinzelten Personen.

          Die drei Prinzipien haben eine erhebliche normative Bedeutung. Sie stehen beispielsweise einigen derzeit prominenten Politikvorschlägen diametral entgegen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, der sogenannte Bürgerlohn, widerspricht allen drei Prinzipien: Wer ein derartiges Einkommen, nur weil er Bürger ist, erhalten soll, dem fehlt es an Eigenverantwortung für seinen Lebensunterhalt, also an hinreichendem Maß an Personalität. Wo man es ohne jede Gegenleistung gewährt, wird gegen die Wechselseitigkeit, mithin gegen die Solidarität verstoßen. Schließlich soll eine „höhere“ Instanz als das Individuum Hilfe leisten, ohne dass, wie es die Subsidiarität verlangt, eine Notlage vorliegt. Zudem widerspricht das bedingungslose Grundeinkommen dem Gedanken der Selbstverwirklichung. Denn die moderne Berufsgesellschaft motiviert ihre Bürger zu Bildung, Ausbildung und Weiterbildung, in denen sie ihre Fähigkeiten einschließlich ihrer sozialen und interkulturellen Kompetenzen ausbilden und dabei eine nichtfinanzielle, aber lebensnotwendige Vergütung erhalten: Selbstachtung und Anerkennung durch andere.

          Der Gedanke der Subsidiarität mahnt auch zur Vorsicht gegen die vielerorts erhobene Forderung nach „Mehr Europa“. Gemäß der Subsidiarität ist der Verzicht auf einzelstaatliche Zuständigkeiten, auf Souveränitätsrechte, nur unter drei Kriterien berechtigt: Nach der Erfordernisklausel muss eine Kompetenz für die größere Einheit, hier die Europäische Union, überhaupt erforderlich sein. Ist dieses Kriterium erfüllt, verlangt die Besserklausel, dass die Union es tatsächlich besser macht. Wird auch diesem Kriterium Genüge getan, gebietet die Verhältnismäßigkeit, nur so viele Kompetenzen zu übertragen wie unbedingt nötig.

          Sinnvollerweise kommt ein viertes Kriterium hinzu, das Prinzip von Versuch und Irrtum, also von Korrigierbarkeit: Vor allem mit tiefgreifenden Neuerungen muss man Erfahrungen machen können, um gegebenenfalls die Neuerungen zu verändern und notfalls auch zurückzunehmen. Dass dies nicht „ewig“ möglich ist, versteht sich, denn Neuerungen brauchen, um Festigkeit und Beständigkeit zu erreichen, Kontinuität und Stabilität. Bei der Einführung des Euros hat man dies offensichtlich versäumt. Korrekturmöglichkeiten, einschließlich des – vorübergehenden – Austritts gewisser Länder, waren nicht einmal als Option vorgesehen. Und ohne gewisse Vorteile des Euros zu leugnen, hat er, was eine positive Bilanz der Währungsunion in Frage stellt, viel Unfrieden gestiftet – und das durchaus vorhersehbar, da die nordeuropäischen Volkswirtschaften sich anders als die südeuropäischen entwickeln.

          Außerdem setzt sich christliches Denken für eine Änderung des Personenstandsrecht ein. Sie sorgt dafür, dass eine jahrhundertelange Diskriminierung der Personen endlich aufgehoben wird, die sich bei Geburt der Alternativen männlich oder weiblich nicht zuordnen lassen. Des weiteren nimmt christliche Politik zur sogenannten Ehe für alle Stellung, insofern es diesem Ausdruck zum Trotz um einen speziellen Fall geht, die Homo-Ehe. Eines ist unstrittig: dass auch aus christlicher Perspektive die Entkriminalisierung der Homosexualität geboten und die da und dort noch bestehende gesellschaftliche Diskriminierung zu überwinden ist. Nach christlicher Soziallehre verdienen jedoch Ehe und Familie einen besonderen Schutz. Denn die Ehe ist diejenige dauerhafte Lebensgemeinschaft, die nicht bloß wie eine eingetragene Lebenspartnerschaft vom Versprechen einer lebenslangen Treue getragen wird, auf Stabilität und Verlässlichkeit mit emotionaler Tiefe und sozialem Respekt bestimmt ist und beiden Partnern die Möglichkeit der Entfaltung gegenseitiger Liebe bieten soll.

          Die Ehe hat mit ihrer natürlichen Fortsetzung als Familie darüber hinaus den Rang der elementarsten Solidargemeinschaft, sie ist als Gemeinschaft von Mann und Frau auf die Zeugung von Nachkommen angelegt. Als die Keimzelle menschlicher Gemeinschaft lebt sie nicht etwa von des Staates Gnaden. Sie hat vielmehr einen vom Staat unabhängigen Ursprung, den der Staat anzuerkennen und, übrigens auch zum eigenen Nutzen, zu schützen hat. Selbst wenn einzelne Ehepaare Kinder weder haben können noch wollen, ist die Ehe als Rechtsinstitut auf die Zeugung von Nachkommen angelegt. Das wiederum ist langfristig für die Fortpflanzung des Menschengeschlechts und mittelfristig für jene nächste und übernächste Generation unerlässlich, die die soziale, emotionale und medizinische Altersvorsorge der Eltern- und Großelterngeneration übernimmt. Für homosexuelle Personen, die eine der Ehe ähnlich tiefe und umfassende Lebensgemeinschaft eingehen wollen, gibt es das Rechtsinstitut der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“. Da sie aber nicht eine eigene Nachkommenschaft zeugen können, ist das Rechtsinstitut der Ehe für die heterosexuelle Partnerschaft zu reservieren.

          Ein weiteres gehört zu einer wahrhaft christlichen Politik: Weil Eltern eine facettenreiche Verantwortung für das künftige „Humanvermögen“ eines Landes übernehmen, hat der Staat ihnen finanzielle Unterstützung und steuerliche Entlastung zu gewähren. Keinesfalls darf er Ehepartner steuerlich benachteiligen oder das nichteheliche Zusammenleben bevorteilen. Das Nichtbevorteilen betrifft auch die Sorge für die Kinder. Durch entsprechende Einrichtungen, Kindertagesstätten und Kindergärten, hat der Staat beiden Elternteilen zu helfen, auch mit Kindern berufstätig zu sein. Ebenso hat er Elternteilen, immer noch meist den Frauen, die einige Jahre sich auf die Sorge für die Kinder konzentrieren, finanziell zu unterstützen. Christliche Politiker lehnen hier den verunglimpfenden Ausdruck der Herdprämie ab.

          Außerdem setzt sich eine christliche Politik, wie auch geschehen, dafür ein, die gesetzlichen Sozialversicherungen um Pflegeversicherungen zu erweitern. Und christliche Arbeitnehmervertreter sorgen dafür, dass die zuständigen Tarifpartner für die physisch und emotional so anstrengende Pflegearbeit eine angemessene Entlohnung erhalten.

          Ein besonders wichtiger Bereich bildet die Biomedizin, während neben den Leitbegriffen Friede und Gerechtigkeit die Bewahrung der Schöpfung nicht in allen Feinbestimmungen, aber im Prinzip Gemeingut von Christen und Nichtchristen geworden ist. Politisch hochumstritten sind hier insbesondere die ethischen Fragen am Beginn und am Ende des Lebens. Zum Lebensbeginn: Schon der Ungeborene ist ein zur Gattung des Homo sapiens und zu keiner anderen biologischen Gattung zugehörendes Lebewesen, weshalb er den Lebensschutz verdient. Zum Lebensende: Eine christlich inspirierte Politik und Medizin ebenso wie christliche Verwandte und Freunde ziehen, wenn es denn so weit ist, die Hilfe im Sterben der Hilfe zum Sterben vor. Menschen, die am Sinn ihres (Weiter-)Lebens verzweifeln, bieten sie daher vielfältige Hilfe an. Eine reiflich überlegte Entscheidung, sein Leben zu beenden, wenn sie denn wahrhaft reiflich überlegt ist, lehnen sie eventuell für sich, aber nicht für jeden Menschen ab.

          Nicht zuletzt gehört auch dies zu einer Politik im Geist des Christentums: Der Universalismus des Christentums leistet nationalistischen Egoismen Widerstand. Wie es schon im frühen Christentum verschiedene Gemeinden gab, sichtbar im Adressatenkreis vieler Apostelbriefe – sie wenden sich nämlich an die Epheser, Galater, Korinther, Römer usf. –, ist christlichen Politikern zwar bewusst, dass sie als Demokraten ihre Legitimation von ihren jeweiligem Staatsvolk erhalten, das seinerseits aus einer lang gewachsenen Kultur, Mentalität und Sprache, gegebenenfalls keiner vagen, sondern einer wohlbestimmten Mehrsprachigkeit lebt. Die Faktoren aufs Spiel zu setzen gefährdet die legitime Identität ihrer Bürger.

          Sie wissen aber auch um die vielfältigen Gemeinsamkeiten der europäischen Völker und dass diese, durchaus im Wettstreit miteinander, aber nie mehr in Feindschaft gegeneinander zu leben haben. Es ist daher kaum ein Zufall, dass große Gründergestalten der Europa-Idee wie Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman bekennende Christen, näherhin Katholiken, waren. Nicht zuletzt treten Christen – auch wenn die Großkirchen es ziemlich spät gelernt haben – für die universalen Menschenrechte ein. Die Gründerväter der Neuengland-Staaten waren (allerdings im Mutterland verfolgte) Protestanten, und der französische Katholik Jacques Maritain war bei der Vorbereitung der UN-Charta und der UN-Menschenrechtserklärung keine unbedeutende Figur.

          Da die Menschen- und Grundrechte mittlerweile zum Kernbestand demokratischer Rechtsstaaten geworden sind, lässt sich bei ihnen nicht so leicht ein spezifisch christliches Profil herausarbeiten. Gewisse Leitlinien bleiben aber möglich: Nach dem Prinzip der Personalität ist der Mensch in seiner eigenverantwortlichen Freiheit zu fördern und zu respektieren, was für die Anerkennung der negativen Freiheitsrechte, also der Abwehrrechte sowohl gegen die Mitbürger als auch den Staat, spricht. Zusammen mit dem Prinzip der Solidarität ist zudem jenes Maß an positiven Freiheitsrechten beziehungsweise an Sozialstaatlichkeit geboten, das dem Menschen helfen kann, sich zunächst zu einem eigenverantwortlichen Freiheitswesen zu entwickeln und später diese Freiheit auch in einem oft schwierigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umfeld zu verwirklichen. Weil nach allen drei Prinzipien der letzte Bezugspunkt aller Politik bei der einzelnen, aber nicht vereinzelten Person liegt, hat die politische Herrschaft, die zu jedem Gemeinwesen gehört, von den Betroffenen, den selbstverantwortlichen Personen, auszugehen und direkt oder über Repräsentanten vermittelt auch von ihnen ausgeübt zu werden. Auf diese Weise wird die Grundlage einer Demokratie, dass alle Gewalt vom (Staats)Volk ausgeht, und wird also auch die dritte Gruppe der Menschen- und Grundrechte, die politischen Mitwirkungsrechte, legitimiert.

          Weitere Themen

          Mexikanische Nationalgarde fängt Flüchtlinge ab Video-Seite öffnen

          Trumps Druck zeigt Wirkung : Mexikanische Nationalgarde fängt Flüchtlinge ab

          Dramatische Szenen an Mexikos Grenze: Flüchtlinge aus Zentralamerika versuchen, den Rio Bravo zu überqueren und in die Vereinigten Staaten zu kommen, werden aber von mexikanischen Nationalgardisten abgefangen. Der Druck von Präsident Trump hat Wirkung gezeigt: Mexiko will mit fast 15.000 Polizisten und Soldaten an seiner Nordgrenze die ungeregelte Einwanderung nach Nordamerika bremsen.

          Trump erhöht Druck auf Iran Video-Seite öffnen

          Weitere Sanktionen : Trump erhöht Druck auf Iran

          Neue Sanktionen wenden sich gegen das iranische Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei und Außenminister Javad Sarif. Die iranische Regierung forderte die Vereinigten Staaten auf, militärische Abenteuer und den Wirtschaftskrieg zu beenden. Sie seien zu Gesprächen unter Leitung der Vereinten Nationen bereit.

          Topmeldungen

          Interims-Führung: Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.) am Montag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

          Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.