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Staat und Religion : Otfried Höffe: Gibt es christliche Politik – und wenn ja, warum und wie viel?

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Bild: AFP

Seit Anbeginn wendet sich das Christentum nicht an ein bestimmtes Volk, sondern an alle Menschen guten Willens: Auch in lebenspraktischen Fragen erhebt es einen universalistischen Anspruch. Handfeste politische Rezepte verbieten sich. Aber im Christentum wurzeln zahlreiche Gestaltungsgrundsätze, die zusammengenommen den Rang einer sozialethischen Grammatik für offene Gesellschaften verdienen.

          Bezeichnen sich Parteien in Deutschland, in Italien und der Schweiz als „christlich“ oder wie in Belgien als „katholisch“ und in der Schweiz als „evangelisch“, so müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob der damit erhobene Anspruch noch zu Recht besteht: Wird die tatsächlich praktizierte Politik dem Anspruch gerecht? Oder wäre es nicht ehrlicher, klüger und in einer säkularisierten Welt überdies wirklichkeitsnäher, würde man wie die entsprechende Fraktion im Europäischen Parlament, die „Europäische Volkspartei“, auf jede religiöse Qualifizierung verzichten?

          Seit Anbeginn wendet sich das Christentum, in seinen Anfängen ein Reformjudentum mit einem charismatischen Rabbi, nicht an ein bestimmtes Volk, sondern an alle Menschen guten Willens: Das Christentum erhebt einen universalistischen Anspruch. Die zugrundeliegende Weltauffassung besteht, vereinfacht gesagt, aus zwei Seiten, einer lebenspraktischen und einer dogmatischen. Die erste Seite, sichtbar im Samaritergleichnis und der Bergpredigt, besteht in der Botschaft von Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Demut, die zweite in Glaubenssätzen der Dogmatik.

          Wegen der zwei verschiedenen, wenn auch miteinander verschränkten Seiten muss ein christlicher Politiker sich überlegen, wie weit er die Glaubenslehren einschließlich der bekannten Konfessionsstreitigkeiten in das öffentliche Wirken hineinnehmen will oder soll. Ist es nicht besser, ökumenischer als die Kirchen zu sein, dogmatische Unterschiede in den Hintergrund zu drängen und sich auf die lebenspraktische Seite zu konzentrieren? Dabei könnten sich zwei einige Zeitlang verschiedene Traditionsstränge ergänzen, die Wirtschafts- und Sozialethik aus der katholischen mit der politischen Ethik der protestantischen Tradition.

          Daran schließt sich eine heikle Zusatzfrage an: Kommt es dem christlichen Politiker tatsächlich auf den inneren Glauben oder aber eher auf politische Opportunität an, weshalb er in betont laizistischen Ländern wie Frankreich anders agiert als in traditionell katholischen Ländern wie Italien. Und weshalb man sich in Deutschland, das zunehmend säkular geworden ist, bis in die Partei- und Politikspitzen lieber auf Humanität als auf das Christentum beruft?

          Der lebenspraktische Anteil wirft freilich zahlreiche Probleme auf, die grundlegender sind als gewisse Konfessionsdispute. Sie beginnen mit dem Anwendungsbereich. Weil die Nächstenliebe in ihrem biblischen Kontext nur Sozialverhältnisse betrifft, konzentriert sich christliche Politik seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie auf Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat. Selbst wenn sie sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts etwa um Fragen der biomedizinischen Ethik erweitert, bleibt eine inhaltliche Verengung gegeben, der sich eine im umfassenderen Sinn christliche Politik nicht beugt.

          Zu Recht legitimiert die moderne Naturforschung mitsamt Medizin und Technik ihre humanitäre Intention mit der Nächstenliebe. Francis Bacon, ihr Prophet, damals selbstverständlich ein Christ, bestimmte die ständig fortschreitende Forschung mit dem überzeugenden Argument: „But of charity there is no excess“ – aus Gründen der Nächstenliebe könne es also in der humanitären Forschung nie ein „Genug“ geben.

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