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Staat und Religion : Otfried Höffe: Gibt es christliche Politik – und wenn ja, warum und wie viel?

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Ein besonders wichtiger Bereich bildet die Biomedizin, während neben den Leitbegriffen Friede und Gerechtigkeit die Bewahrung der Schöpfung nicht in allen Feinbestimmungen, aber im Prinzip Gemeingut von Christen und Nichtchristen geworden ist. Politisch hochumstritten sind hier insbesondere die ethischen Fragen am Beginn und am Ende des Lebens. Zum Lebensbeginn: Schon der Ungeborene ist ein zur Gattung des Homo sapiens und zu keiner anderen biologischen Gattung zugehörendes Lebewesen, weshalb er den Lebensschutz verdient. Zum Lebensende: Eine christlich inspirierte Politik und Medizin ebenso wie christliche Verwandte und Freunde ziehen, wenn es denn so weit ist, die Hilfe im Sterben der Hilfe zum Sterben vor. Menschen, die am Sinn ihres (Weiter-)Lebens verzweifeln, bieten sie daher vielfältige Hilfe an. Eine reiflich überlegte Entscheidung, sein Leben zu beenden, wenn sie denn wahrhaft reiflich überlegt ist, lehnen sie eventuell für sich, aber nicht für jeden Menschen ab.

Nicht zuletzt gehört auch dies zu einer Politik im Geist des Christentums: Der Universalismus des Christentums leistet nationalistischen Egoismen Widerstand. Wie es schon im frühen Christentum verschiedene Gemeinden gab, sichtbar im Adressatenkreis vieler Apostelbriefe – sie wenden sich nämlich an die Epheser, Galater, Korinther, Römer usf. –, ist christlichen Politikern zwar bewusst, dass sie als Demokraten ihre Legitimation von ihren jeweiligem Staatsvolk erhalten, das seinerseits aus einer lang gewachsenen Kultur, Mentalität und Sprache, gegebenenfalls keiner vagen, sondern einer wohlbestimmten Mehrsprachigkeit lebt. Die Faktoren aufs Spiel zu setzen gefährdet die legitime Identität ihrer Bürger.

Sie wissen aber auch um die vielfältigen Gemeinsamkeiten der europäischen Völker und dass diese, durchaus im Wettstreit miteinander, aber nie mehr in Feindschaft gegeneinander zu leben haben. Es ist daher kaum ein Zufall, dass große Gründergestalten der Europa-Idee wie Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman bekennende Christen, näherhin Katholiken, waren. Nicht zuletzt treten Christen – auch wenn die Großkirchen es ziemlich spät gelernt haben – für die universalen Menschenrechte ein. Die Gründerväter der Neuengland-Staaten waren (allerdings im Mutterland verfolgte) Protestanten, und der französische Katholik Jacques Maritain war bei der Vorbereitung der UN-Charta und der UN-Menschenrechtserklärung keine unbedeutende Figur.

Da die Menschen- und Grundrechte mittlerweile zum Kernbestand demokratischer Rechtsstaaten geworden sind, lässt sich bei ihnen nicht so leicht ein spezifisch christliches Profil herausarbeiten. Gewisse Leitlinien bleiben aber möglich: Nach dem Prinzip der Personalität ist der Mensch in seiner eigenverantwortlichen Freiheit zu fördern und zu respektieren, was für die Anerkennung der negativen Freiheitsrechte, also der Abwehrrechte sowohl gegen die Mitbürger als auch den Staat, spricht. Zusammen mit dem Prinzip der Solidarität ist zudem jenes Maß an positiven Freiheitsrechten beziehungsweise an Sozialstaatlichkeit geboten, das dem Menschen helfen kann, sich zunächst zu einem eigenverantwortlichen Freiheitswesen zu entwickeln und später diese Freiheit auch in einem oft schwierigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umfeld zu verwirklichen. Weil nach allen drei Prinzipien der letzte Bezugspunkt aller Politik bei der einzelnen, aber nicht vereinzelten Person liegt, hat die politische Herrschaft, die zu jedem Gemeinwesen gehört, von den Betroffenen, den selbstverantwortlichen Personen, auszugehen und direkt oder über Repräsentanten vermittelt auch von ihnen ausgeübt zu werden. Auf diese Weise wird die Grundlage einer Demokratie, dass alle Gewalt vom (Staats)Volk ausgeht, und wird also auch die dritte Gruppe der Menschen- und Grundrechte, die politischen Mitwirkungsrechte, legitimiert.

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