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Staat und Religion : Otfried Höffe: Gibt es christliche Politik – und wenn ja, warum und wie viel?

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Außerdem setzt sich christliches Denken für eine Änderung des Personenstandsrecht ein. Sie sorgt dafür, dass eine jahrhundertelange Diskriminierung der Personen endlich aufgehoben wird, die sich bei Geburt der Alternativen männlich oder weiblich nicht zuordnen lassen. Des weiteren nimmt christliche Politik zur sogenannten Ehe für alle Stellung, insofern es diesem Ausdruck zum Trotz um einen speziellen Fall geht, die Homo-Ehe. Eines ist unstrittig: dass auch aus christlicher Perspektive die Entkriminalisierung der Homosexualität geboten und die da und dort noch bestehende gesellschaftliche Diskriminierung zu überwinden ist. Nach christlicher Soziallehre verdienen jedoch Ehe und Familie einen besonderen Schutz. Denn die Ehe ist diejenige dauerhafte Lebensgemeinschaft, die nicht bloß wie eine eingetragene Lebenspartnerschaft vom Versprechen einer lebenslangen Treue getragen wird, auf Stabilität und Verlässlichkeit mit emotionaler Tiefe und sozialem Respekt bestimmt ist und beiden Partnern die Möglichkeit der Entfaltung gegenseitiger Liebe bieten soll.

Die Ehe hat mit ihrer natürlichen Fortsetzung als Familie darüber hinaus den Rang der elementarsten Solidargemeinschaft, sie ist als Gemeinschaft von Mann und Frau auf die Zeugung von Nachkommen angelegt. Als die Keimzelle menschlicher Gemeinschaft lebt sie nicht etwa von des Staates Gnaden. Sie hat vielmehr einen vom Staat unabhängigen Ursprung, den der Staat anzuerkennen und, übrigens auch zum eigenen Nutzen, zu schützen hat. Selbst wenn einzelne Ehepaare Kinder weder haben können noch wollen, ist die Ehe als Rechtsinstitut auf die Zeugung von Nachkommen angelegt. Das wiederum ist langfristig für die Fortpflanzung des Menschengeschlechts und mittelfristig für jene nächste und übernächste Generation unerlässlich, die die soziale, emotionale und medizinische Altersvorsorge der Eltern- und Großelterngeneration übernimmt. Für homosexuelle Personen, die eine der Ehe ähnlich tiefe und umfassende Lebensgemeinschaft eingehen wollen, gibt es das Rechtsinstitut der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“. Da sie aber nicht eine eigene Nachkommenschaft zeugen können, ist das Rechtsinstitut der Ehe für die heterosexuelle Partnerschaft zu reservieren.

Ein weiteres gehört zu einer wahrhaft christlichen Politik: Weil Eltern eine facettenreiche Verantwortung für das künftige „Humanvermögen“ eines Landes übernehmen, hat der Staat ihnen finanzielle Unterstützung und steuerliche Entlastung zu gewähren. Keinesfalls darf er Ehepartner steuerlich benachteiligen oder das nichteheliche Zusammenleben bevorteilen. Das Nichtbevorteilen betrifft auch die Sorge für die Kinder. Durch entsprechende Einrichtungen, Kindertagesstätten und Kindergärten, hat der Staat beiden Elternteilen zu helfen, auch mit Kindern berufstätig zu sein. Ebenso hat er Elternteilen, immer noch meist den Frauen, die einige Jahre sich auf die Sorge für die Kinder konzentrieren, finanziell zu unterstützen. Christliche Politiker lehnen hier den verunglimpfenden Ausdruck der Herdprämie ab.

Außerdem setzt sich eine christliche Politik, wie auch geschehen, dafür ein, die gesetzlichen Sozialversicherungen um Pflegeversicherungen zu erweitern. Und christliche Arbeitnehmervertreter sorgen dafür, dass die zuständigen Tarifpartner für die physisch und emotional so anstrengende Pflegearbeit eine angemessene Entlohnung erhalten.

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