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Organspende : Tote Helden

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Eine weitere Voraussetzung für eine Organspende nach dem Tod ist in Deutschland das Kriterium des Ganzhirntods. Demnach müssen die Funktionen des Gehirns irreversibel ausgefallen sein, was unter natürlichen Umständen zum Tod des ganzen Organismus führt. Nur die moderne Intensivmedizin macht es möglich, hirntote Menschen für begrenzte Zeit „am Leben“ zu erhalten - der sprachliche Widerspruch liegt auf der Hand -, um die Organe bis zur Spende funktionsfähig zu halten. Viele Angehörige und Pflegende erleben dieses Todeskriterium der modernen Medizin als ihrer Lebenserfahrung widersprechend. Sie können nicht glauben, dass ein rosiger, sich warm anfühlender Körper mit Herzschlag, Reflexen und weiteren Körperfunktionen tot sein soll und dass für tot erklärte Schwangere noch ein Kind zur Welt bringen können. Auch in der Wissenschaft ist der Ganzhirntod als Todeskriterium umstritten, und es ist nicht absehbar, dass die anhaltende Kontroverse zu einer Einigung führen wird.

Doch ist die Todesdefinition für die Organspender so wichtig? Entscheidend ist doch, dass die Organentnahme nur dann geschieht, wenn aufgrund der Zerstörung des Gehirns keine Aussicht auf Genesung besteht und ein Abbruch der intensivmedizinischen Therapie unvermeidlich den Tod zur Folge hat. Dieser Zustand muss objektiv, sicher und ohne Interessenkonflikte festgestellt werden. Ob die Wissenschaftler sich über ein neues Todeskriterium einigen können, ist für den Spender sekundär. Beim Streit um das Todeskriterium geht es dagegen meist um andere Interessen. Zum Beispiel darum, dass Transplantationschirurgen juristisch auf der sicheren Seite stehen möchten, andere aber eine Liberalisierung aller Entscheidungen am Lebensende verhindern wollen - denn wenn ein „hirntoter“ Organspender per Definition kein Toter wäre, würde er ja durch die Organentnahme sterben.

Daher ist es ethisch unangemessen und letzten Endes erfolglos, von Seiten der Politik und der Transplantationsmedizin zu versuchen, einer wertepluralistischen Gesellschaft die Akzeptanz des umstrittenen Hirntodkriteriums aufzudrängen. Ein Todeskriterium, auf das man sich nicht einigen kann, verschafft jedenfalls keine Sicherheit und verringert auch nicht die Komplexität der Situation, die durch neue Behandlungsmöglichkeiten der modernen Medizin in unser Leben tritt. Im Gegenteil, die Ärzte müssen den Bürgern die komplexen und strittigen Informationen zumuten und ihre unterschiedlichen Werthaltungen ernst nehmen, um sie als Organspender in der modernen Transplantationsmedizin gewinnen zu können. Dazu gehören ehrliche Informationen und klare Richtlinien, die festlegen, dass Ärzte ausschließlich zum persönlichen Nutzen des Patienten eine intensivmedizinische Behandlung beginnen und beenden. Zum Zwecke der Organspende darf eine intensivmedizinische Behandlung nach dem Hirntod nur für kurze Zeit fortgesetzt werden, um eine Organübertragung auf wartende Patienten zu ermöglichen. Auch muss festgelegt werden, dass keine intensivmedizinische Behandlung mit dem Ziel begonnen werden darf, dass der Hirntod eintritt und die Organentnahme beginnen kann.

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