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Nordkorea : Die Lehrjahre des jungen Diktators

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Bild: dpa

Seit einem Jahr steht Kim Jong-un an der Spitze Nordkoreas. Weil der Machtwechsel von seinem Vater nicht mehr von langer Hand vorbereitet werden konnte, hat er ihm eine Tante und einen Onkel als Mentoren an die Seite gestellt. Säuberungen in der Partei und im Militär sowie die Vergöttlichung der Person sollen die Macht konsolidieren. Ein Blick hinter die Kulissen.

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          Die aggressive Atomwaffen-Rhetorik, mit der Nordkoreas Jungdiktator Kim Jong-un seit Wochen die Welt zu schrecken sucht, ist auch eine Folge des politischen Machtpokers einflussreicher Akteure im nordkoreanischen Herrschaftsapparat. Nach seiner gut einjährigen Amtszeit hat Kim Jong-un machtpolitisch noch lange nicht das Format seines Vaters Kim Jong-il oder gar seines Großvaters Kim Il-sung erreicht - er steht unter einem enormen Legitimationsdruck gegenüber Partei (Koreanische Arbeiterpartei, KAP) und Militär. Obwohl Kim Jong-un in der Ikonographie Nordkoreas und mit schrillen Drohzitaten besonders gegenüber den Vereinigten Staaten als oberste Führungspersönlichkeit dargestellt wird, ist diese Position in Nordkoreas Machtapparat nicht abgesichert. Ältere Militärs und Parteifunktionäre messen ihn noch immer an seinem Vater, der die gesamte Herrschaftsstruktur des Landes auf seine Person hin formen konnte.

          Der offiziell im Dezember 2011 verstorbene Kim Jong-il konnte nach dem Tod seines Vaters, des Staatsgründers, 1994 relativ schnell in die Rolle des absoluten Machthabers schlüpfen, da das nordkoreanische Volk schon seit 1980 propagandistisch auf diesen Wechsel vorbereitet worden war. Der Übergang von Kim Jong-il zu Kim Jong-un dagegen war weit weniger gut vorbereitet. Kim Jong-il hatte nur einen Grundsatz fest verankert: Ein Kim muss weiterhin an der Spitze des Staates stehen.

          Spätestens seit einem ersten Schlaganfall 2008 arbeitete Kim Jong-il daran, die traditionelle Führungsrolle der Partei wieder zu festigen und zu einer Machtbasis für den zum Nachfolger erkorenen Kim Jong-un zu machen. In kürzester Zeit schuf Kim Jong-il noch selbst die Machtgrundlagen für seinen Erben. Kim senior hatte selbst vor allem über die „Nationale Verteidigungskommission“ geführt, also mit Rückendeckung des Militärs. Jetzt musste die Partei wieder die traditionelle Führungsrolle übernehmen: 2010 wurde Kim Jong-un Vizevorsitzender der „Zentralen Militärkommission der KAP“; der Posten wurde eigens für ihn geschaffen. Wenige Wochen später wurde Kim junior auch zum „Ersten Sekretär“ der KAP ernannt. In beiden Gremien blieb Kim Jong-il „ewiger Vorsitzender“.

          Kurz nach dem Tode Kim Jong-ils übernahm Kim Jong-un, jetzt als „der große Nachfolger“ bezeichnet, nominell auch die gesamte militärische Befehlsgewalt. Ihm zur Seite steht als Leiter der Personalabteilung der Volksarmee Politbüromitglied Choe Ryong-hae, der diesen einflussreichen Posten auf die langjährige Kameradschaft seines Vaters mit dem Staatsgründer Kim Il-sung gründet. Beide kämpften der Legende nach als Partisanen gegen die japanischen Besatzer. Choe Ryong-hae ist trotz des hohen militärischen Rangs, den er formal bekleidet, ein Zivilist, so wie auch die beiden anderen entscheidenden Personen, die heute hinter Kim Jong-un die Fäden ziehen: Kim Kyong-hui und Jang Song-taek.

          Zwischen diesen beiden 66 Jahre alten Schlüsselakteuren saß Kim Jong-un, als er kürzlich verkündete, die Nuklearenergie und das Atomwaffenprogramm seien die „nationalen Schätze“ des Landes und „auch für Milliarden unverkäuflich“. Kim Kyong-hui ist die jüngere Schwester seines Vaters, Jang Song-taek ihr Mann. Noch kurz vor seinem Tod hat Kim Jong-il offenbar diese beiden zu Mentoren für seinen unerfahrenen Nachfolger bestimmt. Der eigentliche „Thronerbe“ Kim Jong-nam war in Ungnade gefallen, weil er 2001 von der japanischen Polizei dabei enttarnt worden war, wie er versuchte, mit gefälschten Papieren den Disney-Park von Tokio zu besuchen.

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