https://www.faz.net/-gpf-78e0w

Nordkorea : Die Lehrjahre des jungen Diktators

  • -Aktualisiert am

Tante und Onkel sollen den jungen Kim Jong-un anleiten und steuern: Kim Kyong-hui eher aus dem Hintergrund, Jang als medial bald deutlich sichtbare „graue Eminenz“ mit durchaus eigenen, jedoch wenig durchschaubaren Machtinteressen. Die Entscheidung für ein „Mentoren-System“ muss Kim Jong-il spätestens 2010 getroffen haben, als er seinen dritten Sohn Kim Jong-un zu seinem Nachfolger bestimmte und absehbar war, dass ihm selbst nicht mehr genügend Zeit bleiben würde, die Übergangsphase als „Lehrzeit eines Jungdiktators“ zu gestalten.

Während seiner Herrschaft drängte Kim Jong-il die Partei gezielt zurück und suchte im Militär seine Machtbasis: Die „Songun“-Lehre (“Militär zuerst“) erhob bedingungslose Pflichterfüllung und Kampf für einen koreanischen Sozialismus zum Ideal, die Armee sollte der „Pfeiler der Revolution“ sein. Die Folge war, dass die Partei 2011 organisatorisch und personell geschwächt war. Entscheidungsprozesse liefen ohne sie ab, allein der „geliebte Führer“ Kim Jong-il, gestützt auf die Armee und umgeben von einem fortgesetzten, hemmungslosen Personenkult, war die Spitze des Staates. Die Militarisierung der nordkoreanischen Führung unter Kim Jong-il wurde 1998 auch durch eine Verfassungsänderung unterstrichen: Die „Nationale Verteidigungskommission“ wurde neben dem Parteiapparat als höchstes Entscheidungsorgan des Staates etabliert. Sitzungen der formalen Entscheidungsgremien der Partei fanden seit 1980 nur noch unregelmäßig statt. So wurde Kim Jong-il 1997 nicht statutengemäß vom ZK-Plenum zum Generalsekretär gewählt, sondern vom Politbüro und von der „Zentralen Militärkommission“ bestimmt.

Kim Jong-uns Mentoren müssen nun das militärische Establishment aufbrechen, die Rolle der Partei wieder stärken und aus dem jungen Diktator einen militärischen Führer machen. Frau Kim Kyong-hui vertritt von beiden Mentoren nach innen wie nach außen die härtere Position. Sie versucht, propagandistisch für Kim Jong-un das Image eines zwar jungen, aber weisen, weitblickenden und resoluten Führers in der Tradition von Großvater und Vater aufzubauen. Zu diesem Bild gehört auch das gegenwärtige martialische Auftreten. Japanische und südkoreanische Beobachter vermuten, dass diese Imagekampagne nach den Feierlichkeiten anlässlich des Geburtstags von Kim Il-sung am 15. April wieder abklingen wird - aber bis dahin muss das Image „stehen“. Um das Militär dazu zu bewegen, einen Oberbefehlshaber zu akzeptieren, der keine militärische Erfahrung hat, dürfte auch weiter an der Vorstellung einer starken, unschlagbaren Armee gearbeitet werden, etwa durch den Test einer weiteren Mittelstreckenrakete oder gar einen Atomtest.

Kim Kyong-hui ist seit 40 Jahren eine zentrale politische Figur im Machtgefüge, wenn auch eher im Hintergrund. Ihre politische Überlebensfähigkeit zeigte sich zwischen 2003 und 2009, als ihr plötzliches Verschwinden aus der (propagandistischen) Öffentlichkeit darauf hindeutete, dass sie einer Säuberung zum Opfer gefallen war. Von 2003 bis 2006 war auch ihr Mann vorübergehend in Ungnade gefallen. 2010 war sie jedoch zurück und übernahm die Leitung des Büros für Organisation und Führung der Partei, die wohl angesehenste Position in der Partei. Frau Kim arbeitet nicht nur am Image ihres Neffen, sie steht andererseits auch für durchaus pragmatische Politik und bildet hier mit Ehemann Jang ein perfektes Team. Eine Folge dieser ergebnisorientierten Kooperation ist das Wiederauftauchen eines anderen geschassten Pragmatikers, des heutigen „Regierungschefs“ Pak Pong-ju. Er verkörpert die andere Seite der gegenwärtigen Imagekampagne für Kim Jong-un: Frau Kim und Jang Song-taek haben ihn mit der Aufgabe betraut, die katastrophale Versorgungslage der nordkoreanischen Bevölkerung zu verbessern.

Weitere Themen

Pressekonferenz zur Verschärfung der Corona-Maßnahmen Video-Seite öffnen

Livestream : Pressekonferenz zur Verschärfung der Corona-Maßnahmen

Angesichts steigender Infektionszahlen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder über neue Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie beraten. Verfolgen Sie die Pressekonferenz im Livestream.

Topmeldungen

Tourismus-Krise : Das große Sterben der Hotels

Stadturlauber fehlen, Geschäftsleute auch: Viele Hoteliers bangen um ihre Existenz. Das Aus für erste Adressen wie das „Anna“ in München oder den Hessischen Hof in Frankfurt gilt als Auftakt einer „dramatischen Auslese“.
Olaf Scholz während der Haushalts-Debatte im Bundestag.

Deutschlands Finanzen : Mehr Demut vor den Schulden

Olaf Scholz, der für die SPD die Kanzlerkrone holen soll, versucht, aus der Schulden-Not eine Tugend zu machen. Das ist gefährlich.

Corona-Infektionen : Bund und Länder wollen Privatfeiern beschränken

Ein Beschlussvorschlag für die Bund-Länder-Konferenz am Nachmittag sieht konkrete Höchstteilnehmerzahlen für private Feiern vor. Ausnahmen soll es nur mit Hygieneplan und Genehmigung vom Gesundheitsamt geben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.