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Nazi-Propaganda : Das Volk soll selbst nach Gewalt schreien

  • -Aktualisiert am

Erfolg durch Gewalt: Deutsche Truppen beim Einmarsch in Warschau am 5. Oktober 1939 Bild: dpa

Die Nationalsozialisten haben den Überfall auf Polen mit Berichten über angebliche Greuel an der deutschen Minderheit über Monate propagandistisch vorbereitet. Dabei konnten sie an ältere antipolnische Feindbilder anknüpfen. Ein Gastbeitrag.

          12 Min.

          Als der Krieg in die dritte Woche ging, verstand William L. Shirer die Welt nicht mehr. Er müsse, so notierte der amerikanische Rundfunkjournalist am 20. September 1939 in sein Berliner Tagebuch, „den Deutschen erst noch finden, der irgendetwas schlecht findet an der Zerstörung Polens durch Deutschland“. Und diese Überzeugung von der eigenen Rechtschaffenheit, vermerkte Shirer konsterniert, sei „selbst unter denen, die das Regime nicht mögen“, weit verbreitet. All die moralischen Einstellungen der Außenwelt in Bezug auf den deutschen Überfall auf Polen, so Shirer weiter, das blanke Entsetzen und die scharfe Verurteilung des deutschen Vorgehens fänden unter den Deutschen kaum ein Echo.

          Landauf, landab, so scheint es, herrschte im September 1939 die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Es spricht einiges dafür, dass diese Stimmungslage nicht erst in jenen Tagen entstanden ist, sondern ihre Wurzeln in jener Mischung aus Wut, Verzweiflung und Verachtung hat, mit der die deutsche Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg lagerübergreifend auf die Wiedererstehung des polnischen Staates und den damit einhergehenden Verlust der ehemaligen Ostprovinzen des Reiches reagiert hatte: Die Zweite Polnische Republik galt als „ein Staat, der nicht sein durfte“, wie der Historiker Heinrich August Winkler treffend formulierte, ein „Saisonstaat“, der sich auf unrechtmäßige, ja verbrecherische Weise weite Gebiete des deutschen Ostens angeeignet habe. Ein Krieg, der dieses, wie es hieß, „schreiende Unrecht“ der „territorialen Amputation“ wiedergutmachen würde, war nicht unpopulär und wurde von vielen als rechtmäßig angesehen.

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