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Muslime : Tausendundeine Nacht

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Bild: AFP

Scheinbar unversöhnlich stehen sich vom Nahen Osten bis nach Zentralasien Sunniten und Schiiten gegenüber, angeblich seit Jahrtausenden sind Araber und Perser einander in Feindschaft verbunden. Was ist dran an den vielen Erzählungen?

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          Unter den Völkern zeichnen sich die Araber durch gute Rede und Verstand aus; doch sie sind grausam und von starken Begierden. Die Perser sind klug, scharfsinnig, sauber und gescheit, aber verschlagen und leidenschaftlich.“ In diesen Worten bot der Gelehrte Nasir al-Din Tusi im 13. Jahrhundert in einem auf Persisch verfassten Buch die Quintessenz dessen, was in arabischen und persischen Ratgebern für den Kauf von Sklaven über die ethnischen Eigenschaften zu lesen war. Stereotypen wie diese wirken bis heute nach.

          Die Botschaft des Islams, wonach es nur eine einzige islamische Weltgemeinde (umma) gebe, hatte wohl selbst in intellektuellen Zirkeln wenig Wirkung entfaltet. Zu übermächtig war wohl das Bedürfnis, den anderen zu klassifizieren. Im Verhältnis von Arabern und Persern kam eine religiöse Asymmetrie hinzu. Der Koran war von Gott den Arabern in klarer arabischer Sprache offenbart worden, auf dass sie ihn weiterverkünden sollten. Der arabische Gelehrte al-Djahiz (gest. 869) konnte daraufhin feststellen, dass die Araber gegenüber allen anderen Völkern eine auserwählte Einheit bildeten, zu der Gott den Propheten gesandt habe.

          Das Überlegenheitsgefühl der Araber begleitet die islamische Geistesgeschichte bis heute. Nichtaraber mussten sich besonders anstrengen, um angesehen zu werden. Maßgebliche islamische Gelehrte der Frühzeit waren daher oft persischsprachige Iraner. Ohne sie wäre der Islam nicht zu der Religion geworden, die er heute ist. So wurden die sechs „Hadith“-Sammlungen des sunnitischen Islams, die Aussagen, Handlungen und Anweisungen Mohammeds genau verzeichneten, alle von Gelehrten verfasst, deren Namensbestandteile wie al Buchari und al Tirmidhi auf nichtarabische Orte wie Buchara, Nishapur und Termez verweisen.

          Arabische Muttersprachler taten sich hingegen schwer mit dem Erlernen fremder Sprachen. Wenn Gott ohnehin Arabisch gesprochen hatte, wieso dann noch die Sprachen anderer Völker sprechen müssen? Ignoranz gegenüber Fremdsprachen ist also nicht nur heutzutage ein Problem - in der arabischen Welt wird es aber zum Teil bis heute mit Hinweis auf die koranische Sprache religiös kultiviert. Jedes Schulkind in Iran muss Arabisch lernen, während sich Persisch im arabischen Bildungssystem nur vereinzelt an Universitäten wiederfindet.

          Gleichwohl lassen sich die aktuellen Konflikte zwischen Saudi-Arabien und Iran nur bedingt mit historischen Befindlichkeiten und antagonistischen Bildungssystemen erklären. Der Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten ist ebenfalls nur ein Motiv unter vielen. Es gibt viele arabo- und turkophone Schiiten, aber auch viele persisch- und darisprachige Sunniten. Auch Ethnisierungen greifen zu kurz. Neben Persern und Arabern mischen Türken, Kurden, Aserbaidschaner, Usbeken und Armenier im Nahen und Mittleren Osten mit. Der Nahost-Konflikt ist eben nicht schwarzweiß zu rastern, was auch seine wissenschaftliche Beschreibung sehr komplex gestaltet.

          Ein wichtiger Mosaikstein unter vielen ist das eingangs skizzierte arabisch-persische Verhältnis, das nun im saudisch-iranischen Konflikt wieder zum Tragen kommt. Doch speist sich dieser Konflikt wirklich vorwiegend aus religiösen und ethnischen Gegensätzen? Oder geht es um politische Machtansprüche benachbarter Staaten, die nicht nur militärisch durch zahlreiche Stellvertreterkriege ausgetragen werden? Im Jahr 2004 beschwerten sich beispielsweise Tausende Iraner bis hinauf zu der Staatsführung über mehrere Tage hinweg bei Google: Der Kartendienst des Internetgiganten würde neuerdings - mutmaßlich auf Druck arabischer Golfstaaten - den Golf als „Arabischen“ bezeichnen. Am 20. April 2008 führte die iranische Regierung den „Nationalen Persischen Golf-Tag“ ein, um den arabischen Umbenennungsvorstoß abzuwehren. 2012 beschloss Google, beide Namen nicht mehr zu verwenden, was dem Unternehmen eine iranische Twitterkampagne unter dem Titel „Where’s the Persian Gulf?“ eintrug.

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