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75 Jahre CDU : Mit Mut und Neugier

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Volkspartei der Mitte: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bundestagswahlkampf 2009 Bild: OSTKREUZ - Agentur der Fotografe

75 Jahre CDU zeigen zweierlei: Da ist ein tiefer Drang, Verantwortung zu übernehmen. Und es gibt eine starke visionäre Kraft, nicht den Status quo zu verteidigen, sondern eine glückliche Zukunft zu gestalten. Ein Gastbeitrag der CDU-Vorsitzenden.

          13 Min.

          Anfang November 2000 – vor nunmehr zwanzig Jahren. Das Internet ist noch nicht Alltag, man geht online wie auf Besuch. Neuland? Durchaus. In Deutschland beginnt an diesem Tag der erste digitale Parteitag. Die Mitglieder diskutieren darüber, wann Schulkinder am besten mit dem Erlernen einer Fremdsprache beginnen, ob das Abitur nach zwölf oder dreizehn Jahren abgelegt werden soll, ob Studiengebühren sinnvoll sind oder nicht. Der Name der Partei: CDU. Ihre Vorsitzende: Angela Merkel.

          Paris, Ende Februar 1985: Dem deutschen Wald geht es schlecht, und die Sorge vor dem Tod des Baumes schafft es bis in den Élyséepalast. Sein Hausherr François Mitterrand lässt sich anstecken von der Sorge, die ihm ein Mann aus Deutschland eindrücklich näherbringt. Der Mann, der dieses Umweltproblem so leidenschaftlich schildert, dass die Mitglieder der französischen Delegation die Augen rollen, ist Helmut Kohl, der Vorsitzende der CDU.

          Annegret Kramp-Karrenbauer ist Vorsitzende der CDU und Bundesministerin der Verteidigung.

          Königswinter, Hotel auf dem Petersberg, 21. September 1949: Die junge Bundesrepublik bekommt es schwarz auf weiß, dass sie nicht so ganz dazugehört – zur westeuropäischen freien Welt, wo sie der Kanzler doch in seiner ersten Regierungserklärung tags zuvor verortet hatte. Das Besatzungsstatut der Hohen Kommissare schränkt die deutsche Souveränität erheblich ein. Doch der Kanzler macht seinen berühmtesten Schritt, jenen auf den Teppich, der eigentlich den Siegern vorbehalten ist. Das Bild geht um die Welt und ist ein Signal: Ein Mann will mehr für sein Land, eine Zukunft auf Augenhöhe und Mitsprache in der neuen westlichen Gemeinschaft, die gerade erst heranwächst. Sein Name: Konrad Adenauer, der erste CDU-Vorsitzende.

          Wer sich fragt, was die CDU so erfolgreich macht, findet hier eine Antwort: in diesen drei Geschichten, in diesen drei Parteivorsitzenden und Kanzlern, in diesem gemeinsamen Selbstverständnis einer Volkspartei der Mitte. Die Christlich Demokratische Union Deutschlands bietet seit 75 Jahren immer wieder Unerwartetes, auch das Visionäre, immer wieder einen klaren Blick nach vorne, immer wieder zukunftsweisende Schritte. Und sie bietet seit 75 Jahren pragmatische Problemlösung und gekonntes Krisenmanagement. Die CDU will immer beides, und sie kann auch beides.

          Von Adenauer zu Kohl

          Dieses Selbstverständnis prägte schon Konrad Adenauer. Anfang Mai 1945, in den letzten Kriegstagen, kehrte er als Oberbürgermeister – eingesetzt von den Amerikanern – nach Köln zurück. Seine Stadt war jedoch während seiner Abwesenheit eine andere geworden. Köln teilte das Schicksal vieler anderer Städte nach der Herrschaft der Nationalsozialisten. Wohnungen waren so knapp wie Brot und Milch. Es ging für fast jedermann allein ums Durchkommen und für Adenauer damit darum, Kinder, Frauen und Männer durchzubringen.

          Sein politisches Handwerkszeug, erlernt bereits im Kaiserreich, kam ihm bald schon zugute als Präsident der Parlamentarischen Versammlung, die das Grundgesetz erarbeitete, und natürlich über fast eineinhalb Jahrzehnte als Bundeskanzler. Der Aufbau eines neuen Staatswesens mit all seiner Verwaltung, mit all seinen gesetzlichen Grundlagen, mit all seinen administrativen Ansprüchen fand in Adenauer glücklicherweise einen genialen politischen Architekten und Bauleiter.

          Und zugleich verlor sich Adenauer nicht in den unendlich vielen tagtäglichen Alltagsaufgaben. Er ließ sich auch angesichts des millionenfachen Leids nicht davon abbringen, an die Aussöhnung mit früheren Feinden zu glauben. Er ließ sich angesichts der Greuel, die in deutschem Namen begangen worden waren, nicht davon abbringen, für die Aufnahme Deutschlands in die Gemeinschaft der freien Welt zu werben. Er ließ sich angesichts des Zivilisationsbruchs der Schoa nicht davon abbringen, Vergebung und Freundschaft in Israel zu suchen. Sein politisches Wirken war zeitlebens geprägt von großen Linien und visionärer Kraft.

          Fünf Jahre nach dem Gründungsaufruf: Bundeskanzler Konrad Adenauer auf dem 1. Bundesparteitag der CDU im Oktober 1950 in Goslar.

          Auch Helmut Kohl verband diese beiden Züge – nicht nur, wenn es um Buche und Eiche im Pfälzerwald ging. Nie hat er am Ziel der deutschen Einheit gezweifelt. Wo andere schwankten, da war er klar und standhaft. Gleichzeitig war er ein pragmatischer Erneuerer. Unter Helmut Kohl gab es den wohl bislang größten Modernisierungsschub der CDU. Er machte aus ihr die moderne Mitgliederpartei. Bereits als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz hatte er sich junge, tatkräftige Leute ins Kabinett geholt. Seine Heimat bekam das bundesweit erste Kindergartengesetz, die erste Verwaltungsreform, ein Krankenhausreformgesetz und neue Universitäten. Drei Jahrzehnte später verstand er sofort die Angst, die der Fall der Mauer bei unseren Nachbarn weckte; die Angst vor einem wiedervereinten, einem plötzlich wieder so viel größeren Deutschland; die Angst, die Deutschen könnten sich nun nicht mehr für Europa interessieren. Doch Kohl wusste diese Angst zu nehmen, indem er versprach: Die deutsche Einheit und die Einheit Europas sind untrennbar. Und er versprach es nicht nur, er überzeugte unsere Partner und Freunde auch davon, manchmal in nächtelangen Verhandlungen.

          Oft genug entsteht der Eindruck: Regierungsverantwortung macht Menschen zu nachtaktiven Wesen. Gerade durch die Kanzlerjahre Angela Merkels ziehen sich jene Nächte des Ringens und Rettens. Und wo hart verhandelt wird, da gilt zu jeder Stunde: Augen auf und nicht einfach so durch! Immer hellwach bleiben und bloß nichts verpassen. Anders ist der Unübersichtlichkeit unserer Zeit nicht verantwortlich zu begegnen.

          Zuversicht inmitten der Unübersichtlichkeit

          Wir sehen gerade eine Welt, in der es wieder mehr Irrglauben an Protektionismus gibt; eine Welt, die sich mehr und mehr dem verschließt, was sie zusammenhält: Multilateralismus und fairer Handel; eine Welt, die sich entfernt vom Streben nach Frieden, nach Freiheit und Solidarität, nach Demokratie und Menschenrechten; eine Welt, deren sich China mit seiner Expansionspolitik bedienen will. Wir sehen unsere Welt im Aufbruch zu einer Reise ins Ungewisse – und häufig wird schon der Eindruck vermittelt: Dies könnte eine fatale Reise werden.

          Wir sehen ein Europa, das anders und besser dasteht als vor 75 Jahren, keineswegs als ein verwüstetes Schlachtfeld, in dessen Mitte sich bald der Eiserne Vorhang schloss. Aber: Neue Spaltungen drohen, wirtschaftliche Prosperität ist in der Welt nicht mehr ausschließlich und selbstverständlich eine Sache Europas, bei Stabilität und soliden Finanzen sind wir zwar vorangekommen, aber noch lange nicht am Ziel, mit dem Vereinigten Königreich verlässt gar ein wichtiger Partner und Verbündeter die Europäische Union, wenn auch nicht Europa.

          Wir sehen unser Land herausgefordert: in seinem Modell der Sozialen Marktwirtschaft, von neuen Technologien, von Hetze, Spaltung und Hass. Und wir sehen Angela Merkel und erkennen bei ihr wie bei der CDU einen klaren Blick auf die großen Linien und Zeitläufe genauso wie einen festen Glauben an einen neuen Zusammenhalt, geprägt vom Respekt vor der Würde jedes Einzelnen – einen neuen Zusammenhalt hier bei uns und dort ringsum.

          In all der Unübersichtlichkeit gibt mir die Geschichte meiner Partei Zuversicht. Vor 75 Jahren musste sich die Welt nach einem fürchterlichen Krieg neu sortieren. Sie stand unmittelbar vor einem großen Systemwettbewerb und brauchte neue Bündnisse. Es war eine Welt, in der altbekannte Koordinaten ihre Gültigkeit verloren und auf internationaler Bühne die Rollen neu vergeben wurden. Die Gründungsmütter und -väter der CDU erkannten mit einer Klarheit, die bis heute beeindruckend ist, ihre Verantwortung für eine friedlichere Welt und für die Aussöhnung mit den Nachbarn. In den Kölner Leitsätzen aus dem Juni 1945, einem der wichtigen Gründungsdokumente der Christdemokratie, steht das hehre Ziel: „Deutschland muss führend sein in der Verwirklichung der Sehnsucht der Völker nach einem ewigen Frieden.“

          Auch wenn dem europäischen Kontinent Jahrzehnte der Spaltung und Trennung bevorstanden – Europa hat seit 1945 die längste Friedensperiode seiner Geschichte erlebt. Und es scheint einem Wunder gleich, wie schnell die Bundesrepublik Anteil am Zusammenwachsen Europas hatte.

          Versöhnung über Gräbern: Der französische Staatspräsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl am 22. September 1984 bei Verdun

          75 Jahre CDU zeigen zweierlei: Erstens ist da ein tiefer Drang, Verantwortung zu übernehmen. Da ist der Wille zum Gestalten und Regieren im Jetzt – denn nur so kann eine Partei ganz konkrete Probleme lösen. Da gibt es die Haltung, vor Krisen nicht wegrennen zu wollen, sondern sie zu bewältigen. Da gibt es die Überzeugung, dass auch die große Staatskunst Handwerk ist, Tagesgeschäft, der Blick in die Fußnoten hundertseitiger Verträge, das Aktenstudium, das Handy neben dem Kopfkissen, und wenn es klingelt, ist es nicht der Wecker. Und zweitens zeigen 75 Jahre CDU: Da gibt es eine starke visionäre Kraft, den Willen, nicht einfach im Hier und Jetzt stehenzubleiben und ängstlich irgendwie den Status quo zu verteidigen, sondern Zukunft zu gestalten und die Frage zu stellen: Was braucht unser Land, um auch in den kommenden zehn, zwanzig und dreißig Jahren erfolgreich zu sein? Wie stiften wir mit einer klaren Vorstellung davon, wohin wir wollen, Orientierung?

          Orientierung funktioniert nur, wenn man weiß, was man will. Und sie funktioniert vor allem nur, wenn man eine innere Haltung hat. Wenn ich als Vorsitzende der CDU Deutschlands auf meine Partei schaue, dann sind es zwei sehr schöne deutsche Begriffe, die unsere Haltung am besten umschreiben: Mut und Neugier. Mut haben, Entscheidungen zu treffen, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, nicht immer das Fähnchen in den Wind zu hängen, die eigenen Interessen hinter die Interessen des großen Ganzen zu stellen, Widerspruch hervorzurufen und Widerspruch zu ertragen.

          Wenn sich dann der Mut noch mit Neugier verbindet, dann wird daraus ein echter Gestaltungsdrang für die Zukunft. Neugier ist der offene Blick nach vorne, nicht der ängstliche Blick auf den Status quo und schon gar nicht der verklärte Blick zurück. Und gleichzeitig ist Neugier keine Zukunftsbesoffenheit, sondern auch der abwägende Blick auf die Frage: Ist dieses Neue wirklich besser als das Bestehende? In diesem Sinne hat die CDU immer wieder Neuland entdeckt. Und die CDU muss auch in Zukunft noch viel Neuland entdecken wollen. Das Neue macht uns keine Angst, sondern spornt uns an.

          Ein Kraftpaket für Deutschland

          In diesen 75 Jahren haben ganz verschiedene Vorsitzende die Partei geführt. Keiner und keine war wie der andere. In den kommenden Wochen wird sich die Berichterstattung über die Union damit beschäftigen, wer der oder die Neue, Neunte in dieser Riege wird. Ich glaube: Das wird für die Zukunft der CDU weniger entscheidend sein, als die Schlagzeilen und Leitartikel vorgeben werden. Denn die CDU war und ist immer so viel mehr als der oder die eine. So wie sie oft genug das andere getan hat, das Überraschende und Unerwartete, so ist sie auch eine Partei der vielen anderen hinter dem oder der einen. Sie ist die Partei der 75 000 Frauen und Männer, die vor Ort mit Herzblut, mit Liebe zur Heimat und mit einem ausgeprägten Pflichtgefühl Politik machen, im Rathaus, im Gemeinderat und in der Stadtvertretung. Sie ist das alte Mitglied, dessen Ausweis aus Papier die Jahrzehnte zerfleddert haben, und das junge Mitglied, das gerade eingetreten ist und seinen digitalen Ausweis per E-Mail bekommt. Die CDU Deutschlands ist die Partei mit 244 Millionen Zweitstimmen seit der ersten Bundestagswahl. 244 Millionen Mal Vertrauen.

          Auf die CDU ist Verlass – weil sie bereit ist, ganz konkrete Probleme zu lösen und Krisen zu managen. Weil sie die Kraft hat, über den Tag hinauszuschauen. Ja, auf die CDU ist in diesem Sinne auch in Zeiten von Corona Verlass. Beispielhaft steht dafür das umfangreiche Konjunktur- und Zukunftspaket, das die Bundesregierung vor wenigen Wochen auf den Weg gebracht hat. Einerseits geht es darum, ganz konkrete Lösungen zu entwickeln, wie wir durch die Krise und aus der Krise kommen – unter anderem mit Senkung der Mehrwertsteuer, mit Unterstützung für Familien, mit Stärkung des Gesundheitswesens. Andererseits geht es darum, kräftig auf Zukunft zu setzen über die Krise hinaus – mit massiven Investitionen in innovative und klimaschonende Zukunftstechnologien, mit Entbürokratisierung, mit einem Digitalisierungsschub der Verwaltung und mit moderner und wirklich digitaler Bildung. Damit ist dieses Konjunktur- und Zukunftspaket ein echtes Kraftpaket für Deutschland. Es kann unser Land innovativer, stärker, klimafreundlicher, menschlicher und besser machen.

          Im Augenblick sehen wir vor allem Corona – wen wundert’s? Doch es wird wieder ein Leben ohne diese Pandemie geben, dafür ein Leben mit anderen Fragen, anderen Nöten, die wir schärfer sehen werden: Wohnungsmangel in Ballungszentren, Kinder mit ungleichen Startchancen, unhaltbare Arbeitsbedingungen in manchen Branchen, modernes „Klick-Proletariat“, überhaupt die Arbeitswelt der Zukunft. Nein, heute geht es anders als vor 75 Jahren nicht darum, ein neues Staatswesen aufzubauen. Aber staatliches Handeln und Verwaltung brauchen einen massiven Schub, um schnell, effizient und innovativ die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen zu können. Und deshalb fragen wir in unserer aktuellen Kampagne – #kickoff2030 – die Menschen auch nach ihren Erfahrungen, die sie in der Corona-Krise machen, damit wir daraus Lösungen entwickeln können. Wir wissen nicht immer alles besser. Aber wir wollen immer unser Land besser machen.

          Deshalb geht es uns Christdemokraten um Fragen, die weit in die Zukunft reichen und doch schon heute Antworten verlangen: In zehn Jahren werden wir nicht mehr darüber reden können, wie der Unterricht digitaler wird. Die Kinder von heute werden dann junge Erwachsene sein; sie werden Berufe erlernen oder studieren; sie werden eine Familie gründen und ihre Träume leben wollen. Und wir, wir brauchen ihre Ideen, ihre Neugierde, ihr Wissen. Wir können in zehn Jahren nicht mehr unsere Infrastruktur schneller planen, genehmigen und bauen wollen; wir brauchen sie im Grunde schon morgen, spätestens. Und wir können es uns dann auch nicht mehr leisten, nur über Innovationen zu reden. Wir müssen sie schaffen; sie müssen stolz den Aufdruck tragen: „Made in Germany“.

          Wirklich entscheidend für die Zukunft der CDU ist die Haltung, mit der sie Deutschland gestaltet, auch sich selbst zutraut, ja zumutet.

          Nicht an vorderster Front

          Mut und Neugier braucht unser Land. Mut und Neugier braucht auch die Partei, die ihm dienen will. Ja, und manchmal hat die CDU diesen Mut und diese Neugier auch vermissen lassen. Die CDU war sicherlich nicht an vorderster Front der Frauenbewegung – aber als wir es begriffen haben, waren wir konsequent: erste Bundeskanzlerin, erste Verteidigungsministerin, erste EU-Kommissionspräsidentin. Wir haben auch die Chancen und vor allem auch die wirtschaftliche Notwendigkeit zu lange unterschätzt, die sich aus der Zuwanderung ergeben, und genauso die Herausforderung der Integration. Jetzt haben wir ein Fachkräftezuwanderungsgesetz, die CDU holte das Amt der Integrationsbeauftragten ins Bundeskanzleramt, die Integrationsgipfel sind heute fester Bestandteil der Arbeit in der Bundesregierung.

          Wir haben auch Familien nicht früh genug zugetraut so zu leben, wie sie wollen. Heute sagen wir: Familie ist dort, wo füreinander Verantwortung übernommen wird. Familien sollen ihr Leben leben und nicht die Erwartung anderer. Ja, und wir haben auch dem Umwelt– und Klimaschutz nicht immer die nötige Priorität eingeräumt, obwohl wir doch früh genug erkannt hatten: Ein lebenswertes Land ist immer auch eines, das die Bewahrung der Schöpfung als etwas Selbstverständliches begreift.

          Deutschland sieht heute anders aus als vor 75 Jahren. Deutschland ist vielfältiger geworden – eine Vielfalt, die nicht nur bunt, sondern auch herausfordernd ist. Unsere Umbrüche sind andere als vor 75 Jahren, doch genauso gilt damals wie heute: Ohne Verbindendes, ohne starke Bande bei allen Unterschieden, ohne einen echten Zusammenhalt wird es nicht funktionieren.

          Wie die CDU auf ihre eigene Geschichte schaut, entscheidet darüber, wie sie in die Zukunft schaut. Und wie die CDU in die Zukunft schaut, entscheidet darüber, wie sie auf die eigene Geschichte schaut. Vergangenheit und Zukunft machen sichtbar, was Veränderung bedeutet. Die CDU wäre in den vergangenen 75 Jahren nicht so erfolgreich gewesen, wenn sie sich nicht immer wieder auf Veränderungen eingestellt hätte, wenn sie sich nicht immer wieder zu neuen Ufern aufgemacht hätte, wenn sie sich nicht immer wieder auch einmal etwas Unerwartetes zugetraut hätte.

          Partei der Wiedervereinigung: Kohl und der letzte DDR-Ministerpräsident de Maizière auf dem ersten gesamtdeutschen Parteitag der CDU am 1. Oktober 1990 in Hamburg

          Das gelang ihr aber nur, weil sie immer festen Boden unter den Füßen hatte und sich auf ein bleibendes Fundament stützen konnte. Dieses Fundament ist bei allem, was Christdemokratinnen und Christdemokraten tun, die unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen, so wie es das Grundgesetz formuliert. Hinter dieser Würde steht für uns die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und damit die Freiheit jedes Einzelnen – sein Recht auf Leben und Selbstverwirklichung. Leben hat Würde – immer und ausnahmslos. Das C in unserem Parteinamen kategorisiert nicht, beurteilt nicht, bewertet nicht. Das C reduziert Menschen nicht; es schätzt sie wert. Im Grunde genommen ist das die Essenz des christdemokratischen Wertefundaments. Daraus speisen sich die zentralen Grundwerte aus dem ersten Grundsatzprogramm der CDU, dem Ludwigshafener Programm von 1978: Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit. Daraus speist sich unser Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft, die der Freiheit des Einzelnen ebenso gerecht wird wie dem sozialen Ausgleich, ohne den echte Freiheit gar nicht möglich ist. Daraus ergibt sich unser Verständnis von einem starken, handlungsfähigen und effektiven Staat, der die Freiheitsrechte schützt und Sicherheit gibt. Daraus ergibt sich unser Verständnis des Staats, der seine Bürger schützt, aber nicht bevormundet.

          Als Christdemokraten sehen wir stets den einzelnen Menschen und damit viele verschiedene Lebensentwürfe. Wir wollen, dass jeder im friedlichen Zusammenleben mit seinen Nachbarn, Kollegen und Freunden sein Leben so gestalten kann, wie er es selbst für richtig erachtet. Wir reden Menschen nicht ein, dass sie etwas nicht könnten. Sie sollen so leben, wie es ihnen richtig erscheint, denn wir glauben, dass sie selbst am besten wissen, was das bedeutet. Der Mensch in seiner unveräußerlichen Würde ist unser Maßstab. Die Zeiten mögen sich ändern, die Antworten von Politik müssen sich ändern, die Krisen werden andere sein, die Erfolge auch – aber eines muss immer bleiben: die Achtung der unantastbaren und unveräußerlichen Würde jedes einzelnen Menschen.

          Aufbau einer neuen Heimat

          In diesem Wissen, in dieser Haltung und in diesem Blick auf die Zukunft feiert die CDU Deutschlands in diesen Tagen ihren 75. Geburtstag: Die CDU – das sind 75 Jahre Verantwortung, fünfzig Jahre Regierung, fünf Bundeskanzler, eine Partei. Gegründet wurde die deutsche Christdemokratie auf den Trümmern eines Krieges, der von deutschem Boden aus millionenfaches Sterben, Morden und Leid gebracht hat. Die CDU wurde auf diesen Trümmern gegründet, sie wurde aber vor allem für den Wiederaufbau gegründet. Der Berliner Gründungsaufruf aus dem Juni 1945 hebt mit den großen Worten an: „In der schwersten Katastrophe, die je über ein Land gekommen ist, ruft die Christlich Demokratische Union Deutschlands aus heißer Liebe zum deutschen Volk die christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte zur Sammlung, zur Mitarbeit und zum Aufbau einer neuen Heimat.“

          Der Aufbau einer neuen Heimat – das war der Gründungsimpuls. Und der Aufbau einer neuen Heimat muss der Impuls jeder Generation von Christdemokratinnen und Christdemokraten sein. Die Gründungsmütter und -väter der CDU waren mit der „schwersten Katastrophe, die je über ein Land gekommen ist“, konfrontiert. Wir sind heute mit einer Krise konfrontiert, die in ihren wirtschaftlichen und sozialen Folgen die tiefgreifendste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Und was kann die CDU in dieser Situation des Jahres 2020 anderes leiten als der Mut und die Neugier der Gründergeneration?

          Einigkeit und Recht und Freiheit: Der erste Bundesparteitag der CDU fand vom 20. bis zum 22. Oktober 1950 in Goslar statt.

          Mut und Neugier, gepaart mit pragmatischer Problemlösung und Zukunftsperspektive – das ist Ausdruck einer echt christdemokratischen Verantwortung; einer Verantwortung, die sagt: Erst das Land, dann die Partei. Dabei geht es nicht um irgendeine Verantwortung – auch das haben uns vor 75 Jahren die vielen Frauen und Männer ins Stammbuch geschrieben, die die CDU gegründet haben: „Wir rufen euch auf, alles Trennende zurücktreten zu lassen.“ Zusammenhalt aus Verantwortung – darum ging es vor 75 Jahren, darum geht es heute, darum geht es auch in Zukunft.

          Diese Zukunft beschreibt der Berliner Gründungsaufruf in seinem letzten Satz in wunderschöner Sprache: „Voll Gottvertrauen wollen wir unseren Kindern und Enkeln eine glückliche Zukunft erschließen.“ Wichtig an dieser Zukunftsvision ist die Tatsache, dass „glückliche Zukunft“ ein offener Begriff ist. Diese Offenheit unterscheidet im Übrigen die christdemokratische Haltung von ideologischen Haltungen. Allzu oft werden feste Gesellschaftsbilder entworfen, die sich als Ziel der Geschichte verstehen. Aber eine solche Haltung widerspricht der menschlichen Freiheit. Wenn der Berliner Gründungsaufruf davon spricht, dass man unseren Kindern und Enkeln eine glückliche Zukunft erschließen wolle, dann haben die auch ein Wörtchen dabei mitzureden, was sie sich unter „glücklich“ vorstellen. Deshalb ist der Begriff „erschließen“ auch so wertvoll. Andere hätten vielleicht davon gesprochen, eine glückliche Zukunft zu schaffen. Zukunft ist aber etwas Offenes; und sie muss offen für die menschliche Freiheit kommender Generationen sein.

          Das ist nicht meine Geschichte, das ist die Geschichte der CDU, die allen Kindern und allen Enkeln eine glückliche Zukunft erschließen will. Es ist die Geschichte eines Landes, das in Kinderaugen Hoffnung und Zuversicht sehen will. Deutschland soll ein Land der Glückskinder sein! Und Glückskinder gibt es nicht allein, überhaupt gibt es kein Glück alleine. Wir Menschen brauchen Zusammenhalt – und wir finden ihn in der Familie und bei Freunden, in einem Verein und auch in einer Partei.

          Und deshalb geht es auch 75 Jahre nach Gründung der CDU heute um Zusammenhalt aus Verantwortung. Denn wir werden unseren Kindern und Enkeln nur eine glückliche Zukunft erschließen können, wenn Zusammenhalt Wirklichkeit ist. Und wenn wir auch heute die visionäre Kraft haben, die den Menschen Mut macht.

          Ob das gelingt, das liegt an uns allen. Die Zukunft ist offen. Die Seiten des Geschichtsbuches der Zukunft sind noch leer. Es liegt an uns, ob und wie wir mit an diesem Buch schreiben. Die CDU Deutschlands ist dazu willens und in der Lage. Heute genauso wie vor 75 Jahren.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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