https://www.faz.net/-gpf-1661g

Umgang mit Missbrauchsfällen : Die Unfähigkeit zu praktischen Konsequenzen

  • -Aktualisiert am

Papst Franziskus am Atelierfenster vor dem Angelus-Mittagsgebet Bild: dpa

Nicht der Kindesmissbrauch als solcher ist das moralische Problem der Kirche. Es ist ihre Unfähigkeit, die eigenen pathogenen Strukturen zu erkennen und zu erörtern.

          10 Min.

          Der folgende Essay ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. April 2010 erschienen und wird aus gegebenem Anlass noch einmal vom Podcast F.A.Z. Essay aufgegriffen.

          Die Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ gibt es nämlich auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diesen Text von Franz-Xaver Kaufmann.

          Unser Bewusstsein von der Geschichte des Christentums ist durch die römisch-katholische Kirche geprägt. Wie keine andere christliche Kirche nimmt sie für sich öffentlich und theologisch in Anspruch, die wahre Kirche Jesu Christi zu sein und bis in die apostolischen Anfänge zurückzureichen. Zwar besagen neueste Forschungsergebnisse, dass sich die Tradition, Petrus sei in Rom gewesen und dort den Märtyrertod gestorben, erst ab Mitte des zweiten Jahrhunderts gebildet habe, und auch sonst beruhen viele Traditionen und daraus abgeleitete Ansprüche der römischen Kirche auf oft zweifelhaften Grundlagen. Aber das hat ihrer Stabilität und Autorität bisher keinen dauerhaften Abbruch getan.

          Historisch betrachtet gehören transzendenzbezogene Religionen zu den dauerhaftesten Sozialphänomenen. Sie haben wirtschaftliche und politische Schicksale ganzer Völker und auch tiefgreifende Krisen ihres Klerus und ihrer Form überdauert. Es ist dieser sehr unterschiedlich ausgelegte Transzendenzbezug, aus dem sie ihre Kraft schöpfen. Die christlichen Traditionen sprechen hier von Glauben, einem Glauben, der nach den überlieferten Worten Jesu Berge versetzen kann.

          Dieser Glaube lässt sich – so jedenfalls in der römischen Tradition – auch durch noch so tiefe moralische Verfehlungen des Kirchenpersonals nicht delegitimieren. Dass Verbrecher an Kindern, denen schon Jesus einen Mühlstein an den Hals gewünscht hatte, bis in jüngste Zeit von kirchlichen Behörden wissentlich gedeckt und vor rechtsstaatlicher Verfolgung beschützt wurden, bleibt dennoch ein bestürzendes, erklärungsbedürftiges Phänomen.

          Späte Anerkennung der Kinderrechte

          Bei jedem Erklärungsversuch sind innerkirchliche und außerkirchliche Einflüsse zu unterscheiden. Um mit Letzteren zu beginnen, ist daran zu erinnern, dass Rechte von Kindern erst in jüngster Zeit zu einer der großen moralischen Fragen der Gesellschaft aufgestiegen sind. Dahinter steht die politischen Doktrin allgemeiner, also jedem Menschen in gleicher Weise zustehender Menschenrechte, die vielfältige, weit in die europäische Geschichte zurückreichende Wurzeln hat. An sozialer und politischer Kraft gewann sie aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

          Maßgeblich wurde die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948. Doch ist festzuhalten, dass dieser Akt damals keineswegs als historisches Ereignis gefeiert wurde. Es handelte sich vielmehr nur um eine von vielen Deklarationen der UN-Vollversammlung. In einer 1982 erschienenen Geschichte der Vereinten Nationen wird sie nicht einmal erwähnt. Der moralische und erst recht völkerrechtliche Aufstieg der Menschenrechte ist erst eine Entwicklung der jüngsten Geschichte. Die den Naturrechtsdiskurs verdrängende Anerkennung der Menschenrechtsdoktrin in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) setzte dabei einen nachhaltigen Impuls.

          Weitere Themen

          Der deutsche Wald ist krank Video-Seite öffnen

          Politik in Sorge : Der deutsche Wald ist krank

          „Unsere Wälder sind krank“, sorgt sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bei der Vorstellung des Waldzustandsberichtes 2020. Die aktuellen Zahlen gehören zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebung im Jahr 1984.

          Topmeldungen

          Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr, und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), bei einer Pressekonferenz im März 2020

          Kramp-Karrenbauer zum KSK : „Generalinspekteur Zorn hat Fehler gemacht“

          In der jüngsten Debatte über das KSK gesteht die Verteidigungsministerin Fehler ihres Generalinspekteurs ein. Der habe das Parlament nicht ausreichend informiert. Berichte über eine Ablösung von Kommandeur Kreitmayr weist sie als „Fake News“ zurück.
          Olaf Scholz im Willy-Brandt-Haus

          Finanzpolitik : Scholz will höhere Steuern für Besserverdienende

          Der Bundesfinanzminister will mittlere und untere Einkommen entlasten. Die derzeitige Finanzpolitik mit hohen, kreditfinanzierten Ausgaben zur Bekämpfung der Corona-Krise will er fortsetzen: „Da gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern“, so Scholz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.