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Vor Corona : Die Welt von gestern

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Bild: Picture-Alliance

Die Migration wurde im 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen. Mit der Eisenbahn und dem Dampfschiff konnten plötzlich Hunderttausende über weite Strecken transportiert werden. Ein Essay aus dem Jahr 2016.

          12 Min.

          Wie schön war doch die Welt, als es für Reisende noch keine wirklichen Grenzen gab, keine Auffanglager für Migranten, keine Reisepässe, keine Fingerabdrücke. „Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte“, hielt Stefan Zweig in seinen nostalgischen Betrachtungen über „Die Welt von Gestern“ fest. Vor gut hundert Jahren, so schreibt er unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs, habe es noch keine Grenzen gegeben, die mehr gewesen wären „als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt wie den Meridian in Greenwich“. Die schöne, heile Welt sei erst nach 1914 zerschlagen worden. Der angesehene und wohlhabende Schriftsteller spricht dann von dem „ungeheuren Rückfall, in den die Welt seit dem Ersten Weltkrieg geraten ist“, und vom Ende kosmopolitischer Hoffnungen. „Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus“, resümiert Zweig, erst danach begann der „Fremdenhass oder zumindest die Fremdenangst“.

          Zweigs Erfahrung war freilich kaum repräsentativ. Für ihn als gebildeten weißen Mann aus Westeuropa galten andere Bedingungen als für chinesische „Kulis“, für Wanderarbeiter auf den javanischen Plantagen und in den Minen in Südafrika oder für polnische Saisonarbeiter im preußischen Osten. Zweigs Eindruck von der Grenzenlosigkeit der Mobilität – „man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden“ – war immer schon Fiktion.

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          In mancher Hinsicht steht auch die gegenwärtige Migrationserfahrung in dieser romantisierenden Tradition. Es lohnt sich daher, die heutigen Migrationsbewegungen, die in Europa ankommen und für aufgeheizte öffentliche Debatten sorgen, historisch einzuordnen. Wie stellt sich die Bevölkerungsbewegung des Jahres 2015 im größeren geschichtlichen Zusammenhang dar? Und kann eine historische Perspektive dazu beitragen, die Gegenwart zu verstehen?

          Professor Dr. Sebastian Conrad lehrt Geschichte an der Freien Universität Berlin.

          Mobilität ist kein neues Phänomen; es ist so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Gesellschaften waren nie statisch; Bewegung über große und kleine Grenzen hinweg gehörte stets zum Alltag vieler Menschen, auch wenn sie in Deutschland gegenwärtig als Ausnahmezustand, als Notlage interpretiert wird. Saisonbedingte Arbeitsmöglichkeiten, aber auch Hungersnöte oder Kriege haben Menschen dazu gebracht, Heimat und Herkunftsregion zu verlassen: einzelne Ereignisse wie Kriege oder ökologische Katastrophen konnten große Flüchtlingswellen in Gang bringen.

          Das moderne Migrations- und Grenzregime ist ein Produkt des späten 19. Jahrhunderts. Die Revolution auf dem Feld der Infrastruktur und der Transportmittel ließ die Wanderungsbewegungen seit etwa 1840 in ungeahnte Größenordnungen steigen. Eisenbahn und vor allem das Dampfschiff machten es möglich, Hunderttausende über weite Strecken, ja selbst über Ozeane hinweg zu bewegen. Die Industrialisierung der Verkehrsmittel ließ Migration zu dem Massenphänomen werden, das es heute noch ist.

          In der deutschen und europäischen Erinnerung hat diese Epoche einen festen Platz. Es ist die Zeit der Auswanderung und der Etablierung „neuer Europas“ in den Amerikas. Die deutschen Staaten waren daran nicht unbeteiligt. Im Zuge des Massenexodus verließen bis zum Ersten Weltkrieg mehr als sechs Millionen Menschen die deutschen Staaten und wanderten aus. Viele zog es über den Atlantik in die Vereinigten Staaten, aber auch nach Brasilien oder Chile. Sie waren Teil einer europäischen Wanderungsbewegung, die – mit der bemerkenswerten Ausnahme Frankreichs – fast alle europäischen Staaten erfasste. Einige Länder, allen voran Irland und Schweden, verloren beinahe die Hälfte ihrer Bevölkerung. Insgesamt wanderten aus Europa in dem Jahrhundert zwischen 1824 und 1924 rund 60 Millionen Menschen nach Nord- und Südamerika aus.

          Millionen Menschen verließen ihre Heimat

          Fast überall standen die sozialen Verwerfungen der Industrialisierungsepoche im Hintergrund: die Bevölkerung wuchs, die Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft wurden weniger, das Elend auf dem Land nahm zu. Zugleich waren die Wanderungsbewegungen das Ergebnis von Hunderten, ja von Millionen Einzelentscheidungen und familiären Strategien. Die allermeisten Auswanderer waren Menschen, die wirtschaftlichen Notlagen entkommen wollten und vieles aufs Spiel setzten, um sich und ihren Familien einen Neuanfang zu ermöglichen.

          Die transatlantische Auswanderung ist in der Öffentlichkeit einer der großen Referenzpunkte geblieben und zu einem europäischen Erinnerungsort geworden. In Ländern wie Irland oder Italien ist sie zu einem nationalen Mythos geronnen. Auch in Deutschland wird die Geschichte der Auswanderung häufig mit der transatlantischen Migration gleichgesetzt. Mit der gegenwärtigen Situation scheint sie hingegen nicht viel zu tun zu haben. Wer dennoch nach Parallelen und Vorläufern der heutigen Einwanderungsdebatte sucht, der wird eher auf die Erfahrung mit „Vertriebenen“ und „Aussiedlern“ verweisen wollen. Dessen ungeachtet kann man sagen, dass das moderne Migrationsregime im späten 19. Jahrhundert seinen Ausgang nahm. In vielerlei Hinsicht stehen auch die rechtliche Ausgestaltung und die ideologische Verankerung in dieser Tradition.

          Vier Aspekte kennzeichnen dieses Regime. Erstens war – anders als häufig angenommen – die Explosion der Mobilität im 19. Jahrhundert nicht nur ein europäisches beziehungsweise ein transatlantisches Phänomen. Die Auswanderung aus Europa war Teil einer globalen Migrationsbewegung. So verließen 30, vielleicht aber auch 45 Millionen Menschen zwischen 1834 und 1937 den indischen Subkontinent, vor allem in Richtung Südostasien, aber auch nach Afrika. Nahezu 50 Millionen Menschen zog es in dieser Zeit aus Russland und Nordostasien nach Sibirien und in die Mandschurei; mehr als 19 Millionen Chinesen wanderten nach Südostasien aus. Der Fokus auf Europa oder gar auf Deutschland verdeckt mithin die enormen Größenordnungen und die globalen Strukturen einschließlich transnationaler Arbeitsmärkte, innerhalb deren sich Mobilität seit dem 19. Jahrhundert vollzog.

          Ein winziger Teil der globalen Fluchtbewegungen

          Für das 20. Jahrhundert ist der Fokus auf Europa noch irreführender. Selbst die immensen europäischen Fluchtbewegungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg sind nicht mit den Flüchtlingszahlen in Palästina, Pakistan und Indien sowie vor allem in China vergleichbar: Dort waren allein während des Zweiten Weltkriegs etwa 90 Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht. In der Gegenwart sind die Proportionen ähnlich. Ende 2014 lebten weltweit mehr als 60 Millionen Menschen zwangsweise von ihrem Wohnort entfernt. Die Flüchtenden, die in Europa ankommen, sind nur ein winziger Teil der globalen Fluchtbewegungen.

          Der vergleichende Blick auf die weltgeschichtlichen Dimensionen der Migration relativiert also die üblichen Deutungsmuster. Eine globale Perspektive stellt aber nicht nur ein geographisches Korrektiv dar. Migrationsbewegungen in Afrika, Asien, Europa und den Amerikas fanden im frühen 20. Jahrhundert nicht nur gleichzeitig statt, sondern waren – wie heute – strukturell oft miteinander verbunden. Blendet man diese globalen Ursachenketten aus, dann müssen die Mobilitätsformen beinahe als Naturereignisse erscheinen, die plötzlich und unvermittelt über Gesellschaften hereinbrechen – und mithin als die „Wellen“, „Ströme“ oder „Fluten“, die gegenwärtig wieder die öffentliche Debatte dominieren. Dagegen lässt sich die Syrien-Krise als eine beschreiben, deren Ursachen mindestens bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückreichen, als die westlichen Mächte nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs die Grenzen zogen und dabei ihre Einflusszonen sicherten. Während 2014 in den westeuropäischen Feuilletons in der 100-Jahre-Weltkriegs-Euphorie immer wieder der Kriegsausbruch und das Hin und Her der Juli-Krise biedermeierlich nachgespielt wurden, blieben strukturelle Eingriffe in das globale Gefüge wie diese, deren Wirkungen immer noch wirksam sind, weitgehend unbeachtet.

          Verbindungen zur Herkunftsregion wurden aufrechterhalten

          Zweitens: Im 19. Jahrhundert gingen viele Zeitgenossen davon aus, dass Auswanderung etwas Endgültiges sei, eine dauerhafte Verpflanzung an einen anderen Ort. Aus Sicht der Gralshüter des Nationenprinzips konnte es dann nur noch darum gehen, nicht in der neuen Nation aufzugehen, nicht „Völkerdünger“ zu werden, wie man damals sagte, sondern die nationale Kultur auch in der Fremde aufrechtzuerhalten, ja sogar zu einer Verjüngung der Nation in der neuen Umgebung beizutragen.

          Gleichwohl war die Vorstellung der Dauerhaftigkeit und Endgültigkeit der Migration von Beginn an eine Fiktion. Verbindungen zur Herkunftsregion wurden in der Regel aufrechterhalten durch regelmäßigen Briefverkehr etwa oder durch die Geldüberweisungen (remittances) in die Heimat; ganze Volkswirtschaften lebten davon. Viele Menschen verließen ihre Heimat auch nur für eine bestimmte Zeit. Die sogenannten golondrinas (Schwalben) beispielsweise waren saisonale Wanderarbeiter aus Spanien und Italien, die Unterschiede der Klimazonen nutzten und nach dem Ende des europäischen Sommers nach Südamerika reisten, um in Argentinien, wo der Sommer gerade begann, noch einmal Erntearbeit zu verrichten. Generell galt, dass viele Auswanderer nicht an einem Ort blieben, sondern weiterzogen. Außerdem kehrten sie häufiger, als man lange angenommen hat, zurück. Die Quote der Rückwanderer lag bei fast 30 Prozent – wobei auch die Rückwanderungen häufig zeitlich begrenzt waren. Für sehr viele Biographien stimmte schon im 19. Jahrhundert der Begriff des „Einwanderers“ nicht mit der sozialen Realität überein. Menschen waren in Bewegung, und diese Bewegung war für viele Alltag; der Begriff „Einwanderer“ hingegen suggeriert einen statischen Normalzustand, der lediglich für kurze Zeit transporthalber unterbrochen wurde.

          Deutsche Auswanderer auf einem Schiff nach Amerika, undatiert

          Drittens wurde Mobilität im 19. Jahrhundert nationalisiert. Lange Zeit hatten sich die Regierungen wie auch die Öffentlichkeit wenig um die Menschen gekümmert, die das Land verließen. Im Gegenteil: Die Auswanderung erfüllte eine soziale Funktion. Sie diente als Sicherheitsventil, das in Zeiten wirtschaftlicher Not geöffnet werden konnte. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde aus der willkommenen Ausweichmöglichkeit ein Problem. Die Migration wurde nationalisiert – obwohl es sich ja um ein dezidiert transnationales Phänomen handelte.

          Dabei ist es geblieben: Wenn heute von Migration die Rede ist, ist in der Regel eine Wanderungsbewegung über nationale Grenzen hinweg gemeint. Auf diese Weise gilt jede Bewegung über die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten als Migration, während das für sehr viel längere Reisen innerhalb beider Länder kaum der Fall ist. Der gesamte Migrationsdiskurs beruht seit dem 19. Jahrhundert auf dem Unterschied zwischen alltäglichen Formen der Mobilität, häufig über große Distanzen hinweg, und dem Schritt über staatliche Grenzen, der dann erst als Migration in den politischen Blick gerät.

          Eng mit der Nationalisierung verbunden war das periodische Bemühen um Abgrenzung, um Abschließung, um Exklusion. Auch hier lohnt es sich, breit und vergleichend zu schauen. Denn so national die Kampagnen für eine Schließung der Grenzen jeweils daherkamen, so sehr waren sie zugleich Teil nationenübergreifender Konjunkturen. Etwas vereinfachend kann man drei Momente identifizieren, in denen die Abschließungspolitik sich verdichtete: In den 1880er Jahren begannen die europäischen Siedlerkolonien in Nordamerika, Australien und Südafrika damit, ethnische Kriterien für die Einreise aufzustellen. Die zweite Welle von Migrationsbeschränkungen wurde während des Ersten Weltkriegs erlassen, als in verschiedenen europäischen Ländern die Passpflicht eingeführt und grenzüberschreitende Mobilität erheblich erschwert wurde. Die dritte Konjunktur fiel in die 1950er und 1960er Jahre, als erstmals Migranten aus den Kolonien in großer Zahl nach Europa gelangten.

          Beschränkungen aus rassistischen Gründen

          Die Abgrenzungsstrategien waren jedoch kein Effekt, der automatisch eintrat, etwa dann, sobald Belastungsgrenzen erreicht wurden. Im Gegenteil: In den seltensten Fällen war die Abgrenzungspolitik eine Reaktion auf Zahlen und Quantitäten. Stattdessen waren Forderungen nach Abschottung eingelassen in die rassistische Ordnung der Zeit. Die Vereinigten Staaten hatten Millionen Europäer aufgenommen, bevor in den 1880er Jahren eine vergleichsweise kleine Zahl chinesischer Arbeiter zum Anlass genommen wurde, rigide Exklusionsgesetze zu verabschieden.

          Auch in der Nachkriegszeit führte nicht die Zahl der Migranten, sondern deren Herkunft zur Schließung der Grenzen. Erstmals kam nun eine größere Anzahl von Menschen aus den Kolonien nach Europa. Die europäische Erfahrung mit Einwanderung ist mithin noch nicht sehr lang – und eine wirkliche Einwanderungspolitik haben die europäischen Staaten oder später die Europäische Union auch nie betrieben. Wer in den 1950er Jahren aus den Kolonien nach Frankreich oder Großbritannien kam, war juristisch gesehen kein Einwanderer, denn koloniale Migration galt als Binnenwanderung. Das Commonwealth operierte wie eine ins Globale erweiterte Schengen-Zone. Noch Anfang der 1960er Jahre pries die „Times of London“ die grundsätzliche Offenheit des britischen Commonwealth als „die größte Anstrengung, eine multikulturelle Gesellschaft umzusetzen, die die Welt bislang gesehen hat. Multikulturalismus ist für die Menschheit der einzige Weg nach vorn auf ihrem Weg zu universalem Frieden, und im Weltmaßstab betrachtet auch der einzige Bereich, in dem Großbritannien noch die Führung innehat.“ Nur wenige Jahre später machten die selbsterklärten Weltmeister des Multikulturalismus die Schotten dicht. Als Mobilität nicht mehr nur auf dem Papier möglich war, sondern in Gestalt ungelernter Arbeiter aus Jamaika und Pakistan tatsächlich in den englischen Häfen ankam, wich das Lob der Freizügigkeit einer rigiden Grenzkontrolle, wurde aus einer offenen eine eingemauerte Gesellschaft.

          Ausgewandert nach Argentinien: Fotografien aus Briefsendungen in der Forschungsbibliothek im Schloss Friedenstein in Gotha

          Viertens schließlich und eng damit verbunden: Das moderne Migrationsregime ist von einer Dialektik von Freiheit und Kontrolle gekennzeichnet, von der gleichzeitigen Herausbildung des „freien Migranten“ und einer minutiösen Kontrolle von Grenzen und Körpern. Die eine Seite der Medaille war das System der Sicherung und Kontrolle von Grenzen, ergänzt durch ein Regime der Reisepässe und biometrischer Verfahren. Diese Befestigung und Aufrüstung der Grenzen war ein Ergebnis der globalen Migrationsbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Grenzposten wurden errichtet, Identitäten ermittelt, Quarantänestationen eingeführt. Die bekanntesten Transit- und Auffangstationen lagen in den Vereinigten Staaten. Allein auf Ellis Island im Hafen von New York wurden zwischen 1892 und 1954 etwa zwölf Millionen Einwanderer einer medizinisch-hygienischen Prüfung unterzogen – allerdings nur die Reisenden dritter Klasse. Ähnliche Stationen gab es in vielen anderen Ländern – auch in Deutschland übrigens. 1891 wurde in Ruhleben westlich von Berlin eine Transitzone eingerichtet, die im Lauf der Jahre dazu diente, mehr als fünf Millionen „Durchwanderer“ auf ihrem Weg nach Nordamerika zu kanalisieren, zu kontrollieren und auszusieben.

          Auf der anderen Seite stand die Idealfigur des „freien Migranten“. Dieses Modell, an dem sich bis in die Gegenwart die Migrationsdiskussion abarbeitet, ist aus der spezifischen historischen Situation der europäischen Siedlerkolonien im 19. Jahrhundert hervorgegangen. Zugleich war es Teil der imperialen Ordnung und der Epoche des Freihandels. Im Chinese Exclusion Act, der 1882 in den Vereinigten Staaten verabschiedet wurde, ging es in erster Linie darum, die Zuwanderung mittelloser Arbeiter aus Asien zu unterbinden; besonders die chinesischen „Kulis“ galten als verkappte Zwangsarbeiter, im Gegensatz zu den Bauern und Handwerkern, die sich voller Tatendrang und Aufstiegswillen aus Europa auf den Weg über den Atlantik machten.

          Migration als Teil des imperialistisch strukturierten Freihandels

          Das seit den 1880er Jahren in den Vereinigten Staaten und Australien eingeführte Grenzregime zielte darauf, die asiatische Mobilität zu unterbinden. In den Einwanderungsgesetzen wurden Migranten fortan als Einzelpersonen behandelt und individualisiert, ihre Mobilität wurde als Ausdruck ihres freien Willens verstanden. Zwar ging diese Definition an der Wirklichkeit der Migration vorbei, die (auch im Atlantik) nie gänzlich frei war und selten individuell, sondern in sozialen Zusammenhängen verlief. Aber die neuen Regelungen sollten nicht zuletzt den Einfluss von chinesischen Clans, aber auch von Schlepper- und Agentennetzwerken unterbinden. Zugleich korrespondierten sie mit der Neuordnung des Migrations- und Arbeitsregimes nach dem formalen Ende der Sklaverei – Brasilien war 1886 das letzte Land, das die Sklaverei für illegal erklärte.

          Zugleich galt „freie“ Migration als Teil des imperialistisch strukturierten Freihandels. In dieser Ordnung hatten Ausreiseverbote keinen Platz, die die Rekrutierung von Arbeitskräften unterbanden und der Ausweitung von Plantagenarbeit entgegenstanden. Unter britischem und amerikanischem Druck wurde beispielsweise die chinesische Regierung im späten 19. Jahrhundert dazu gezwungen, die Grenzen für Arbeiter zu öffnen, die auswandern wollten. Gleichzeitig erließen die Vereinigten Staaten und Australien Einreiseverbote für asiatische Migranten.

          Im Laufe der Zeit wurden die Kontrollen und Regelungen auf andere Gruppen ausgeweitet und von anderen Ländern übernommen. Dabei gerann zu abstrakten juristischen Formeln, was zunächst eine zutiefst rassistisch motivierte Ausgrenzungspraxis war. Viel davon ist geblieben. Auch heute noch prägt die Figur des „freien Migranten“ die gegenwärtige Diskussion und Praxis. Dazu gehört auch die Stigmatisierung von Ausreiseverboten, die etwa in Bezug auf die DDR oder Nordkorea als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen werden, während Einreiseverbote etwa für afrikanische Migranten als normaler Bestandteil des Migrationsregimes gelten.

          Zugangschancen hängen vom Status des Flüchtlings ab

          Dazu gehört aber auch die Trennung von erzwungener und vorgeblich freier Mobilität, an der entlang gegenwärtig Ansprüche und Rechte festgemacht und gewährt werden. Nur die Logik hat sich verkehrt: Aus dem begehrten freien Migranten des 19. Jahrhunderts ist heute der unliebsame „Wirtschaftsflüchtling“ geworden, während wiederum Zugangschancen vom Status des Flüchtlings abhängen und mithin davon, dass die Mobilität kein Element der Freiwilligkeit enthält.

          Eine historische Langzeitperspektive ist kein Allheilmittel, das konkrete Handlungsanweisungen und fertige Rezepte an die Hand gibt. Aber sie ist hilfreich, um einige der aktuellen Diskussionen in den größeren Zusammenhang zu stellen. So kann sie dazu beitragen, manche der gegenwärtigen Sorgen und Krisenszenarien zu relativieren. Selten waren Gesellschaften von Einwanderung und Migration einfach „überfordert“. In der Regel wichen Skepsis und apokalyptische Visionen schon bald einer Alltagsnormalität, in der sich Gesellschaften auch veränderten.

          Das gilt auch für die deutsche Geschichte. Im Vergleich zu fast zwölf Millionen Vertriebenen und viereinhalb Millionen (Spät-)Aussiedlern nehmen sich die gegenwärtigen Flüchtlingszahlen, zumal vor dem Hintergrund einer deutlich größeren Bevölkerung als in den 1950er Jahren, noch überschaubar aus.

          Im Rückblick wird aber auch deutlich, dass Mobilität und Migration Teil von Machtstrukturen sind, welche auch die gegenwärtige Situation und den Umgang mit ihr prägen. Das moderne Migrationsregime verdeutlicht die Langlebigkeit historischer Muster, welche immer noch Spuren ihrer Entstehungszusammenhänge in sich tragen. Migration und ihre Steuerung waren nie eine Welt für sich, wie auch das Migrationsregime nicht auf dem Feld der Migrationspolitik allein reformiert werden kann. Vielmehr ist Mobilität eingelassen in die Logik der geopolitischen Hierarchien, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sowie der rassistischen Deutungsmuster unserer nachimperialen Welt. Eine grundlegende Änderung der Praxis und rechtlichen Grundlage der Migration ist so lange unwahrscheinlich, als diese Rahmenbedingungen sich nicht mit verändern.

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