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Vor Corona : Die Welt von gestern

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Migration als Teil des imperialistisch strukturierten Freihandels

Das seit den 1880er Jahren in den Vereinigten Staaten und Australien eingeführte Grenzregime zielte darauf, die asiatische Mobilität zu unterbinden. In den Einwanderungsgesetzen wurden Migranten fortan als Einzelpersonen behandelt und individualisiert, ihre Mobilität wurde als Ausdruck ihres freien Willens verstanden. Zwar ging diese Definition an der Wirklichkeit der Migration vorbei, die (auch im Atlantik) nie gänzlich frei war und selten individuell, sondern in sozialen Zusammenhängen verlief. Aber die neuen Regelungen sollten nicht zuletzt den Einfluss von chinesischen Clans, aber auch von Schlepper- und Agentennetzwerken unterbinden. Zugleich korrespondierten sie mit der Neuordnung des Migrations- und Arbeitsregimes nach dem formalen Ende der Sklaverei – Brasilien war 1886 das letzte Land, das die Sklaverei für illegal erklärte.

Zugleich galt „freie“ Migration als Teil des imperialistisch strukturierten Freihandels. In dieser Ordnung hatten Ausreiseverbote keinen Platz, die die Rekrutierung von Arbeitskräften unterbanden und der Ausweitung von Plantagenarbeit entgegenstanden. Unter britischem und amerikanischem Druck wurde beispielsweise die chinesische Regierung im späten 19. Jahrhundert dazu gezwungen, die Grenzen für Arbeiter zu öffnen, die auswandern wollten. Gleichzeitig erließen die Vereinigten Staaten und Australien Einreiseverbote für asiatische Migranten.

Im Laufe der Zeit wurden die Kontrollen und Regelungen auf andere Gruppen ausgeweitet und von anderen Ländern übernommen. Dabei gerann zu abstrakten juristischen Formeln, was zunächst eine zutiefst rassistisch motivierte Ausgrenzungspraxis war. Viel davon ist geblieben. Auch heute noch prägt die Figur des „freien Migranten“ die gegenwärtige Diskussion und Praxis. Dazu gehört auch die Stigmatisierung von Ausreiseverboten, die etwa in Bezug auf die DDR oder Nordkorea als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen werden, während Einreiseverbote etwa für afrikanische Migranten als normaler Bestandteil des Migrationsregimes gelten.

Zugangschancen hängen vom Status des Flüchtlings ab

Dazu gehört aber auch die Trennung von erzwungener und vorgeblich freier Mobilität, an der entlang gegenwärtig Ansprüche und Rechte festgemacht und gewährt werden. Nur die Logik hat sich verkehrt: Aus dem begehrten freien Migranten des 19. Jahrhunderts ist heute der unliebsame „Wirtschaftsflüchtling“ geworden, während wiederum Zugangschancen vom Status des Flüchtlings abhängen und mithin davon, dass die Mobilität kein Element der Freiwilligkeit enthält.

Eine historische Langzeitperspektive ist kein Allheilmittel, das konkrete Handlungsanweisungen und fertige Rezepte an die Hand gibt. Aber sie ist hilfreich, um einige der aktuellen Diskussionen in den größeren Zusammenhang zu stellen. So kann sie dazu beitragen, manche der gegenwärtigen Sorgen und Krisenszenarien zu relativieren. Selten waren Gesellschaften von Einwanderung und Migration einfach „überfordert“. In der Regel wichen Skepsis und apokalyptische Visionen schon bald einer Alltagsnormalität, in der sich Gesellschaften auch veränderten.

Das gilt auch für die deutsche Geschichte. Im Vergleich zu fast zwölf Millionen Vertriebenen und viereinhalb Millionen (Spät-)Aussiedlern nehmen sich die gegenwärtigen Flüchtlingszahlen, zumal vor dem Hintergrund einer deutlich größeren Bevölkerung als in den 1950er Jahren, noch überschaubar aus.

Im Rückblick wird aber auch deutlich, dass Mobilität und Migration Teil von Machtstrukturen sind, welche auch die gegenwärtige Situation und den Umgang mit ihr prägen. Das moderne Migrationsregime verdeutlicht die Langlebigkeit historischer Muster, welche immer noch Spuren ihrer Entstehungszusammenhänge in sich tragen. Migration und ihre Steuerung waren nie eine Welt für sich, wie auch das Migrationsregime nicht auf dem Feld der Migrationspolitik allein reformiert werden kann. Vielmehr ist Mobilität eingelassen in die Logik der geopolitischen Hierarchien, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sowie der rassistischen Deutungsmuster unserer nachimperialen Welt. Eine grundlegende Änderung der Praxis und rechtlichen Grundlage der Migration ist so lange unwahrscheinlich, als diese Rahmenbedingungen sich nicht mit verändern.

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