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Vor Corona : Die Welt von gestern

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Auch in der Nachkriegszeit führte nicht die Zahl der Migranten, sondern deren Herkunft zur Schließung der Grenzen. Erstmals kam nun eine größere Anzahl von Menschen aus den Kolonien nach Europa. Die europäische Erfahrung mit Einwanderung ist mithin noch nicht sehr lang – und eine wirkliche Einwanderungspolitik haben die europäischen Staaten oder später die Europäische Union auch nie betrieben. Wer in den 1950er Jahren aus den Kolonien nach Frankreich oder Großbritannien kam, war juristisch gesehen kein Einwanderer, denn koloniale Migration galt als Binnenwanderung. Das Commonwealth operierte wie eine ins Globale erweiterte Schengen-Zone. Noch Anfang der 1960er Jahre pries die „Times of London“ die grundsätzliche Offenheit des britischen Commonwealth als „die größte Anstrengung, eine multikulturelle Gesellschaft umzusetzen, die die Welt bislang gesehen hat. Multikulturalismus ist für die Menschheit der einzige Weg nach vorn auf ihrem Weg zu universalem Frieden, und im Weltmaßstab betrachtet auch der einzige Bereich, in dem Großbritannien noch die Führung innehat.“ Nur wenige Jahre später machten die selbsterklärten Weltmeister des Multikulturalismus die Schotten dicht. Als Mobilität nicht mehr nur auf dem Papier möglich war, sondern in Gestalt ungelernter Arbeiter aus Jamaika und Pakistan tatsächlich in den englischen Häfen ankam, wich das Lob der Freizügigkeit einer rigiden Grenzkontrolle, wurde aus einer offenen eine eingemauerte Gesellschaft.

Ausgewandert nach Argentinien: Fotografien aus Briefsendungen in der Forschungsbibliothek im Schloss Friedenstein in Gotha

Viertens schließlich und eng damit verbunden: Das moderne Migrationsregime ist von einer Dialektik von Freiheit und Kontrolle gekennzeichnet, von der gleichzeitigen Herausbildung des „freien Migranten“ und einer minutiösen Kontrolle von Grenzen und Körpern. Die eine Seite der Medaille war das System der Sicherung und Kontrolle von Grenzen, ergänzt durch ein Regime der Reisepässe und biometrischer Verfahren. Diese Befestigung und Aufrüstung der Grenzen war ein Ergebnis der globalen Migrationsbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Grenzposten wurden errichtet, Identitäten ermittelt, Quarantänestationen eingeführt. Die bekanntesten Transit- und Auffangstationen lagen in den Vereinigten Staaten. Allein auf Ellis Island im Hafen von New York wurden zwischen 1892 und 1954 etwa zwölf Millionen Einwanderer einer medizinisch-hygienischen Prüfung unterzogen – allerdings nur die Reisenden dritter Klasse. Ähnliche Stationen gab es in vielen anderen Ländern – auch in Deutschland übrigens. 1891 wurde in Ruhleben westlich von Berlin eine Transitzone eingerichtet, die im Lauf der Jahre dazu diente, mehr als fünf Millionen „Durchwanderer“ auf ihrem Weg nach Nordamerika zu kanalisieren, zu kontrollieren und auszusieben.

Auf der anderen Seite stand die Idealfigur des „freien Migranten“. Dieses Modell, an dem sich bis in die Gegenwart die Migrationsdiskussion abarbeitet, ist aus der spezifischen historischen Situation der europäischen Siedlerkolonien im 19. Jahrhundert hervorgegangen. Zugleich war es Teil der imperialen Ordnung und der Epoche des Freihandels. Im Chinese Exclusion Act, der 1882 in den Vereinigten Staaten verabschiedet wurde, ging es in erster Linie darum, die Zuwanderung mittelloser Arbeiter aus Asien zu unterbinden; besonders die chinesischen „Kulis“ galten als verkappte Zwangsarbeiter, im Gegensatz zu den Bauern und Handwerkern, die sich voller Tatendrang und Aufstiegswillen aus Europa auf den Weg über den Atlantik machten.

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