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Vor Corona : Die Welt von gestern

  • -Aktualisiert am
Deutsche Auswanderer auf einem Schiff nach Amerika, undatiert

Drittens wurde Mobilität im 19. Jahrhundert nationalisiert. Lange Zeit hatten sich die Regierungen wie auch die Öffentlichkeit wenig um die Menschen gekümmert, die das Land verließen. Im Gegenteil: Die Auswanderung erfüllte eine soziale Funktion. Sie diente als Sicherheitsventil, das in Zeiten wirtschaftlicher Not geöffnet werden konnte. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde aus der willkommenen Ausweichmöglichkeit ein Problem. Die Migration wurde nationalisiert – obwohl es sich ja um ein dezidiert transnationales Phänomen handelte.

Dabei ist es geblieben: Wenn heute von Migration die Rede ist, ist in der Regel eine Wanderungsbewegung über nationale Grenzen hinweg gemeint. Auf diese Weise gilt jede Bewegung über die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten als Migration, während das für sehr viel längere Reisen innerhalb beider Länder kaum der Fall ist. Der gesamte Migrationsdiskurs beruht seit dem 19. Jahrhundert auf dem Unterschied zwischen alltäglichen Formen der Mobilität, häufig über große Distanzen hinweg, und dem Schritt über staatliche Grenzen, der dann erst als Migration in den politischen Blick gerät.

Eng mit der Nationalisierung verbunden war das periodische Bemühen um Abgrenzung, um Abschließung, um Exklusion. Auch hier lohnt es sich, breit und vergleichend zu schauen. Denn so national die Kampagnen für eine Schließung der Grenzen jeweils daherkamen, so sehr waren sie zugleich Teil nationenübergreifender Konjunkturen. Etwas vereinfachend kann man drei Momente identifizieren, in denen die Abschließungspolitik sich verdichtete: In den 1880er Jahren begannen die europäischen Siedlerkolonien in Nordamerika, Australien und Südafrika damit, ethnische Kriterien für die Einreise aufzustellen. Die zweite Welle von Migrationsbeschränkungen wurde während des Ersten Weltkriegs erlassen, als in verschiedenen europäischen Ländern die Passpflicht eingeführt und grenzüberschreitende Mobilität erheblich erschwert wurde. Die dritte Konjunktur fiel in die 1950er und 1960er Jahre, als erstmals Migranten aus den Kolonien in großer Zahl nach Europa gelangten.

Beschränkungen aus rassistischen Gründen

Die Abgrenzungsstrategien waren jedoch kein Effekt, der automatisch eintrat, etwa dann, sobald Belastungsgrenzen erreicht wurden. Im Gegenteil: In den seltensten Fällen war die Abgrenzungspolitik eine Reaktion auf Zahlen und Quantitäten. Stattdessen waren Forderungen nach Abschottung eingelassen in die rassistische Ordnung der Zeit. Die Vereinigten Staaten hatten Millionen Europäer aufgenommen, bevor in den 1880er Jahren eine vergleichsweise kleine Zahl chinesischer Arbeiter zum Anlass genommen wurde, rigide Exklusionsgesetze zu verabschieden.

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