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Vor Corona : Die Welt von gestern

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Ein winziger Teil der globalen Fluchtbewegungen

Für das 20. Jahrhundert ist der Fokus auf Europa noch irreführender. Selbst die immensen europäischen Fluchtbewegungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg sind nicht mit den Flüchtlingszahlen in Palästina, Pakistan und Indien sowie vor allem in China vergleichbar: Dort waren allein während des Zweiten Weltkriegs etwa 90 Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht. In der Gegenwart sind die Proportionen ähnlich. Ende 2014 lebten weltweit mehr als 60 Millionen Menschen zwangsweise von ihrem Wohnort entfernt. Die Flüchtenden, die in Europa ankommen, sind nur ein winziger Teil der globalen Fluchtbewegungen.

Der vergleichende Blick auf die weltgeschichtlichen Dimensionen der Migration relativiert also die üblichen Deutungsmuster. Eine globale Perspektive stellt aber nicht nur ein geographisches Korrektiv dar. Migrationsbewegungen in Afrika, Asien, Europa und den Amerikas fanden im frühen 20. Jahrhundert nicht nur gleichzeitig statt, sondern waren – wie heute – strukturell oft miteinander verbunden. Blendet man diese globalen Ursachenketten aus, dann müssen die Mobilitätsformen beinahe als Naturereignisse erscheinen, die plötzlich und unvermittelt über Gesellschaften hereinbrechen – und mithin als die „Wellen“, „Ströme“ oder „Fluten“, die gegenwärtig wieder die öffentliche Debatte dominieren. Dagegen lässt sich die Syrien-Krise als eine beschreiben, deren Ursachen mindestens bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückreichen, als die westlichen Mächte nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs die Grenzen zogen und dabei ihre Einflusszonen sicherten. Während 2014 in den westeuropäischen Feuilletons in der 100-Jahre-Weltkriegs-Euphorie immer wieder der Kriegsausbruch und das Hin und Her der Juli-Krise biedermeierlich nachgespielt wurden, blieben strukturelle Eingriffe in das globale Gefüge wie diese, deren Wirkungen immer noch wirksam sind, weitgehend unbeachtet.

Verbindungen zur Herkunftsregion wurden aufrechterhalten

Zweitens: Im 19. Jahrhundert gingen viele Zeitgenossen davon aus, dass Auswanderung etwas Endgültiges sei, eine dauerhafte Verpflanzung an einen anderen Ort. Aus Sicht der Gralshüter des Nationenprinzips konnte es dann nur noch darum gehen, nicht in der neuen Nation aufzugehen, nicht „Völkerdünger“ zu werden, wie man damals sagte, sondern die nationale Kultur auch in der Fremde aufrechtzuerhalten, ja sogar zu einer Verjüngung der Nation in der neuen Umgebung beizutragen.

Gleichwohl war die Vorstellung der Dauerhaftigkeit und Endgültigkeit der Migration von Beginn an eine Fiktion. Verbindungen zur Herkunftsregion wurden in der Regel aufrechterhalten durch regelmäßigen Briefverkehr etwa oder durch die Geldüberweisungen (remittances) in die Heimat; ganze Volkswirtschaften lebten davon. Viele Menschen verließen ihre Heimat auch nur für eine bestimmte Zeit. Die sogenannten golondrinas (Schwalben) beispielsweise waren saisonale Wanderarbeiter aus Spanien und Italien, die Unterschiede der Klimazonen nutzten und nach dem Ende des europäischen Sommers nach Südamerika reisten, um in Argentinien, wo der Sommer gerade begann, noch einmal Erntearbeit zu verrichten. Generell galt, dass viele Auswanderer nicht an einem Ort blieben, sondern weiterzogen. Außerdem kehrten sie häufiger, als man lange angenommen hat, zurück. Die Quote der Rückwanderer lag bei fast 30 Prozent – wobei auch die Rückwanderungen häufig zeitlich begrenzt waren. Für sehr viele Biographien stimmte schon im 19. Jahrhundert der Begriff des „Einwanderers“ nicht mit der sozialen Realität überein. Menschen waren in Bewegung, und diese Bewegung war für viele Alltag; der Begriff „Einwanderer“ hingegen suggeriert einen statischen Normalzustand, der lediglich für kurze Zeit transporthalber unterbrochen wurde.

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