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Vor Corona : Die Welt von gestern

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In der deutschen und europäischen Erinnerung hat diese Epoche einen festen Platz. Es ist die Zeit der Auswanderung und der Etablierung „neuer Europas“ in den Amerikas. Die deutschen Staaten waren daran nicht unbeteiligt. Im Zuge des Massenexodus verließen bis zum Ersten Weltkrieg mehr als sechs Millionen Menschen die deutschen Staaten und wanderten aus. Viele zog es über den Atlantik in die Vereinigten Staaten, aber auch nach Brasilien oder Chile. Sie waren Teil einer europäischen Wanderungsbewegung, die – mit der bemerkenswerten Ausnahme Frankreichs – fast alle europäischen Staaten erfasste. Einige Länder, allen voran Irland und Schweden, verloren beinahe die Hälfte ihrer Bevölkerung. Insgesamt wanderten aus Europa in dem Jahrhundert zwischen 1824 und 1924 rund 60 Millionen Menschen nach Nord- und Südamerika aus.

Millionen Menschen verließen ihre Heimat

Fast überall standen die sozialen Verwerfungen der Industrialisierungsepoche im Hintergrund: die Bevölkerung wuchs, die Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft wurden weniger, das Elend auf dem Land nahm zu. Zugleich waren die Wanderungsbewegungen das Ergebnis von Hunderten, ja von Millionen Einzelentscheidungen und familiären Strategien. Die allermeisten Auswanderer waren Menschen, die wirtschaftlichen Notlagen entkommen wollten und vieles aufs Spiel setzten, um sich und ihren Familien einen Neuanfang zu ermöglichen.

Die transatlantische Auswanderung ist in der Öffentlichkeit einer der großen Referenzpunkte geblieben und zu einem europäischen Erinnerungsort geworden. In Ländern wie Irland oder Italien ist sie zu einem nationalen Mythos geronnen. Auch in Deutschland wird die Geschichte der Auswanderung häufig mit der transatlantischen Migration gleichgesetzt. Mit der gegenwärtigen Situation scheint sie hingegen nicht viel zu tun zu haben. Wer dennoch nach Parallelen und Vorläufern der heutigen Einwanderungsdebatte sucht, der wird eher auf die Erfahrung mit „Vertriebenen“ und „Aussiedlern“ verweisen wollen. Dessen ungeachtet kann man sagen, dass das moderne Migrationsregime im späten 19. Jahrhundert seinen Ausgang nahm. In vielerlei Hinsicht stehen auch die rechtliche Ausgestaltung und die ideologische Verankerung in dieser Tradition.

Vier Aspekte kennzeichnen dieses Regime. Erstens war – anders als häufig angenommen – die Explosion der Mobilität im 19. Jahrhundert nicht nur ein europäisches beziehungsweise ein transatlantisches Phänomen. Die Auswanderung aus Europa war Teil einer globalen Migrationsbewegung. So verließen 30, vielleicht aber auch 45 Millionen Menschen zwischen 1834 und 1937 den indischen Subkontinent, vor allem in Richtung Südostasien, aber auch nach Afrika. Nahezu 50 Millionen Menschen zog es in dieser Zeit aus Russland und Nordostasien nach Sibirien und in die Mandschurei; mehr als 19 Millionen Chinesen wanderten nach Südostasien aus. Der Fokus auf Europa oder gar auf Deutschland verdeckt mithin die enormen Größenordnungen und die globalen Strukturen einschließlich transnationaler Arbeitsmärkte, innerhalb deren sich Mobilität seit dem 19. Jahrhundert vollzog.

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