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Vor 70 Jahren : 70 Jahre Nato: Das Ende der „Großen Illusion“

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Bild: Picture-Alliance

Er war Journalist, Politiker, Bestsellerautor und hatte 1933 den Friedensnobelpreis erhalten. Als nach dem Zweiten Weltkrieg eine Verteidigungsgemeinschaft der westlichen Demokratien gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion gegründet wurde, war Sir Norman Angells lebenslange Suche nach einem Rezept zur Überwindung von Kriegen am Ziel.

          Am 4. April 1949 trafen die Außenminister der Vereinigten Staaten, Kanadas und zehn westeuropäischer Staaten in Washington zusammen, um einen Verteidigungspakt zu unterzeichnen. Kaum vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verpflichteten sich die Vereinigten Staaten zum militärischen Schutz Westeuropas – isolationistische Versuchungen hatten nicht verfangen können. Dennoch waren sich nicht alle zeitgenössischen Beobachter der historischen Tragweite dieser Entscheidung bewusst. Die „Washington Post“ unkte, die Unterzeichnungszeremonie sei „vermutlich spektakulärer als ihr Anlass“. Andere Beobachter hatten indes verstanden, dass der neue transatlantische Verteidigungspakt weit mehr war als ein Beistandsversprechen auf einem Stück Papier. Der italienische Außenminister Carlo Graf Sforza, der sich einst geweigert hatte, für Mussolini zu arbeiten, verglich den Washingtoner Vertrag mit der englischen Magna Charta, die er als „permanente Schöpfung“ beschrieb. Die wohl beste Charakterisierung des neuen Pakts gelang jedoch dem politischen Kommentator Walter Lippmann. Der Pakt, so schrieb der Amerikaner wenige Tage später, beschreibe eine Interessengemeinschaft, die viel älter sei als der Konflikt mit der Sowjetunion, und diesen Konflikt folglich auch überdauern werde.

          Der Pakt hatte noch einen weiteren prominenten Befürworter: Sir Norman Angell (1872–1967), Journalist, Friedensaktivist, Politiker, Bestsellerautor und Friedensnobelpreisträger von 1933. Sein Eintreten für eine Verteidigungsgemeinschaft der westlichen Demokratien gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion markierte das Ende einer lebenslangen Suche nach einem Rezept zur Überwindung von Kriegen. Das politische Leben Angells ist daher in vielerlei Hinsicht ein Spiegel der tragischen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nachdem er Zeuge geworden war, wie exzessiver Nationalismus und totalitäre Ideologien Europa in zwei Weltkriege gestürzt hatten, musste der berühmteste Friedensaktivist der Welt erkennen, dass eine Allianz westlicher Demokratien das beste Modell war, um in einer unvollkommenen Welt den Frieden zu sichern.

          Ralph Norman Angell Lane war ein weltgewandter Brite, der mehrere Jahre in den Vereinigten Staaten und Frankreich zugebracht hatte. Den Nachnamen „Lane“ ließ der stets auf öffentliche Aufmerksamkeit bedachte Autor von 40 Büchern schon früh fallen, um fortan unter dem wohlklingenden Namen „Angell“ zu firmieren. 1909 gab er im Eigenverlag ein Pamphlet mit dem Titel „Europe’s Optical Illusion“ heraus, in dem er die Meinung vertrat, dass der moderne Krieg aufgrund der engen wirtschaftlichen Verflechtung der Nationen sinnlos geworden sei: selbst für den Sieger überstiegen die Kosten jeden vorstellbaren Nutzen. Kaum ein Jahr später erschien das erweiterte Manuskript in Buchform – und wurde ein Bestseller. „The Great Illusion“ (deutsch: Die falsche Rechnung) wurde in 15 Sprachen übersetzt und verkaufte sich zwei Millionen Mal. Zu einer Zeit, in der sich die europäischen Mächte auf einen großen Krieg vorbereiteten und der Nationalismus hohe Wellen schlug, erschienen die rationalen Argumente Angells, mit denen er den Krieg als große Illusion zu entlarven versuchte, wie ein lange ersehnter Appell an die menschliche Vernunft. Der australische Premierminister nannte „The Great Illusion“ ein „glorreiches Buch . . . prall voll mit den schönsten Aussichten für die Zukunft der zivilisierten Menschheit“. Die „Kölnische Zeitung“ schrieb, noch nie zuvor seien die finanziellen Abhängigkeiten der Nationen voneinander so präzise aufgezeigt worden. Und die „Königsberger Allgemeine Zeitung“ lobte, das Buch führe den überzeugenden Beweis, dass Eroberungskriege mit dem Ziel eines materiellen Gewinns unmöglich geworden seien.

          An allen großen Universitäten Großbritanniens bildeten sich Vereinigungen von „Angellisten“, die das von Angell angeblich beschworene Ende des Krieges propagierten. Zwar hatte Angell nie behauptet, dass Kriege unmöglich geworden seien, doch die Furcht vor dem drohenden Krieg in Europa hatte viele zeitgenössische Beobachter dazu verleitet, Angells Thesen zu überspitzen. Mehr noch. Viele gingen auch davon aus, dass die Einsicht in die Sinnlosigkeit des Krieges auch außerhalb Großbritanniens geteilt würde – eine gewagte Annahme. Vertreter der britischen Bankenvereinigung etwa hielten Angell nach einem Vortrag im Jahr 1912 entgegen, dass seine Thesen nur dann zum Weltfrieden führten, wenn alle Nationen seine Meinung bezüglich der Unrentabilität von Kriegen teilten. Gerade mit Blick auf das Deutsche Kaiserreich seien jedoch Zweifel angebracht.

          Doch für die „Angellisten“ waren die Warnungen vor dem deutschen Militarismus übertrieben. So vertrat Lord Esher, Präsident des Committee of Imperial Defence, nicht nur die Ansicht, dass der Krieg „mit jedem Tag . . . unwahrscheinlicher“ werde; er war auch überzeugt, dass selbst Deutschland „für die Doktrin Norman Angells empfänglich ist“. Angell selbst dachte ähnlich, obwohl eine Vortragsreise durch das Kaiserreich ihn im Februar 1913 eines Besseren hätte belehren müssen.

          In Göttingen beschwerten sich Burschenschaften über den Gebrauch des Englischen an einer deutschen Universität. In Berlin gab es Raufereien zwischen Befürwortern und Gegnern Angells. Dem Engländer war es zwar gelungen, sich die Aufmerksamkeit der deutschen Presse zu sichern, doch trotz guter Verkaufszahlen seines Buches blieb der Pazifismus in Deutschland – anders als in Großbritannien – auf einen kleinen Teil der politischen Elite beschränkt. Angell selbst äußerte Jahre später, dass es wohl noch mehrere Jahre intensiver Aufklärung bedurft hätte, um in Deutschland das Bewusstsein für die Vergeblichkeit eines Krieges zwischen den europäischen Mächten zu wecken.

          Natürlich stießen Angells Thesen auch auf heftigen Widerspruch. Alfred Thayer Mahan, der führende amerikanische Denker auf dem Gebiet der Seestrategie, warf Angell vor, zu materiell zu argumentieren und nichtquantifizierbare Faktoren einfach beiseitezulassen. Der Hinweis auf das fragwürdige Kosten-Nutzen-Verhältnis von Kriegen sei zwar richtig, doch Kriege entstünden nun einmal nicht allein aus kalter Kosten-Nutzen-Abwägung: „Nationen geben sich hinsichtlich der Unrentabilität von Krieg an sich keinen Illusionen hin; aber sie erkennen, dass unterschiedliche Auffassungen von richtig und falsch im internationalen Umgang miteinander Zusammenstöße hervorrufen können, gegen die Rüstung den einzigen Schutz bietet.“

          Mahan stimmte mit Angell überein, dass die Zerrüttung, die ein Krieg für das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem zur Folge hätte, auch den Sieger schwer treffen würde. Doch die bloße Anerkenntnis dieser Tatsache bedeute noch nicht das Ende des Krieges. „Ehrgeiz, Selbstachtung, Widerstreben gegen Ungerechtigkeit, Mitleid mit den Unterdrückten, Hass auf Unterdrückung“ – dies alles seien Motive genug, um den Krieg auch weiterhin nicht aus der internationalen Politik zu verdrängen. „Gefühle und Überzeugungen“ aber seien Faktoren, mit denen sich Angell, so Mahan, kaum auseinandersetze. Angells „Great Illusion“, so Mahan, sei selbst eine Illusion, weil sie auf einer „tiefgreifenden Fehlinterpretation menschlichen Handelns“ beruhe. Auch andere Kritiker hielten Angells nahezu ausschließlich wirtschaftliche Argumentation für zu eng gefasst. Wenn man Angell höre, so ein deutscher Rezensent im Jahre 1911, „so könnte man denken, der ganze Streit der Menschheit bewege sich um Aktien . . .“.

          Mit seiner Schrift hatte sich Angell gegen den in Großbritannien weitverbreiteten Fatalismus im Hinblick auf einen „unvermeidlichen“ Krieg mit Deutschland gewandt, indem er ihn mit rationalen Einwänden zu entkräften suchte. Gründe dafür gab es reichlich. Als das Kabinettsmitglied Winston Churchill 1913 an einer britischen Universität die Meinung vertrat, Sicherheit sei am besten dadurch zu erreichen, dass man stärker sei als sein Gegner, brachte ihn ein sichtlich verärgerter Norman Angell mit der Gegenfrage in Bedrängnis, ob Churchill diesen Rat auch Deutschland geben würde. Diese Episode war typisch für den eigentlich eher scheuen, aber rhetorisch brillanten Friedensaktivisten. Dass er seine spezifisch auf das britisch-deutsche Verhältnis bezogenen Argumente jedoch über Gebühr verallgemeinerte, verlieh seinen Thesen ein Maß scheinbar universaler Gültigkeit, die die eher weitschweifige Materialsammlung von „The Great Illusion“ nicht hergab. Mehr noch. Obgleich Angell nie behauptet hatte, Krieg sei unmöglich geworden, wohl aber, dass der kalkulierte Einsatz militärischer Macht kontraproduktiv und unrentabel geworden sei, machte die scheinbare Plausibilität seiner Beweisführung wie auch sein Hang zur rhetorischen Zuspitzung seiner Argumente ihn bald blind für die Realität. Im Oktober 1913 zitierte ihn die amerikanische Zeitschrift „Life“ mit den Worten: „Das Ende der militärischen Auseinandersetzung zwischen Mächten wie Frankreich und Deutschland oder Deutschland und England oder Russland und Deutschland . . . ist bereits gekommen . . . Für jeden . . . war es während der letzten sechs Monate erkennbar, dass diese großen Nationen . . . nichts dazu bewegen wird, die immensen Risiken einzugehen, die mit dem Gebrauch ihrer lächerlichen militärischen Instrumente verbunden sind, falls sie es vermeiden können . . . Das bewaffnete Europa verwendet gegenwärtig den größten Teil seiner Zeit und Energie darauf, eine Vorstellung einzustudieren, von der alle Betroffenen wissen, dass sie wahrscheinlich nie aufgeführt werden wird.“

          Wie sehr in den Reihen der britischen Liberalen ein naiver Zweckoptimismus rationale Überlegungen verdrängt hatte, wurde nicht nur in den Äußerungen Angells deutlich. Dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte, war eine Geisteshaltung, die auch in parlamentarischen Kreisen ihren Niederschlag fand. Als während der Juli-Krise 1914 ein liberaler Hinterbänkler Außenminister Edward Grey gegenüber kategorisch Großbritanniens Neutralität forderte, stellte ihm Grey die Frage, was im Falle einer deutschen Verletzung der Neutralität Belgiens zu tun sei. „Einen Moment lang“, so berichtete Grey später, hielt der Abgeordnete inne, „wie jemand, der sich in vollem Lauf mit einem unerwarteten und unvorhergesehenen Hindernis konfrontiert sieht. Dann sagte er mit Nachdruck: ,Das wird ... (Deutschland) nicht tun.‘ ,Ich sage nicht, es wird, aber angenommen, es würde.‘ ,Es wird nicht‘, antwortete er zuversichtlich.“

          Sosehr sich die Pazifisten und Internationalisten unter ihrem Wortführer Norman Angell um eine Entromantisierung des Krieges bemühten, sosehr sie sich auch gegen eine Sicht der Weltpolitik als eines darwinistischen Überlebens- und Durchsetzungskampfes wandten – die Tatsache einer Gegnerschaft der europäischen Mächte und ihrer Interessen konnten auch sie nicht leugnen.

          Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs diskreditierte den naiven Pazifismus. Ökonomische Argumente und philosophische Debatten hatten den Krieg nicht zu verhindern vermocht. Angells Stern sank dadurch jedoch nicht. Denn die unglaublichen Zerstörungen, die der Krieg hinterließ, bestätigten seine Vorhersage, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen am Ende nur Verlierer hervorbrächten. Angell blieb ein respektierter Streiter für die Völkerverständigung und für eine rationale, friedensorientierte Außenpolitik. Keines seiner späteren Bücher erreichte die Popularität von „The Great Illusion“, aber durch seine zahlreichen Aufsätze stellte Angell seine Präsenz in der internationalen Debatte sicher. Als er 1931 zum Ritter geschlagen wurde, war dies für einen seiner Mitstreiter „der erste Ritterschlag für den Pazifismus“. Angell, der bereits mit 14 Jahren von der Schule abgegangen war, sich als junger Mann in Kalifornien sogar als Cowboy verdingt hatte und trotz seiner Sprachgewandtheit zeitlebens unter dem Mangel an akademischen Weihen litt, hatte es bis an die Spitze der britischen High Society geschafft. Der „Cowboy Philosopher“ – so der Titel eines Interviews von 1936 mit dem meinungsfreudigen Autodidakten – war endgültig zum respektierten Intellektuellen geworden.

          Doch „Sir Great Illusion“, wie ihn manche Weggefährten nun ironisch-bewundernd nannten, hatte längst begonnen, einige seiner pazifistischen Argumente in Frage zu stellen. Als Angell 1933 den Friedensnobelpreis erhielt, war er ein gereifter Mann mittleren Alters, der nicht mehr allein auf die kriegsverhindernde Kraft der wirtschaftlichen Verflechtung setzen wollte. Angesichts des Aufkeimens totalitärer Ideologien galt sein Interesse nun dem Prinzip der kollektiven Sicherheit. Als führendes Mitglied der britischen League of Nations Union bemühte er sich um den Aufbau des Völkerbunds und setzte sich für das Prinzip der internationalen Streitschlichtung ein. In diesem Zusammenhang vertrat Angell unter anderem die Auffassung, dass die Ablehnung einer Schlichtung durch eine dritte Partei den Tatbestand einer Aggression erfülle, die geahndet werden müsse. Allerdings scheute Angell, wie viele seiner Zeitgenossen, vor der Forderung nach militärischen Maßnahmen zurück. Angesichts der britischen Kriegsmüdigkeit beschränkte man sich auf die Propagierung wirtschaftlicher Sanktionen – ein Fehler, wie er später eingestand, denn dadurch wurde kollektive Sicherheit als Alternative zur militärischen Sicherheitsvorsorge missverstanden.

          Der Pazifist wurde zum Internationalisten – und musste erkennen, dass seine Thesen aus „The Great Illusion“ nicht nur teilweise obsolet, sondern sogar kontraproduktiv geworden waren. Denn allzu häufig wurden seine Kernaussagen auf die schlichte Formel reduziert, dass sich Kriege nicht mehr lohnten. Damit aber, so wurde Angell zunehmend deutlich, beförderte man den Fehlschluss, der Frieden lasse sich allein dadurch sichern, dass man die Menschen über die Irrationalität von Kriegen aufklärte.

          Spätestens nach der Besetzung der Mandschurei durch Japan 1931, mit der eine neue Epoche von Eroberungskriegen zu beginnen drohte, erschienen manche von Angells früheren Thesen hoffnungslos naiv. Angell ging auch mit dem pazifistischen Dauerargument, Krieg sei eine Konsequenz des Kapitalismus, hart ins Gericht. Die Gegner von Sanktionen gegen Japans Aggression, so schrieb er 1932, seien vor allem Geschäftsleute, die um ihren einträglichen Handel mit dem asiatischen Kaiserreich fürchteten.

          Von Mitte der 30er Jahre an warnte Angell eindringlich vor der drohenden Gefahr durch Hitler-Deutschland und befürwortete die britische Aufrüstung. Seine kurz nach dem Ersten Weltkrieg vertretene Auffassung, man hätte Deutschland den Zugang zu Rohstoffen zugestehen sollen, um so einen Krieg zu vermeiden, wiederholte er nicht mehr. Konzessionen an einen potentiellen Aggressor, wie sie von den klassischen Pazifisten nach wie vor propagiert wurden, hielt er nun für verhängnisvoll. Und während er im Juli 1914 noch hastig eine „Neutralitätsliga“ ins Leben gerufen hatte, um Großbritannien aus dem Krieg herauszuhalten, stand er am Beginn des Zweiten Weltkrieges vorbehaltlos hinter der Politik seines Landes.

          Der Friedensnobelpreisträger war sich darüber im Klaren, dass Großbritannien seinen Sieg im Zweiten Weltkrieg großenteils der Unterstützung durch die Vereinigten Staaten verdankte. Der Antiamerikanismus, der sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit in der britischen Linken ausgebreitet hatte, war dem ehemaligen Labour-Abgeordneten ein Greuel. Auch der sich zur selben Zeit in den Vereinigten Staaten ausbreitende Isolationismus bereitete Angell, der auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, große Sorgen. Bereits 1917 hatte Angell auf Drängen seines amerikanischen Journalistenkollegen Walter Lippmann einen Aufsatz verfasst, in dem er Amerika zum Kriegseintritt aufforderte. Nun, nach dem Zweiten Weltkrieg, war für den überzeugten Atlantiker offensichtlich, dass man der neuen politischen und militärischen Bedrohung durch die Sowjetunion nur durch einen Zusammenschluss gleichgesinnter Demokratien begegnen konnte.

          Als 1948 die Verhandlungen über einen transatlantischen Verteidigungspakt begannen, stießen sie bei Angell auf Zustimmung. Ein solcher Pakt, so argumentierte er im Februar 1949, wenige Wochen vor der Unterzeichnung des Washingtoner Vertrages, sollte als Bollwerk gegen die sowjetische Expansionspolitik dienen. Hätte Deutschland früher gewusst, welch hohen Preis es für seine Aggressionen bezahlen würde, hätten die beiden Weltkriege vermutlich nie stattgefunden. Dasselbe, so Angell weiter, gelte auch für die Sowjetunion. Führe man Moskau vor Augen, welchen Widerstand man seiner Aggressionspolitik entgegenzusetzen bereit sei, würde auch der dritte Weltkrieg nicht stattfinden. Diese Argumentation war weit entfernt von den pazifistischen Ideen, die „The Great Illusion“ zugrunde lagen. Die immer wieder überarbeiteten Passagen für die zahlreichen Neuauflagen dieses Buches hatten jedoch bereits die Entwicklung angedeutet, die sich in Angells Auffassungen vollzog.

          Ein System der kollektiven Sicherheit, wie er es nach dem Ersten Weltkrieg propagiert hatte, blieb für Angell noch immer die beste Option. Doch so wie Deutschland in den 30er Jahren nicht in ein solches System integriert werden konnte, war es auch in den späten 40er Jahren unmöglich, die Sowjetunion in ein solches Arrangement einzubinden. So erfreut sich Angell daher auch über die Gründung der Vereinten Nationen zeigte, so bewusst war er sich auch der engen Grenzen dieser Institution. Gemeinsame Sicherheit, so der ehemals prominenteste britische Friedensaktivist, war nur zwischen gleichgesinnten Nationen zu organisieren.

          Die neue transatlantische Verteidigungsgemeinschaft, die sich im Washingtoner Vertrag vom April 1949 niederschlug und aus der bald darauf die Nato erwuchs, kam deshalb seinen Vorstellungen eines Systems der Friedenssicherung näher als alle anderen Modelle. Anders als manche seiner pazifistischen Verehrer verstand Angell auch die Logik nuklearer Abschreckung als Instrument zur Kriegsverhinderung. Denn die nukleare Revolution bedeute, dass „die Freuden des kriegerischen Nationalismus“ plötzlich „selbstmörderisch“ geworden seien. Entsprechend hart ging er mit der britischen „Campaign for Nuclear Disarmament“ ins Gericht, weil sie die Furcht vor dem atomaren Weltuntergang letztlich zugunsten einer für Angell inakzeptablen Politik der „wohlwollenden Neutralität“ gegenüber der Sowjetunion instrumentalisieren wolle.

          Es gehört zu der Tragik Norman Angells, dass er heute zwar als einer der ersten Theoretiker der modernen internationalen Beziehungen gilt, sein Name aber bis heute vielerorts mit einer Behauptung verbunden wird, die er nie aufgestellt hatte: dass der Krieg durch die wirtschaftliche Verflechtung der Nationen „unmöglich“ geworden sei. Angell hatte lediglich argumentiert, dass traditionelle Eroberungskriege aufgrund ihrer immensen Kosten wirtschaftlich ruinös und damit sinnlos geworden seien. Doch trotz seines Ruhms und seines übermenschlichen Arbeitspensums scheiterte er letztlich mit dem Versuch, gegen eine in seiner Sicht irrationale Politik und eine ebenso irrationale öffentliche Meinung anzuschreiben. Angells Unterstützung einer Verteidigungsgemeinschaft der westlichen Demokratien nach dem Zweiten Weltkrieg war daher auch ein Eingeständnis, dass es zur Sicherung des Friedens mehr bedarf als eines bloßen Appells an die menschliche Vernunft.

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