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Vor 70 Jahren : 70 Jahre Nato: Das Ende der „Großen Illusion“

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Spätestens nach der Besetzung der Mandschurei durch Japan 1931, mit der eine neue Epoche von Eroberungskriegen zu beginnen drohte, erschienen manche von Angells früheren Thesen hoffnungslos naiv. Angell ging auch mit dem pazifistischen Dauerargument, Krieg sei eine Konsequenz des Kapitalismus, hart ins Gericht. Die Gegner von Sanktionen gegen Japans Aggression, so schrieb er 1932, seien vor allem Geschäftsleute, die um ihren einträglichen Handel mit dem asiatischen Kaiserreich fürchteten.

Von Mitte der 30er Jahre an warnte Angell eindringlich vor der drohenden Gefahr durch Hitler-Deutschland und befürwortete die britische Aufrüstung. Seine kurz nach dem Ersten Weltkrieg vertretene Auffassung, man hätte Deutschland den Zugang zu Rohstoffen zugestehen sollen, um so einen Krieg zu vermeiden, wiederholte er nicht mehr. Konzessionen an einen potentiellen Aggressor, wie sie von den klassischen Pazifisten nach wie vor propagiert wurden, hielt er nun für verhängnisvoll. Und während er im Juli 1914 noch hastig eine „Neutralitätsliga“ ins Leben gerufen hatte, um Großbritannien aus dem Krieg herauszuhalten, stand er am Beginn des Zweiten Weltkrieges vorbehaltlos hinter der Politik seines Landes.

Der Friedensnobelpreisträger war sich darüber im Klaren, dass Großbritannien seinen Sieg im Zweiten Weltkrieg großenteils der Unterstützung durch die Vereinigten Staaten verdankte. Der Antiamerikanismus, der sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit in der britischen Linken ausgebreitet hatte, war dem ehemaligen Labour-Abgeordneten ein Greuel. Auch der sich zur selben Zeit in den Vereinigten Staaten ausbreitende Isolationismus bereitete Angell, der auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, große Sorgen. Bereits 1917 hatte Angell auf Drängen seines amerikanischen Journalistenkollegen Walter Lippmann einen Aufsatz verfasst, in dem er Amerika zum Kriegseintritt aufforderte. Nun, nach dem Zweiten Weltkrieg, war für den überzeugten Atlantiker offensichtlich, dass man der neuen politischen und militärischen Bedrohung durch die Sowjetunion nur durch einen Zusammenschluss gleichgesinnter Demokratien begegnen konnte.

Als 1948 die Verhandlungen über einen transatlantischen Verteidigungspakt begannen, stießen sie bei Angell auf Zustimmung. Ein solcher Pakt, so argumentierte er im Februar 1949, wenige Wochen vor der Unterzeichnung des Washingtoner Vertrages, sollte als Bollwerk gegen die sowjetische Expansionspolitik dienen. Hätte Deutschland früher gewusst, welch hohen Preis es für seine Aggressionen bezahlen würde, hätten die beiden Weltkriege vermutlich nie stattgefunden. Dasselbe, so Angell weiter, gelte auch für die Sowjetunion. Führe man Moskau vor Augen, welchen Widerstand man seiner Aggressionspolitik entgegenzusetzen bereit sei, würde auch der dritte Weltkrieg nicht stattfinden. Diese Argumentation war weit entfernt von den pazifistischen Ideen, die „The Great Illusion“ zugrunde lagen. Die immer wieder überarbeiteten Passagen für die zahlreichen Neuauflagen dieses Buches hatten jedoch bereits die Entwicklung angedeutet, die sich in Angells Auffassungen vollzog.

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