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Vor 70 Jahren : 70 Jahre Nato: Das Ende der „Großen Illusion“

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Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs diskreditierte den naiven Pazifismus. Ökonomische Argumente und philosophische Debatten hatten den Krieg nicht zu verhindern vermocht. Angells Stern sank dadurch jedoch nicht. Denn die unglaublichen Zerstörungen, die der Krieg hinterließ, bestätigten seine Vorhersage, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen am Ende nur Verlierer hervorbrächten. Angell blieb ein respektierter Streiter für die Völkerverständigung und für eine rationale, friedensorientierte Außenpolitik. Keines seiner späteren Bücher erreichte die Popularität von „The Great Illusion“, aber durch seine zahlreichen Aufsätze stellte Angell seine Präsenz in der internationalen Debatte sicher. Als er 1931 zum Ritter geschlagen wurde, war dies für einen seiner Mitstreiter „der erste Ritterschlag für den Pazifismus“. Angell, der bereits mit 14 Jahren von der Schule abgegangen war, sich als junger Mann in Kalifornien sogar als Cowboy verdingt hatte und trotz seiner Sprachgewandtheit zeitlebens unter dem Mangel an akademischen Weihen litt, hatte es bis an die Spitze der britischen High Society geschafft. Der „Cowboy Philosopher“ – so der Titel eines Interviews von 1936 mit dem meinungsfreudigen Autodidakten – war endgültig zum respektierten Intellektuellen geworden.

Doch „Sir Great Illusion“, wie ihn manche Weggefährten nun ironisch-bewundernd nannten, hatte längst begonnen, einige seiner pazifistischen Argumente in Frage zu stellen. Als Angell 1933 den Friedensnobelpreis erhielt, war er ein gereifter Mann mittleren Alters, der nicht mehr allein auf die kriegsverhindernde Kraft der wirtschaftlichen Verflechtung setzen wollte. Angesichts des Aufkeimens totalitärer Ideologien galt sein Interesse nun dem Prinzip der kollektiven Sicherheit. Als führendes Mitglied der britischen League of Nations Union bemühte er sich um den Aufbau des Völkerbunds und setzte sich für das Prinzip der internationalen Streitschlichtung ein. In diesem Zusammenhang vertrat Angell unter anderem die Auffassung, dass die Ablehnung einer Schlichtung durch eine dritte Partei den Tatbestand einer Aggression erfülle, die geahndet werden müsse. Allerdings scheute Angell, wie viele seiner Zeitgenossen, vor der Forderung nach militärischen Maßnahmen zurück. Angesichts der britischen Kriegsmüdigkeit beschränkte man sich auf die Propagierung wirtschaftlicher Sanktionen – ein Fehler, wie er später eingestand, denn dadurch wurde kollektive Sicherheit als Alternative zur militärischen Sicherheitsvorsorge missverstanden.

Der Pazifist wurde zum Internationalisten – und musste erkennen, dass seine Thesen aus „The Great Illusion“ nicht nur teilweise obsolet, sondern sogar kontraproduktiv geworden waren. Denn allzu häufig wurden seine Kernaussagen auf die schlichte Formel reduziert, dass sich Kriege nicht mehr lohnten. Damit aber, so wurde Angell zunehmend deutlich, beförderte man den Fehlschluss, der Frieden lasse sich allein dadurch sichern, dass man die Menschen über die Irrationalität von Kriegen aufklärte.

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