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Vor 70 Jahren : 70 Jahre Nato: Das Ende der „Großen Illusion“

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Mit seiner Schrift hatte sich Angell gegen den in Großbritannien weitverbreiteten Fatalismus im Hinblick auf einen „unvermeidlichen“ Krieg mit Deutschland gewandt, indem er ihn mit rationalen Einwänden zu entkräften suchte. Gründe dafür gab es reichlich. Als das Kabinettsmitglied Winston Churchill 1913 an einer britischen Universität die Meinung vertrat, Sicherheit sei am besten dadurch zu erreichen, dass man stärker sei als sein Gegner, brachte ihn ein sichtlich verärgerter Norman Angell mit der Gegenfrage in Bedrängnis, ob Churchill diesen Rat auch Deutschland geben würde. Diese Episode war typisch für den eigentlich eher scheuen, aber rhetorisch brillanten Friedensaktivisten. Dass er seine spezifisch auf das britisch-deutsche Verhältnis bezogenen Argumente jedoch über Gebühr verallgemeinerte, verlieh seinen Thesen ein Maß scheinbar universaler Gültigkeit, die die eher weitschweifige Materialsammlung von „The Great Illusion“ nicht hergab. Mehr noch. Obgleich Angell nie behauptet hatte, Krieg sei unmöglich geworden, wohl aber, dass der kalkulierte Einsatz militärischer Macht kontraproduktiv und unrentabel geworden sei, machte die scheinbare Plausibilität seiner Beweisführung wie auch sein Hang zur rhetorischen Zuspitzung seiner Argumente ihn bald blind für die Realität. Im Oktober 1913 zitierte ihn die amerikanische Zeitschrift „Life“ mit den Worten: „Das Ende der militärischen Auseinandersetzung zwischen Mächten wie Frankreich und Deutschland oder Deutschland und England oder Russland und Deutschland . . . ist bereits gekommen . . . Für jeden . . . war es während der letzten sechs Monate erkennbar, dass diese großen Nationen . . . nichts dazu bewegen wird, die immensen Risiken einzugehen, die mit dem Gebrauch ihrer lächerlichen militärischen Instrumente verbunden sind, falls sie es vermeiden können . . . Das bewaffnete Europa verwendet gegenwärtig den größten Teil seiner Zeit und Energie darauf, eine Vorstellung einzustudieren, von der alle Betroffenen wissen, dass sie wahrscheinlich nie aufgeführt werden wird.“

Wie sehr in den Reihen der britischen Liberalen ein naiver Zweckoptimismus rationale Überlegungen verdrängt hatte, wurde nicht nur in den Äußerungen Angells deutlich. Dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte, war eine Geisteshaltung, die auch in parlamentarischen Kreisen ihren Niederschlag fand. Als während der Juli-Krise 1914 ein liberaler Hinterbänkler Außenminister Edward Grey gegenüber kategorisch Großbritanniens Neutralität forderte, stellte ihm Grey die Frage, was im Falle einer deutschen Verletzung der Neutralität Belgiens zu tun sei. „Einen Moment lang“, so berichtete Grey später, hielt der Abgeordnete inne, „wie jemand, der sich in vollem Lauf mit einem unerwarteten und unvorhergesehenen Hindernis konfrontiert sieht. Dann sagte er mit Nachdruck: ,Das wird ... (Deutschland) nicht tun.‘ ,Ich sage nicht, es wird, aber angenommen, es würde.‘ ,Es wird nicht‘, antwortete er zuversichtlich.“

Sosehr sich die Pazifisten und Internationalisten unter ihrem Wortführer Norman Angell um eine Entromantisierung des Krieges bemühten, sosehr sie sich auch gegen eine Sicht der Weltpolitik als eines darwinistischen Überlebens- und Durchsetzungskampfes wandten – die Tatsache einer Gegnerschaft der europäischen Mächte und ihrer Interessen konnten auch sie nicht leugnen.

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