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Vor 70 Jahren : 70 Jahre Nato: Das Ende der „Großen Illusion“

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An allen großen Universitäten Großbritanniens bildeten sich Vereinigungen von „Angellisten“, die das von Angell angeblich beschworene Ende des Krieges propagierten. Zwar hatte Angell nie behauptet, dass Kriege unmöglich geworden seien, doch die Furcht vor dem drohenden Krieg in Europa hatte viele zeitgenössische Beobachter dazu verleitet, Angells Thesen zu überspitzen. Mehr noch. Viele gingen auch davon aus, dass die Einsicht in die Sinnlosigkeit des Krieges auch außerhalb Großbritanniens geteilt würde – eine gewagte Annahme. Vertreter der britischen Bankenvereinigung etwa hielten Angell nach einem Vortrag im Jahr 1912 entgegen, dass seine Thesen nur dann zum Weltfrieden führten, wenn alle Nationen seine Meinung bezüglich der Unrentabilität von Kriegen teilten. Gerade mit Blick auf das Deutsche Kaiserreich seien jedoch Zweifel angebracht.

Doch für die „Angellisten“ waren die Warnungen vor dem deutschen Militarismus übertrieben. So vertrat Lord Esher, Präsident des Committee of Imperial Defence, nicht nur die Ansicht, dass der Krieg „mit jedem Tag . . . unwahrscheinlicher“ werde; er war auch überzeugt, dass selbst Deutschland „für die Doktrin Norman Angells empfänglich ist“. Angell selbst dachte ähnlich, obwohl eine Vortragsreise durch das Kaiserreich ihn im Februar 1913 eines Besseren hätte belehren müssen.

In Göttingen beschwerten sich Burschenschaften über den Gebrauch des Englischen an einer deutschen Universität. In Berlin gab es Raufereien zwischen Befürwortern und Gegnern Angells. Dem Engländer war es zwar gelungen, sich die Aufmerksamkeit der deutschen Presse zu sichern, doch trotz guter Verkaufszahlen seines Buches blieb der Pazifismus in Deutschland – anders als in Großbritannien – auf einen kleinen Teil der politischen Elite beschränkt. Angell selbst äußerte Jahre später, dass es wohl noch mehrere Jahre intensiver Aufklärung bedurft hätte, um in Deutschland das Bewusstsein für die Vergeblichkeit eines Krieges zwischen den europäischen Mächten zu wecken.

Natürlich stießen Angells Thesen auch auf heftigen Widerspruch. Alfred Thayer Mahan, der führende amerikanische Denker auf dem Gebiet der Seestrategie, warf Angell vor, zu materiell zu argumentieren und nichtquantifizierbare Faktoren einfach beiseitezulassen. Der Hinweis auf das fragwürdige Kosten-Nutzen-Verhältnis von Kriegen sei zwar richtig, doch Kriege entstünden nun einmal nicht allein aus kalter Kosten-Nutzen-Abwägung: „Nationen geben sich hinsichtlich der Unrentabilität von Krieg an sich keinen Illusionen hin; aber sie erkennen, dass unterschiedliche Auffassungen von richtig und falsch im internationalen Umgang miteinander Zusammenstöße hervorrufen können, gegen die Rüstung den einzigen Schutz bietet.“

Mahan stimmte mit Angell überein, dass die Zerrüttung, die ein Krieg für das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem zur Folge hätte, auch den Sieger schwer treffen würde. Doch die bloße Anerkenntnis dieser Tatsache bedeute noch nicht das Ende des Krieges. „Ehrgeiz, Selbstachtung, Widerstreben gegen Ungerechtigkeit, Mitleid mit den Unterdrückten, Hass auf Unterdrückung“ – dies alles seien Motive genug, um den Krieg auch weiterhin nicht aus der internationalen Politik zu verdrängen. „Gefühle und Überzeugungen“ aber seien Faktoren, mit denen sich Angell, so Mahan, kaum auseinandersetze. Angells „Great Illusion“, so Mahan, sei selbst eine Illusion, weil sie auf einer „tiefgreifenden Fehlinterpretation menschlichen Handelns“ beruhe. Auch andere Kritiker hielten Angells nahezu ausschließlich wirtschaftliche Argumentation für zu eng gefasst. Wenn man Angell höre, so ein deutscher Rezensent im Jahre 1911, „so könnte man denken, der ganze Streit der Menschheit bewege sich um Aktien . . .“.

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