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1968 : Ansteckende Freiheit

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Wie in einem mittelalterlichen Häresieprozess bedurfte es eines rationalen Verfahrens der Anklage. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten trugen unendlich viel Material zusammen, das belegen sollte, dass die Prager Führung keine bessere Variante des Sozialismus anstrebte, sondern sich der „Konterrevolution“ verschrieben hatte. In mehreren Treffen konfrontierten sie die tschechoslowakische Parteiführung mit ihren Befunden und gaben ihr die Gelegenheit zur Stellungnahme und zum Widerruf. Immer deutlicher schälte sich für die tschechoslowakische Führung die Wahl zwischen zwei Optionen heraus: die Reformen zu beenden oder, wie Smrkovský im Präsidium der Zentralkomitees schon Ende Juni voraussah, mit Panzern besetzt zu werden. Überrascht war dagegen Breschnew, der mit dem weich erscheinenden Dubček einen paternalistischen Umgangston pflegte und ihm nicht zutraute, dem massiven Druck der Verbündeten zu widerstehen. Der Prager Frühling hatte auch die kommunistischen Spitzenfunktionäre in der Tschechoslowakei verändert. Selbst ein biographisch zutiefst sowjetisch geprägter Kader wie Dubček war wohl zu weitgehenden Zugeständnissen gegenüber Breschnew bereit, aber nicht zur Preisgabe des Kernbestands der Reformen wie der Freiheit der Meinungsäußerung. Die tschechoslowakischen Kommunisten hatten, für sie selbst unerwartet, das Trauma der Schuld der Justizverbrechen überwunden und das Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung zurückgewonnen. Plötzlich spiegelten die zu Worthülsen verkommenen kommunistischen Formeln von der „führenden Rolle“ der Partei eine Wirklichkeit wider. Deshalb war es selbst für Alexander Dubček, den mit der Sowjetunion zweifellos eine tiefe Loyalität verband, unmöglich, Breschnews Forderungen unmittelbar Folge zu leisten.

Erst nachdem etwa eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in der Nacht zum 21. August 1968 in die Tschechoslowakei einmarschiert waren, gab Dubček seinen Widerstand auf. In Moskau unterzeichnete er zusammen mit fast der gesamten Parteiführung ein Protokoll, worin er sich verpflichtete, die Errungenschaften des Prager Frühlings wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu beseitigen. Das Protokoll wurde auf Wunsch Dubčeks geheim gehalten. Für die Öffentlichkeit unterzeichnete man lediglich ein gemeinsames Kommuniqué, das die „Normalisierung“ der Verhältnisse als Ziel ausgab und den Abzug der Besatzer in Aussicht stellte, und stieß mit Champagner darauf an. Die Farce blieb der tschechoslowakischen Bevölkerung verborgen. Und so wurde die politische Führung bei ihrer Rückkehr in Prag begeistert begrüßt. Acht Monate – etwa so lang wie der Prager Frühling selbst – dauerte nach der Okkupation der quälende Prozess der schrittweisen Zurücknahme von Freiheiten, die die Tschechen und Slowaken 1968 errungen hatten. Dubček wurde dabei zu einer tragischen Figur: Er trug die politische Verantwortung für die Inhaftierung von Demonstranten, die mit seinem Namen auf den Lippen auf die Straße gegangen waren. Erst im April 1969 ersetzte ihn Gustáv Husák als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei. Der neue Mann restaurierte gezielt das autoritäre Regime und bediente sich dabei auch antisemitischer Stimmungen, die im Prager Frühling vorübergehend zurückgedrängt worden waren.

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