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Krisenvorbeugung : Schwarzer Schwan und Vogel Strauss

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Ob Finanzkrise, Terrorismus oder drohender Zerfall der EU: Wir brauchen in den Staaten wie in den Unternehmen eine schonungslose und umfassende Sicht auf die Risiken in Politik, Wirtschaft und Natur. Die Behauptung, manche Krisen seien nicht vorhersehbar gewesen, ist nur zu oft ornithologische Rosstäuscherei.

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          Schwarze Schwäne kommen in der Natur sehr selten vor, aber es gibt sie. Bekannt sind sie, spätestens seit der Buchautor und Börsenhändler Nassim Nicholas Taleb Schwarze Schwäne zu einer Metapher für extrem unwahrscheinliche Ereignisse mit äußerst gravierenden Auswirkungen erhoben hat. Sie verkörpern das Restrisiko, das Katastrophenereignis, mit dem man nicht rechnen konnte, das Unvorhersehbare, vielleicht sogar Undenkbare, das dennoch eintritt.

          Entgegen dieser Definition traten in den vergangenen Jahren Schwarze Schwäne in Wirtschaft und Natur erstaunlich oft auf: Der Zusammenbruch der Finanzmärkte infolge der Lehman-Pleite und die Havarie des Atomkraftwerks von Fukushima sind nur zwei Beispiele. Die weltweiten Schadenstatistiken von Munich Re sind eindeutig: Die Ereignisse werden stärker, sie treten häufiger auf, ihre Wiederkehrperiode verkürzt sich. Der Klimawandel „hebelt“ gewissermaßen die Wetterereignisse: Aus einem regenarmen Sommer wird eine monatelange Dürre, aus einem normalen Hochwasser eine Jahrhundertflut. Aber sind Naturkatastrophen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit sich durch den Klimawandel erhöht hat, wirklich Schwarze Schwäne oder eher Ereignisse, mit denen man rechnen muss?

          Auch in der Welt der Wirtschaft nehmen Zahl und Frequenz von Krisen zu. Ein stark schuldenfinanziertes Wachstum oder eine zu starke Hebelung über entsprechende Finanzprodukte führen zu teilweise extremen Ausschlägen. Verstärkt wird dies durch eine ausgeprägte Bereitschaft zum Herdenverhalten. Die Folgen: Die Blase platzt, die Börse bricht ein, ein Staat geht bankrott. Wenn allerdings gewisse Entwicklungen auf den Finanzmärkten aus- und überreizt werden, können die Konsequenzen hieraus wirklich als Schwarze Schwäne bezeichnet werden, also als Ereignisse, die niemand vorhersehen konnte?

          Der Verfasser ist Vorstandsvorsitzender der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft.

          Der Verweis auf angebliche Schwarze Schwäne ist letztlich ornithologische Rosstäuscherei. Meine These ist, dass die vermeintliche Unvorhersehbarkeit von Ereignissen nur allzu oft als Ausrede für fehlendes Risikomanagement herhalten muss. Auf diese Weise wird aus menschlichem Versagen höhere Gewalt, aus Leichtsinn Pech, aus Verantwortungslosigkeit Schicksal. Da kann man nichts machen, das konnte keiner ahnen - mit solchen Aussagen werden die Hände in Unschuld gewaschen. Hinzu kommt, dass wer scheinbar schuldlos von einem Schicksalsschlag getroffen wird, auf die Solidarität des Staates hoffen darf. Wo das unvorhersehbare Jahrhunderthochwasser Häuser überflutet oder wo ein Geschäftsmodell wegen eines Bebens an den Finanzmärkten implodiert, da darf, ja muss der Staat und damit der Steuerzahler helfen.

          Diese Solidarität ist im Grundsatz richtig. Doch nur selten wird die Frage gestellt, warum eine Flussaue als Baugebiet ausgewiesen wurde und der Grundstückspreis so günstig war oder warum das Unternehmen derart stark in hochspekulative Finanzprodukte investiert hatte. Diese Logik führt dazu, dass beispielsweise diejenigen Unternehmen, die im Rahmen ihres konservativen Risikomanagements darauf verzichtet haben, hochspekulativen Renditen hinterherzujagen, den Wettbewerbsvorteil verlieren, der eigentlich aus dieser Vorsicht im Krisenfall entsteht. Er wird durch staatliche „Rettungsmaßnahmen“ nivelliert. Vermeintliche Schwarze Schwäne rechtfertigen so eine Rettungspolitik, die effektives Risikomanagement bestraft und somit die nächsten Schwarzen Schwäne produziert.

          Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten im Jahr 2007/08 wurden häufig mit dem Etikett eines „Schwarzer-Schwan-Ereignisses“ versehen. So erklärte zum Beispiel der damalige Chief Financial Officer einer großen Investmentbank den 27-prozentigen Einbruch ihres Hedgefonds damit, dass sie an mehreren Tagen in Folge mit 25-Sigma-Ereignissen konfrontiert waren. Im Rückversicherungsgeschäft, wo mit sehr langfristigen Modellen gearbeitet wird, sind wir den Umgang mit sogenannten 5-Sigma-Ereignissen gewohnt. Sie entsprechen einer Wiederkehrperiode von 10 000 bis 15 000 Jahren. Beispiele dafür wären ein gewaltiges Erdbeben im Rheingraben oder eine Hurrikansaison mit einer ganzen Serie von schwersten Schäden in größeren Ballungsgebieten der Vereinigten Staaten. Der CFO der Investmentbank glaubt bei den Finanzmarkt-Entwicklungen des Jahres 2007 aber sogar an ein 25-Sigma-Ereignis. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Ereignis eintritt, entspricht der Wahrscheinlichkeit, mehr als zwanzig Mal in Folge die Lotterie in Großbritannien zu gewinnen.

          Gemäß dem CFO der Investmentbank ist ihm dies auch noch „mehrere Tage in Folge“ passiert. War die Finanzkrise wirklich derart extremes Pech, wie es die Menschheit in ihrer Geschichte wohl noch nie gesehen hat? Eher geht es um blinden Glauben an fehlerhafte Modelle, um übertriebene Risikoneigung, um Gier und um mangelndes Risikomanagement.

          Selbst wenn man bereit wäre, in der Finanzkrise von 2007/08 einen Schwarzen Schwan zu sehen, so wäre eine baldige Wiederholung „nur“ noch ein Risikoszenario von vielen. Niemand könnte mehr behaupten, dies sei etwas Unvorhersehbares oder gar Undenkbares, wie es in den Vereinigten Staaten als „Freak Event“ bezeichnet wird. Das Gleiche gilt leider für weitere große Terrorangriffe auf westliche Metropolen oder für einen erneuten schweren Unfall in einem Atomkraftwerk. Wären Politik und Wirtschaft heute besser darauf vorbereitet? Bestenfalls bedingt.

          Nichts anderes gilt für Ereignisse, die noch vor fünf bis zehn Jahren für beinahe unmöglich angesehen wurden, deren Eintrittswahrscheinlichkeit in den vergangenen Jahren jedoch deutlich zugenommen hat. So ist ein Auseinanderbrechen der EU zu einem Risikoszenario geworden, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Nach der Staatsschulden- stellt nun die Flüchtlingskrise die EU vor eine Zerreißprobe, hinzu kommen nationale Fliehkräfte, etwa in Form des EU-Referendums in Großbritannien. Ein anderes Szenario, dessen Wahrscheinlichkeit leider ebenfalls zugenommen hat, ist das einer militärischen Konfrontation des Westens mit Russland. Der Ukraine-Konflikt und der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei haben gezeigt, dass ein militärischer Konflikt mit Russland zwar nach wie vor sehr unwahrscheinlich, aber eben leider auch nicht undenkbar ist. Sind die Staaten und Unternehmen auf derartige Szenarien vorbereitet? Oft scheint zu gelten, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein Schwarzer Schwan fliegt am Horizont, aber man schaut lieber in die andere Richtung.

          Viele Szenarien mit massiven Konsequenzen werden als Schwarze Schwäne diskutiert, obwohl es lediglich noch eine Frage des Zeitpunkts ist, wann sie Realität werden. So ist zum Beispiel klar, dass es in Kalifornien irgendwann ein schweres Erdbeben geben wird, „The Big One“. Auch müssen wir davon ausgehen, dass es früher oder später nochmals zu einer weltweiten Pandemie kommt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein entsprechend gefährliches Virus und die „richtigen“ Umstände zusammentreffen. Angesichts der Fülle von atomaren, biologischen und chemischen Waffen auf der Welt ist es leider auch absehbar, dass irgendwann Bestände hiervon in die Hände von Verbrechern oder Terroristen fallen. Es hilft nicht, vor solchen Szenarien den Kopf in den Sand zu stecken. Man sollte also besser Murphys Gesetz ernst nehmen, wonach alles, was schiefgehen kann, irgendwann auch schiefgehen wird.

          Gerade in Krisenzeiten werden auch die Auswirkungen extrem positiver Ereignisse unterschätzt. Schwarze Schwäne sind nicht zwingend Untergangsszenarien. Auch positive Ereignisse können gravierende langfristige Auswirkungen haben. Zu denken wäre beispielsweise an einen medizinischen Durchbruch, der in der Folge zu einer massiven Erhöhung der Lebenserwartung führte. Eine solche Entwicklung wäre freilich ein „Schock“ für Gesundheits- und Rentensysteme ebenso wie beispielsweise für den Wohnungsmarkt. Auch beschleunigter technologischer Fortschritt kann gravierende Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben. Die disruptiven Innovationen im Zusammenhang mit der Digitalisierung zeigen aktuell, wie entsprechende Entwicklungen Unternehmen überrollen und sogar gesamte Geschäftsmodelle überflüssig werden lassen, nicht zwingend zum Schaden für Kunden und Verbraucher.

          Was folgt nun aus diesen Überlegungen? Wir sollten den Schwarzen Schwan nicht ohne weiteres als Erklärungsmuster akzeptieren. Der Begriff wird allzu oft missbraucht, um von schlechtem Risikomanagement und damit auch von einer fehlerhaften Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten abzulenken. Je angeblich unwahrscheinlicher ein Ereignis, desto größer das erhoffte Verständnis für fehlende Vorkehrungen.

          Nötig ist eine ehrliche und realistische Einschätzung von Wahrscheinlichkeit und Auswirkung möglicher, durchaus auch seltener Ereignisse. Gerade Ereignisse mit potentiell großen Auswirkungen dürfen bei der Risikoanalyse nicht übergangen werden, nur weil ihre Eintrittswahrscheinlichkeit grundsätzlich schwer bestimmt werden kann oder verhältnismäßig gering ist. Die Schwierigkeiten bei der Abschätzung von Eintrittswahrscheinlichkeit, Ereignisauswirkungen und Handlungsoptionen dürfen keine Entschuldigung dafür sein, sich mit einem Risiko nicht auseinanderzusetzen. Die oftmals erste Reaktion „Da kann man eh nichts machen, deshalb befassen wir uns mit dem Thema nicht weiter“ reduziert von vornherein den Handlungsspielraum und kann fatale Folgen haben.

          Wissen über das Risiko ist die Grundlage für bewusstes Handeln und verantwortungsvollen Umgang mit dem Risiko. Denn nur wenn man das Risiko kennt, kann man entsprechend handeln. Handeln bedeutet oft ein Tun, also das Ergreifen von Maßnahmen, die das Risiko minimieren oder die Aussicht erhöhen, die Folgen des Risikos zu bewältigen. Handeln kann aber auch Unterlassen, also Nichtstun bedeuten. Dies ist dann die Entscheidung, das Risiko zu tolerieren und die möglichen Auswirkungen zu akzeptieren.

          So gibt es Ereignisse, die zwar ungeheuerliche Folgen zeitigen, aber extrem unwahrscheinlich sind, hier darf man vom Schwarzen Schwan sprechen. In beiden Fällen findet eine bewusste Entscheidung statt - Tun oder Nichtstun -, die profundes Wissen über das Risiko voraussetzt. Nur aus der Kenntnis des Risikos kann verantwortungsbewusstes Handeln folgen.

          Wird jedoch ein Risiko ignoriert, wird die Option Handeln aufgegeben und durch die Bereitschaft zum Überraschtwerden ersetzt. Letztlich entspricht dies der Vogel-Strauß-Taktik: „Was ich nicht sehe, das gibt es auch nicht.“ Mit dieser Taktik kann man Glück oder Pech haben. Von Personen, die in Politik und Wirtschaft Verantwortung tragen, muss man jedoch erwarten können, dass sie sich nicht in Unwissenheit und Schicksalsergebenheit flüchten, sondern auf der Basis des verfügbaren Wissens verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen.

          Wenn es darum geht, die Risiken für ein Unternehmen zu bewerten, werden immer wieder zwei Fehler gemacht. Erstens, wird, rückblickend, eine zu kurze historische Zeitspanne als Grundlage der Beobachtung gewählt. Was in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten nicht passiert ist, wird, so die implizite Unterstellung, auch in den kommenden Jahren nicht passieren. Der eigene Erfahrungshorizont reicht maximal die menschliche Lebensspanne zurück - alles, was davor stattfand, ist nur indirekt vermittelt und damit weniger präsent und handlungsprägend. So wählten einzelne, von der Finanzkrise stark betroffene Unternehmen bewusst eine kurze Zeitspanne und legten sie ihren Modellen zugrunde - weil es ihnen nützte.

          Zweitens werden aktuell beobachtete Trends vorschnell in die Zukunft extrapoliert. Das bekannte Bonmot, wonach man in New York Ende des 19. Jahrhunderts errechnete, dass die Stadt aufgrund der zunehmenden Zahl der Kutschen binnen weniger Jahrzehnte meterhoch im Pferdemist versinken würde, zeigt, wie falsch man mit einer einfachen Fortschreibung aktuell beobachteter Trends liegen kann. Nicht nur deshalb darf Risikomanagement nicht auf den Einsatz von Algorithmen und Prognosetools reduziert werden, seien sie auch noch so ausgefeilt. Mit der immer leistungsfähigeren Datenverarbeitung ist die Gefahr blinder Modellgläubigkeit in den vergangenen Jahren gestiegen. Doch jedes Modell geht von Parametern und Variablen aus, die zuvor in das System eingegeben wurden, also von Annahmen, die aus dem bereits Bekannten abgeleitet wurden. Modelle sind damit tendenziell blind für Schwarze Schwäne.

          Für manche Risiken stehen nur wenige oder keine Informationen in Form von Daten zur Verfügung. Dies ist etwa bei Risiken aus Zukunftstechnologien und aus der zunehmenden weltweiten Verflechtung der Fall. Bewährte quantitative Methoden lassen sich daher nur begrenzt einsetzen. Bei der Beurteilung derartiger Unsicherheiten müssen wir uns vor allem auf die Einschätzung von Fachleuten und bis zu einem gewissen Grad auch auf das „Bauchgefühl“ verlassen.

          Risikomanagement mittels Bauchgefühl oder Intuition ist eine grundlegende menschliche Kompetenz und darf deshalb durchaus Bestandteil eines professionellen Risikomanagements sein. Der gesunde Menschenverstand ist zu erstaunlichen Leistungen fähig, wenn es um Risikoeinschätzung geht. Es ist daher sinnvoll, psychologische Erkenntnisse zur Urteils- und Entscheidungsfindung bei der Risikoanalyse von schwer zu quantifizierenden Risiken zu berücksichtigen. Dazu zählt ein verbessertes Verständnis der menschlichen Intuition und deren möglicher Verzerrung bei der Beurteilung von Risiken, zum Beispiel durch die Präsenz eines bestimmten Themas in den Medien.

          Neben Auswirkungen auf die individuelle Einschätzung müssen auch Gruppenphänomene berücksichtigt werden. So neigen Gruppen beispielsweise zu extremeren Urteilen als Individuen. Im Licht dieser Erkenntnisse lassen sich Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse so gestalten, dass Verzerrungen reduziert werden und eine größtmögliche Transparenz gewährleistet ist.

          Im Rahmen eines derart gestalteten Risikomanagements sollten Unternehmen auf eine nachhaltige Unternehmensstrategie setzen. Kurzfristorientierung und überzogene Risikoneigung machen Unternehmen ebenso verwundbar für scheinbar unvorhersehbare Ereignisse wie ein zu stark gehebeltes Wachstum. Wachstum um jeden Preis oder um jedes Risiko ist ein Irrweg. Wachstum ist an sich nicht schlecht, wie manche Wachstumskritiker behaupten. Vielmehr ist Wachstum Voraussetzung und Folge unternehmerischen Erfolgs und auch als Grundmotor für den Sozialstaat unabdingbar.

          Allerdings wäre es für das einzelne Unternehmen wie auch für die Gesellschaften als Ganzes besser, einen flacheren, dafür aber konstanteren Wachstumspfad einzuschlagen. Denn stark gehebeltes Wachstum führt nahezu unweigerlich zu heftigen Einbrüchen. Die Liste der Beispiele hierfür ist sehr lang, vom Platzen der New-Economy-Blase bis hin zur Immobilienkrise in Spanien. Die Gesamtbilanz aus kurzfristigem Boom und anschließendem Zusammenbruch dürfte in aller Regel negativ ausfallen. Dies gilt vor allem für den Steuerzahler, wenn Gewinne in der Boomphase privatisiert und Verluste aus der folgenden Krise sozialisiert werden.

          Krisen werden so zu einem sehr ernst zu nehmenden Risiko für die Stabilität unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Es besteht daher auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, alles zu tun, um die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Folgen von schweren Krisen zu minimieren. Kritisch wird es neben einer zu starken Hebelung auch meist dann, wenn Wachstum und Gewinn jenseits des eigentlichen Geschäftsmodells gesucht werden.

          Zwar kann eine nachhaltige Transformation eines Geschäftsmodells durchaus sinnvoll und erfolgreich sein. Allzu oft wird aber lediglich versucht, kurzfristig auf einen Trend aufzuspringen, der goldgräberartige Gewinne verspricht. Doch dann spielt man zwangsläufig ein Spiel, das man nur teilweise durchschaut und das andere besser beherrschen. Die immensen Verluste, die etwa manche Finanzinstitute mit Geschäften jenseits ihres eigentlichen Kompetenz- und Aufgabenbereichs gemacht haben, zeigen das Risiko, das sich hinter einem vermeintlich schnellen Gewinn auf unbekanntem Terrain verbirgt.

          Um sich vor den falschen Schwarzen Schwänen so weit wie möglich zu wappnen, ist es deshalb elementar, Risiken transparent zu machen. Es geht nicht darum, keine Risiken einzugehen, sondern darum, diese bewusst einzugehen. Ohne Risiko keine Innovation und kein Fortschritt. Aber will man nicht alles auf eine Karte setzen, sollten Risiken nur so weit eingegangen werden, dass auch im Falle nicht so wahrscheinlicher Ereignisse immer noch ein Puffer bestehen bleibt und das Unternehmen nicht unmittelbar am Abgrund steht. Dies bedeutet vielleicht auch, zugunsten eines nachhaltigen und damit langfristig erfolgreicheren Geschäftsmodells auf das letzte Quentchen kurzfristig möglicher Marge zu verzichten.

          In der Operationalisierung dieser Überlegungen haben sich Risikoberichte und die Etablierung eines sogenannten „Chief Risk Officers“ bewährt. Es ist allerdings verwunderlich, dass viele Unternehmen auf derartige Instrumente verzichten. Während in der Finanzwirtschaft Risikoberichte aufsichtsrechtlich geboten sind, gibt es bei Unternehmen anderer Branchen oft keine Instanz, bei der die Risiken des Unternehmens zentral recherchiert, gesammelt, quantifiziert und schließlich abgewogen werden.

          Es ist teilweise beängstigend, wie wenig sich manche Unternehmen ihrer Risiken bewusst sind. Dabei ist ein Chief Risk Officer nur ein Element von mehreren. Ebenso wichtig ist es, dass im Unternehmen insgesamt ein ausgeprägtes Risikobewusstsein herrscht und das Management diesem Thema hohe Priorität einräumt. Wird eine entsprechende Kultur im Unternehmen nicht gelebt, bleibt ein Chief Risk Officer ein Feigenblatt. Viele gar nicht so unwahrscheinliche Ereignisse treffen solche Unternehmen unvorbereitet, es wimmelt dann geradezu von Schwarzen Schwänen.

          Doch nicht nur Unternehmen vernachlässigen oftmals eine konsequente Risikoanalyse und -vorsorge. Auch Regierungen interessieren sich viel zu wenig für die Konsequenzen von wenig wahrscheinlichen, aber in ihren Auswirkungen bedeutenden Ereignissen auf Staatswesen und Bevölkerung. Auch Staaten sollten einen Risikobericht vorlegen und einen Mahner, also einen Chief Risk Officer einführen. Wer hat in der Bundesregierung einen Überblick über die Risiken für die Bundesrepublik Deutschland, und zwar jeder Art, nicht nur politische? Jedes Ressort befasst sich mit Szenarien innerhalb der eigenen Zuständigkeit, aber viele Ereignisse hätten Auswirkungen auf alle Ministerien. Eine integrierte, ganzheitliche Betrachtung fehlt.

          Selbstverständlich gibt es bereits eine Reihe guter Risikoberichte auch auf staatlicher Ebene. So sind etwa die vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz vorgelegten Risikoanalysen für Deutschland ein guter erster Schritt. Allerdings ist der Blick des Bundesamtes aufgrund der Fokussierung auf den Katastrophenschutz zu eng. Ereignisse wie eine Finanzkrise bleiben bei der Betrachtung naturgemäß unberücksichtigt. Dabei ist eine solche Krise im Zweifel für das Land existentieller als jeder noch so schadenträchtige Wintersturm.

          In den Vereinigten Staaten hat das Office of Financial Research den Auftrag erhalten, einen Bericht mit Fokus auf die Finanzmarktstabilität vorzulegen. Der kurz vor Weihnachten erschienene Bericht ist ein erfreuliches Beispiel für eine entsprechende Risikoberichterstattung. Auch der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank legen regelmäßig gute Risikoanalysen vor. Doch all diese Institutionen betrachten lediglich die Risiken in ihrem Zuständigkeitsbereich.

          Wünschenswert wäre ein Risikobericht, der konzeptionell kein nennenswertes potentielles Risiko für den Staat von vornherein ausklammert und die nötige Transparenz über die Risiken herstellt. Eine solche Transparenz ist nicht nur für die Politikberatung wichtig. Gleichzeitig erzeugt sie in der Bevölkerung Verständnis für politisches Handeln und schafft damit Vertrauen. Die Bürger fühlen sich ernst genommen.

          Eine solche staatliche Risiko-Kümmerer-Funktion müsste frei von politischer Einfluss- und Rücksichtnahme sein. Denkbar wäre ein unabhängiges Gremium, etwa analog dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dieses müsste sich auch mit langfristigen Trends befassen, etwa der demographischen Entwicklung, mit dem Klimawandel oder der Erosion der Fiskaldisziplin in der Eurozone. Denn langfristigen Entwicklungen wird zu wenig Beachtung geschenkt, weil sie nur graduell voranschreiten und die unmittelbaren Auswirkungen zunächst unspektakulär sind. Der Vorsitzende eines solchen Risikorates könnte als „Chief Risk Officer Deutschlands“ der Risikoanalyse ein Gesicht geben und somit auch die nötige mediale Aufmerksamkeit erzeugen. Wer auf das prinzipiell Vorhersehbare vorbereitet ist, der hat die Hände frei für das wirklich Unvorhersehbare, wenn es denn passiert, wenn also ein echter Schwarzer Schwan landet.

          Bei der Beschäftigung mit Schwarzen Schwänen geht es nicht darum, nur Untergangsszenarien zu zeichnen. Man muss nicht wie die Gallier in den Asterix-Comics jeden Tag Angst davor haben, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt. Wir brauchen auch im 21. Jahrhundert, vielleicht sogar mehr denn je, mutige Entscheidungen. Gute Entscheidungen zeichnen sich dadurch aus, dass „Risiken und Nebenwirkungen“ berücksichtigt sind. Deshalb brauchen wir in Unternehmen wie in den Staaten eine schonungslose und lückenlose Sicht auf die Risiken. Hier gilt es noch viele Lücken zu schließen.

          Ein Risikobericht und ein „Chief Risk Officer“ werden die Transparenz über Risiken, deren Eintrittswahrscheinlichkeiten und deren Folgen erhöhen. Und Schwarze Schwäne gibt es ja wirklich: In Australien ist er als sogenannter Trauerschwan sogar so verbreitet, dass er es zum Wappentier des Bundesstaates Westaustralien gebracht hat.

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