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Krisenvorbeugung : Schwarzer Schwan und Vogel Strauss

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Ob Finanzkrise, Terrorismus oder drohender Zerfall der EU: Wir brauchen in den Staaten wie in den Unternehmen eine schonungslose und umfassende Sicht auf die Risiken in Politik, Wirtschaft und Natur. Die Behauptung, manche Krisen seien nicht vorhersehbar gewesen, ist nur zu oft ornithologische Rosstäuscherei.

          Schwarze Schwäne kommen in der Natur sehr selten vor, aber es gibt sie. Bekannt sind sie, spätestens seit der Buchautor und Börsenhändler Nassim Nicholas Taleb Schwarze Schwäne zu einer Metapher für extrem unwahrscheinliche Ereignisse mit äußerst gravierenden Auswirkungen erhoben hat. Sie verkörpern das Restrisiko, das Katastrophenereignis, mit dem man nicht rechnen konnte, das Unvorhersehbare, vielleicht sogar Undenkbare, das dennoch eintritt.

          Entgegen dieser Definition traten in den vergangenen Jahren Schwarze Schwäne in Wirtschaft und Natur erstaunlich oft auf: Der Zusammenbruch der Finanzmärkte infolge der Lehman-Pleite und die Havarie des Atomkraftwerks von Fukushima sind nur zwei Beispiele. Die weltweiten Schadenstatistiken von Munich Re sind eindeutig: Die Ereignisse werden stärker, sie treten häufiger auf, ihre Wiederkehrperiode verkürzt sich. Der Klimawandel „hebelt“ gewissermaßen die Wetterereignisse: Aus einem regenarmen Sommer wird eine monatelange Dürre, aus einem normalen Hochwasser eine Jahrhundertflut. Aber sind Naturkatastrophen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit sich durch den Klimawandel erhöht hat, wirklich Schwarze Schwäne oder eher Ereignisse, mit denen man rechnen muss?

          Auch in der Welt der Wirtschaft nehmen Zahl und Frequenz von Krisen zu. Ein stark schuldenfinanziertes Wachstum oder eine zu starke Hebelung über entsprechende Finanzprodukte führen zu teilweise extremen Ausschlägen. Verstärkt wird dies durch eine ausgeprägte Bereitschaft zum Herdenverhalten. Die Folgen: Die Blase platzt, die Börse bricht ein, ein Staat geht bankrott. Wenn allerdings gewisse Entwicklungen auf den Finanzmärkten aus- und überreizt werden, können die Konsequenzen hieraus wirklich als Schwarze Schwäne bezeichnet werden, also als Ereignisse, die niemand vorhersehen konnte?

          Der Verfasser ist Vorstandsvorsitzender der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft.

          Der Verweis auf angebliche Schwarze Schwäne ist letztlich ornithologische Rosstäuscherei. Meine These ist, dass die vermeintliche Unvorhersehbarkeit von Ereignissen nur allzu oft als Ausrede für fehlendes Risikomanagement herhalten muss. Auf diese Weise wird aus menschlichem Versagen höhere Gewalt, aus Leichtsinn Pech, aus Verantwortungslosigkeit Schicksal. Da kann man nichts machen, das konnte keiner ahnen - mit solchen Aussagen werden die Hände in Unschuld gewaschen. Hinzu kommt, dass wer scheinbar schuldlos von einem Schicksalsschlag getroffen wird, auf die Solidarität des Staates hoffen darf. Wo das unvorhersehbare Jahrhunderthochwasser Häuser überflutet oder wo ein Geschäftsmodell wegen eines Bebens an den Finanzmärkten implodiert, da darf, ja muss der Staat und damit der Steuerzahler helfen.

          Diese Solidarität ist im Grundsatz richtig. Doch nur selten wird die Frage gestellt, warum eine Flussaue als Baugebiet ausgewiesen wurde und der Grundstückspreis so günstig war oder warum das Unternehmen derart stark in hochspekulative Finanzprodukte investiert hatte. Diese Logik führt dazu, dass beispielsweise diejenigen Unternehmen, die im Rahmen ihres konservativen Risikomanagements darauf verzichtet haben, hochspekulativen Renditen hinterherzujagen, den Wettbewerbsvorteil verlieren, der eigentlich aus dieser Vorsicht im Krisenfall entsteht. Er wird durch staatliche „Rettungsmaßnahmen“ nivelliert. Vermeintliche Schwarze Schwäne rechtfertigen so eine Rettungspolitik, die effektives Risikomanagement bestraft und somit die nächsten Schwarzen Schwäne produziert.

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