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Krisenvorbeugung : Schwarzer Schwan und Vogel Strauss

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Selbstverständlich gibt es bereits eine Reihe guter Risikoberichte auch auf staatlicher Ebene. So sind etwa die vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz vorgelegten Risikoanalysen für Deutschland ein guter erster Schritt. Allerdings ist der Blick des Bundesamtes aufgrund der Fokussierung auf den Katastrophenschutz zu eng. Ereignisse wie eine Finanzkrise bleiben bei der Betrachtung naturgemäß unberücksichtigt. Dabei ist eine solche Krise im Zweifel für das Land existentieller als jeder noch so schadenträchtige Wintersturm.

In den Vereinigten Staaten hat das Office of Financial Research den Auftrag erhalten, einen Bericht mit Fokus auf die Finanzmarktstabilität vorzulegen. Der kurz vor Weihnachten erschienene Bericht ist ein erfreuliches Beispiel für eine entsprechende Risikoberichterstattung. Auch der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank legen regelmäßig gute Risikoanalysen vor. Doch all diese Institutionen betrachten lediglich die Risiken in ihrem Zuständigkeitsbereich.

Wünschenswert wäre ein Risikobericht, der konzeptionell kein nennenswertes potentielles Risiko für den Staat von vornherein ausklammert und die nötige Transparenz über die Risiken herstellt. Eine solche Transparenz ist nicht nur für die Politikberatung wichtig. Gleichzeitig erzeugt sie in der Bevölkerung Verständnis für politisches Handeln und schafft damit Vertrauen. Die Bürger fühlen sich ernst genommen.

Eine solche staatliche Risiko-Kümmerer-Funktion müsste frei von politischer Einfluss- und Rücksichtnahme sein. Denkbar wäre ein unabhängiges Gremium, etwa analog dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dieses müsste sich auch mit langfristigen Trends befassen, etwa der demographischen Entwicklung, mit dem Klimawandel oder der Erosion der Fiskaldisziplin in der Eurozone. Denn langfristigen Entwicklungen wird zu wenig Beachtung geschenkt, weil sie nur graduell voranschreiten und die unmittelbaren Auswirkungen zunächst unspektakulär sind. Der Vorsitzende eines solchen Risikorates könnte als „Chief Risk Officer Deutschlands“ der Risikoanalyse ein Gesicht geben und somit auch die nötige mediale Aufmerksamkeit erzeugen. Wer auf das prinzipiell Vorhersehbare vorbereitet ist, der hat die Hände frei für das wirklich Unvorhersehbare, wenn es denn passiert, wenn also ein echter Schwarzer Schwan landet.

Bei der Beschäftigung mit Schwarzen Schwänen geht es nicht darum, nur Untergangsszenarien zu zeichnen. Man muss nicht wie die Gallier in den Asterix-Comics jeden Tag Angst davor haben, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt. Wir brauchen auch im 21. Jahrhundert, vielleicht sogar mehr denn je, mutige Entscheidungen. Gute Entscheidungen zeichnen sich dadurch aus, dass „Risiken und Nebenwirkungen“ berücksichtigt sind. Deshalb brauchen wir in Unternehmen wie in den Staaten eine schonungslose und lückenlose Sicht auf die Risiken. Hier gilt es noch viele Lücken zu schließen.

Ein Risikobericht und ein „Chief Risk Officer“ werden die Transparenz über Risiken, deren Eintrittswahrscheinlichkeiten und deren Folgen erhöhen. Und Schwarze Schwäne gibt es ja wirklich: In Australien ist er als sogenannter Trauerschwan sogar so verbreitet, dass er es zum Wappentier des Bundesstaates Westaustralien gebracht hat.

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